Berufspolitik

Familiäres Darmkrebsrisiko - da zählt gezielte Früherkennung

Eine Umfrage der Betriebskrankenkassen zeigt nach Ansicht der Initiatoren, dass es sinnvoll ist, Menschen mit erhöhtem Darmkrebsrisiko auch vor dem 50. Lebensjahr einen Anspruch auf Früherkennung zu gewähren.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Wer das familiäre Darmkrebsrisiko kennt, lässt sich eher vom Arzt beraten. Viele scheuen aber die Darmspiegelung.

Wer das familiäre Darmkrebsrisiko kennt, lässt sich eher vom Arzt beraten. Viele scheuen aber die Darmspiegelung.

© Klaro

KÖLN. Die Früherkennung muss besser an Menschen mit einem familiären Darmkrebsrisiko angepasst werden. Dazu gehören die gezielte Ermittlung von Risikopatienten und ihr Anspruch auf Früherkennungsmaßnahmen schon vor dem 50. Lebensjahr.

Das zeigt eine Studie der Betriebskrankenkassen (BKK). Sie hatten im vergangenen Jahr an 12 000 Essener BKK-Versicherte im Alter von 30 bis 54 Jahren einen Fragebogen mit drei Fragen zum persönlichen Darmkrebsrisiko geschickt (wir berichteten).

Insgesamt 2355 Versicherte schickten den Fragebogen zurück, das war eine Rücklaufquote von 19 Prozent. Von ihnen hatten 373 oder 16 Prozent ein familiäres Risiko.

Mehr Risikopatienten identifziert, als erwartet

"Das ist eine höhere Rate, als zu erwarten war", sagt Studienleiterin Dr. Claudia Pieper vom Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie der Universitätsklinik Essen. Es sei nicht auszuschließen, dass manche Versicherte die Fragen nicht richtig verstanden hatten, sagt Pieper.

Allerdings zeigte die Nachbefragung bei einer Zufallstichprobe mit 104 Teilnehmern kaum Abweichungen bei den Antworten.

Die Risiko-Kandidaten erhielten nach drei Monaten einen zweiten Fragebogen. Daran beteiligten sich noch 231 Versicherte.

Von ihnen gaben 52 Prozent an, dass ihnen das erhöhte Risiko bekannt war, 20 Prozent hatten es geahnt. "Das kann ein Indiz für eine gute Aufklärung sein", sagt sie. Immerhin 19 Prozent wurden aber von dem Ergebnis überrascht.

Überraschend: Teilnehmer, die von ihrem Risiko erfahren hatten, gingen seltener zum Arzt

Von den 231 Teilnehmern an der zweiten Befragung hatten 100 einen Haus- oder Facharzt kontaktiert. Dabei gingen von den Menschen, denen ihr erhöhtes Risiko neu war, weniger zum Arzt als von den anderen - ein überraschendes Ergebnis.

90 Patienten erhielten vom Arzt den Rat, eine Darmspiegelung oder einen Stuhltest machen zu lassen, vier sollten erst einmal gar nichts tun. Fast alle Patienten - nämlich 92 - fühlten sich vom Haus- oder Facharzt gut beraten.

75 waren zum Zeitpunkt der Befragung den Empfehlungen gefolgt, 17 wollten es noch tun. Nach Einschätzung von Pieper hat die Aktion gezeigt, dass der Fragebogen im Alltag nur mit Einschränkungen tauglich ist.

"Das Ausfüllen des Fragebogens allein ersetzt nicht die Anamnese." Wichtig sei vor allem die Bindung an den Arztkontakt. "Der Fragebogen sollte in das Arzt-Patienten-Gespräch integriert werden, damit eine strukturierte Früherkennung möglich ist", sagt sie.

Projekt-Initiator: Voller Erfolg

Für Joachim Wolf, Vorstandsvorsitzender der E.ON BKK und Initiator des Projekts, war die Aktion ein voller Erfolg. Sie habe gezeigt, wie wichtig die gezielte Risikoerhebung ist.

Immerhin sei jedem Fünften das familiäre Risiko nicht bekannt gewesen. Der Gemeinsame Bundesausschuss habe die Studienergebnisse bereits erhalten, berichtet Wolf. Patienten mit einer familiären Vorgeschichte müssten schon vor dem 50. Lebensjahr Anspruch auf Früherkennungsmaßnahmen erhalten.

"Wir wollen erreichen, dass der Antrag, der seit 2008 beim GBA liegt, endlich bearbeitet wird", sagt er. Nach seiner Vorstellung soll jeder, der zum Check-up 35 kommt, vom Arzt gefragt werden, ob es in seiner Familie Todesfälle durch Darmkrebs gab. Wolf hat in seinem Unternehmen bereits 2003 mit Aktionen zur Darmkrebs-Früherkennung begonnen. "Die Fallzahlen beim Kolon-Karzinom sind seitdem rückläufig", berichtet er.

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