Ärztekammer Nordrhein

Drosten: Corona-Impfung wird Mammutaufgabe für Arztpraxen

Großes Interesse am Gastvortrag von Deutschlands wohl berühmtesten Virologen, Christian Drosten, bei der Ärztekammer Nordrhein. Dieser erklärte, warum auch unter 65-Jährige zügig gegen Corona geimpft werden sollten – ebenso wie Kinder.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Pandemiebedingt war Professor Christian Drosten nur per Videokonferenz zugeschaltet.

Pandemiebedingt war Professor Christian Drosten nur per Videokonferenz zugeschaltet.

© Ilse Schlingensiepen

Düsseldorf. Auch wenn zurzeit die Corona-Impfung von alten Menschen und Mitarbeitern aus dem Gesundheitswesen im Vordergrund steht, sollte man sich schon jetzt auf den nächsten Kraftakt vorbereiten: eine möglichst schnelle Impfung der nächstjüngeren Altersgruppe.

Das empfiehlt der Virologe Professor Christian Drosten. „Für die Zeit nach Ostern wird es das wichtigste Ziel sein, eine Durchimpfung der unter 65-Jährigen hinzubekommen“, sagte Drosten bei der Jörg-Dietrich-Hoppe-Vorlesung der Ärztekammer Nordrhein.

Die Vortragsreihe findet seit 2013 zur Erinnerung an den Ende 2011 verstorbenen ehemaligen Präsidenten der ÄKNo und der Bundesärztekammer statt – in diesem Jahr erstmals digital. Das Interesse an Drostens Äußerungen war riesig. Nach Angaben von ÄKNo-Präsident Rudolf Henke gab es in der Spitze 1865 registrierte Teilnehmer. „Das zeigt, wie sehr uns die Pandemie umtreibt.“

Druck Richtung Öffnungen wird massiv steigen

Nach Ostern wird sich der Druck in Richtung Lockerung der Pandemie-bedingten Einschränkungen erhöhen, erwartet Drosten. Wahrscheinlich seien die über 80-Jährigen dann bereits geimpft und die Impfung der 60- bis 80-Jährigen laufe. 23,6 Millionen Einwohner seien zwischen 40 und 60 Jahre alt.

Eine erneute Infektionswelle könnte zu 12.000 Todesfällen führen, skizzierte der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité ein mögliches Szenario. Bei fünf Prozent der Altersgruppe könnte es zu schweren und moderaten Krankheitsverläufen kommen – „von schwerkrank zu Hause bis akut aufnahmepflichtig“. Das würde auch zu enormen wirtschaftlichen Schäden führen.

Bei der Impfung der unter 65-Jährigen müssten die Risikogruppen prioritär geimpft werden bei gleichzeitigem Anlaufen der Flächenimpfung, schlug Drosten vor. Die Logistik müsse geplant, die Impfbereitschaft der Altersgruppe mobilisiert werden.

„Auch Kinder müssen zügig immunisiert werden“

Er rechnet mit vielen Diskussionen über diesen Schritt der Pandemie-Bekämpfung. „Wir müssen die Rolle der Betriebsärzte und der niedergelassenen Ärzte bei der Mammutaufgabe klären, einen großen Teil der erwachsenen Bevölkerung zu impfen.“

Auf die niedergelassenen Ärzte kommt hier eine „Mammutaufgabe“ zu, erwartet er. Insgesamt muss es das Ziel sein, möglichst schnell die Hälfte der Bevölkerung zwischen 18 und 65 inklusive der Risikogruppen zu impfen, sagte der Virologe. „Es wird wahrscheinlich reichen, wenn man 50 Prozent geimpft hat, das sieht man gerade in Israel.“ Schließlich werde es die nicht-pharmazeutischen Interventionen weiterhin geben.

Das „nächste große Fragezeichen“ sieht er in der Durchimpfung der Kinder. „Man kann nicht verantworten, im Herbst die ganzen Kinder durchinfizieren zu lassen.“ Auch bei ihnen gebe es schwere Verläufe. „Wir müssen zu einer praktikablen Zulassungssituation kommen“, forderte Drosten. Die zugesagten Impfstoffmengen werden nach seiner Einschätzung auch für die Immunisierung der Kinder reichen.

Infektionscluster müssen stärker identifiziert werden

Der Virologe hält es für notwendig, die Bildung von Infektionsclustern viel stärker in den Blick zu nehmen. „Wir müssen nicht fragen, wen haben Sie vor ein paar Tagen getroffen, den Sie infiziert haben könnten, sondern wo könnten Sie sich ungefähr vor zehn Tagen das Virus geholt haben.“ Mit dem Aufspüren von Quellclustern steht und fällt für ihn die Krankheits- und Übertragungskontrolle in der Gesellschaft. „Quellcluster müssen sofort isoliert und als Ganzes in Quarantäne gesetzt werden.“ Nach kurzer Zeit könne wieder entisoliert werden.

In einem solchen Vorgehen, für das er sich schon länger stark macht, sieht Drosten auch eine Möglichkeit, den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Der Vorschlag: Wenn ein Schüler positiv getestet wird, wird die ganze Klasse als Quellcluster betrachtet und geht für fünf Tage in Heimquarantäne. Danach können sich die Kinder mit Point-of-care-Antigen-Tests freitesten. Nur wer positiv ist, muss weiter zu Hause bleiben.

Plädoyer für AstraZeneca-Impfstoff

Der Virologe brach eine Lanze für die Vektorimpfstoffe wie den von AstraZeneca, mit dem zunächst vor allem medizinisches Personal geimpft werden soll. „Wenn ich vor der Wahl stünde, würde ich mich gegen die Astra-Vakzine alles andere als wehren.“ Gerade bei Jüngeren sei das ein sehr guter Impfstoff. Und nicht nur das: „Beim schweren Verlauf sind alle Vakzine überraschend gut.“

An seiner Beratungstätigkeit für die Politik sei nichts Geheimnisvolles, betonte er. Es gehe dabei um wissenschaftliche Hintergrundinformationen. „Wer wissen will, was ich in der Politikberatung sage, kann sich auch meinen Podcast anhören“, sagte der wohl bekannteste Virologe der Republik.

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