Arzt

Ein Traumberuf, der zur Zerreißprobe wird

Medizinstudium plus Facharztweiterbildung erfolgreich abzuschließen schafft nur, wer hochmotiviert ist. Doch die Arbeitsbedingungen an Kliniken machen viele Ärzte später mürbe.

Von Christiane BadenbergChristiane Badenberg Veröffentlicht:
Müde und ausgelaugt: Das gilt für den Arbeitsalltag zu vieler Ärzte an deutschen Krankenhäusern.

Müde und ausgelaugt: Das gilt für den Arbeitsalltag zu vieler Ärzte an deutschen Krankenhäusern.

© Wavebreak Media / Thinkstock

BERLIN. Die Arbeitsbedingungen an vielen deutschen Krankenhäusern sind schlecht. Das ist nicht neu. Trotzdem ist es immer wieder erschreckend zu hören, was sich in deutschen Kliniken abspielt und vor allem, wie sich die Verhältnisse auf Ärzte und in ähnlichem Maß sicher auch auf Pflegekräfte auswirken. Zum Beispiel am Wochenende auf der Hauptversammlung des Marburger Bundes (MB) in Berlin.

So gaben bei einer repräsentativen Umfrage des Marburger Bundes 39 Prozent der Teilnehmer an, dass sie sich durch ökonomische Erwartungen, die der Arbeitgeber an sie heranträgt, häufig oder fast immer unter Druck gesetzt sehen. 59 Prozent der Ärzte fühlen sich durch ihre Tätigkeit häufig psychisch belastet.

Gesundheitsliche Beeinträchtigung

Fast drei Viertel (72 Prozent) sehen sich durch ihre Arbeitsbedingungen gesundheitlich beeinträchtigt. 28 Prozent erhalten für geleistete Überstunden weder einen finanziellen noch einen Freizeit-Ausgleich. Dabei berichten viele, dass sich durch Freizeitausgleich die psychische Belastung verringere. 79 Prozent der Frauen und 76 Prozent der Männer sehen durch ihre Arbeitsbedingungen das eigene Familienleben stark beeinträchtigt.

Da verwundert es nicht, dass 49 Prozent der teilnehmenden Frauen und 44 Prozent der Männer erwägen, ihre jetzige Tätigkeit aufzugeben. Bei dieser Frage nutzten etwa 200 Ärzte die Gelegenheit in einem Freitextfeld ihre Gründe darzulegen, warum sie darüber nachdenken, ihre aktuelle Tätigkeit aufgeben zu wollen.

Dabei tauchten immer wieder die Begriffe Zeitdruck, Druck, Personalmangel, Mobbing, fehlender Respekt, fehlende Anerkennung und Wertschätzung auf. Ein Teilnehmer schrieb: "Diese Leistungsdichte werden nur wenige bis zur Rente ohne gesundheitliche und soziale Schäden überstehen."

Als diese Antwort bei der Präsentation des MB-Monitors vorgetragen wurde, brandete spontaner Applaus der Delegierten auf. Die Aussage des Arztes und die Reaktion der Delegierten empfand MB-Vize Dr. Andreas Botzlar als Aufforderung an den Verband, aktiv zu werden. "Ich habe mich ein wenig über den Applaus erschreckt. Aber wenn 50 Prozent unserer Kollegen im Land überlegen, ihre Arbeit aufzugeben, dann ist es unsere Aufgabe, hier gegenzusteuern", lautete sein Fazit.

Höhere Suizidrate

Welche Konsequenzen permanente Überlastung und ein hoher Anspruch an sich selbst für Ärzte haben, machte Christoph Middendorf, Geschäftsführer der Oberberg Therapie GmbH, deutlich. Die Oberbergkliniken haben sich unter anderem auf die Therapie von Ärzten spezialisiert.

Middendorf stellte Untersuchungen vor, nach denen zwar 82 Prozent aller Ärzte Freude an ihrem Beruf haben, sich aber trotzdem "50 Prozent aller Ärzte abends völlig fertig fühlen". Unter Ärzten sei die Suizidrate im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung bis zu 3,4 mal so hoch.

Besonders betroffen seien Anästhesisten und Psychotherapeuten. Nach einer Untersuchung der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2011 leiden sieben bis acht Prozent der Ärzte an einer Suchterkrankung. Der durchschnittliche Wert in der Bevölkerung liegt bei knapp über zwei bis drei Prozent.

Middendorf wies daraufhin, dass spezifische Angebote für Ärzte erfolgreicher seien, als solche, die Suchtkranken mit anderen beruflichen Hintergründen offeriert würden. "Ärzte sind Risikopatienten: Sie kommen immer zu spät in die Behandlung und bagatellisieren auch ernste Befunde," ist seine Erfahrung.

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