Unerwartetes COVID-19-Phänomen

England: Sinkende Corona-Inzidenzzahlen geben Rätsel auf

EM, Partys, Schutzmaßnahmen radikal gelockert – trotzdem gehen in England nach einem zunächst rasanten Anstieg die Infektionszahlen deutlich runter. Eine schlüssige Erklärung dafür gibt es bislang nicht.

Arndt StrieglerVon Arndt Striegler Veröffentlicht:
Musikfestival Ende Juli in Dorset: Abstand, Maske? In England zur Zeit kein Thema mehr. Trotz solcher Veranstaltungen sinken die Infektionszahlen.

Musikfestival Ende Juli in Dorset: Abstand, Maske? In England zur Zeit kein Thema mehr. Trotz solcher Veranstaltungen sinken die Infektionszahlen.

© Hannah Meadows Photography / Avalon / picture alliance

London. Warum sinkt in England die Zahl der COVID-Neuinfektionen, obwohl seit mehr als zwei Wochen fast alle Präventivmaßnahmen wie Abstandsregeln, Maskenpflicht und Versammlungsverbote aufgehoben sind? Mit anderen Worten: Was läuft in England gerade richtig und warum? Ärzte und Wissenschaftler bieten derzeit verschiedene Erklärungstheorien an. Keine ist absolut schlüssig.

Eine Theorie ist die von Wissenschaftlern der englischen Universität East Anglia: Nach Monaten einer eskalierenden Infektionslage mit stark steigenden Erkrankungszahlen sei jetzt die Trendwende nicht zuletzt dank der Massenimpfungen und mehr und mehr überstandener Infektionen, die dann zur Antikörperbildung führten, geschafft.

Viele Neuinfektionen, aber auch viele Geimpfte

Die Wissenschaftler aus East Anglia sprechen von einem „Endemic Equilibrium“. Gemeint ist damit ein Zustand der Balance, wo dank hoher Impfquoten und durch Infektion erlangter Immunität einzelne Ereignisse wie der „Freedom Day“ Mitte Juli, als in England fast alle COVID-Beschränkungen fielen oder die Fußball-EM, zwar kurzfristig zu einer steigenden Zahl von Neuinfektionen führten. Diese sich dann aber nicht zu einer großen Infektionswelle entwickelten.

Als Beispiel nennen die Forscher die Fußball-EM. Im Juni kurz nach dem ersten Spiel der englischen Nationalmannschaft seien die Infektionszahlen zunächst stark angestiegen. Dieser Anstieg sei aber nur kurz gewesen. Ebenso nach dem EM-Viertelfinale. Auch hier seien die Infektionszahlen unmittelbar nach den Spielen zunächst deutlich gestiegen, um dann aber auch relativ schnell wieder abzuflachen.

Vor Schulbeginn sollen viele Junge geimpft werden

Laut neuesten Zahlen des Londoner Gesundheitsministeriums sind inzwischen in Großbritannien mehr als 38,7 Millionen Patienten vollständig gegen COVID-19 geimpft. Das entspreche 58,1 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Anfang August gab das Londoner Gesundheitsministerium bekannt, dass rund 1,4 Millionen 16- und 17-jährige Patienten jetzt auch zur Impfung eingeladen werden sollen. Dabei ist die Zustimmung der Eltern laut Bestimmungen nicht länger zwingend notwendig.

„Unser Ziel ist es, möglichst noch vor Schulbeginn nach den Sommerferien so viele 16- und 17-jährige wie möglich zu impfen“, so der britische Gesundheitsminister Sajid Javid. So solle verhindert werden, dass die Schulen zum Treiber einer neuen Infektionswelle auch in der Allgemeinbevölkerung würden.

Fast alle Erwachsenen haben Antikörper

Interessant: laut Office of National Statistics (ONS) haben inzwischen 94 Prozent der volljährigen Patienten in England COVID-Antikörper. Bei den 16- bis 24-Jährigen seien es immerhin schon 80 Prozent, so das Statistikamt. Mehr als die Hälfte der 16- und 17-Jährigen hätten ihre Antikörper durch eine Infektion erlangt.

Die Regierung sieht dies als gutes Zeichen auf dem Weg zur Herdenimmunität. Allerdings gibt es Zweifel daran, wie verlässlich die ONS Daten tatsächlich sind. Daher warnen in diesen Tagen Wissenschaftler immer wieder davor, durch zu hastige Lockerungsmaßnahmen die frühen Impferfolge im Kampf gegen das Virus leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Ein weiterer Faktor dürfte nach Einschätzung von Epidemiologen die Tatsache sein, dass die Zahl der vorgenommenen COVID-Tests von Tag zu Tag und von Woche zu Woche stark variieren kann. Einige Ärzte vermuten, Patienten vermieden die Tests, um nach einem positiven Befund nicht in Quarantäne zu müssen. Freilich: „Das allein reicht nicht aus, um das Phänomen der sinkenden Zahlen zu erklären“, so Professor James Naismith von der Universität Oxford.

Gleichzeitig überwiegt bei Ärzten und Wissenschaftlern die Einschätzung, man wisse nach wie vor zu wenig über das Virus und Virus-Mutationen, um schon jetzt verlässliche Aussagen zu treffen, wie sich die Pandemie im Herbst und Winter weiter entwickeln werde.

Großartig, aber schwer erklärbar

„Die sinkenden Fallzahlen sind großartige Neuigkeiten, aber sie sind auch verwirrend und schwer zu erklären vor dem Hintergrund der Aufhebung der Anti-COVID-Maßnahmen“, so der Virologe Stephen Griffin von der Universität Leeds.

Zumindest in einem scheinen sich Wissenschaftler und Ärzte im Königreich derzeit einig zu sein: die noch im Frühjahr von der Regierung an die Wand gemalten Horror-Szenarien, dass sich in Großbritannien täglich bis zu 100.000 Patienten neu mit COVID infizieren könnten, waren von Anfang an zu pessimistisch und auch unrealistisch. „Das war von vornherein nicht plausibel und es war unrealistisch, da bereits im Frühjahr klar war, dass die Infektionswelle als Folge der Delta-Mutation ihren Höhepunkt bereits erreicht hatte“, so Professor Paul Hunter von der Universität East Anglia.

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