Finanzlage der Krankenkassen

GKV zur Jahresmitte mit 287 Millionen Euro im Minus

Die Gesetzliche Krankenversicherung verzeichnet im ersten Halbjahr nur ein mildes Defizit – dank des massiven Steuerzuschusses in diesem Jahr. Doch 2023 wird Schmalhans Küchenmeister sein.

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Die Zeit der hohen Rücklagen ist für Krankenkassen vorbei. Im kommenden Jahr dräut in der GKV ein Finanzloch von mindestens 17 Milliarden Euro.

Die Zeit der hohen Rücklagen ist für Krankenkassen vorbei. Im kommenden Jahr dräut in der GKV ein Finanzloch von mindestens 17 Milliarden Euro.

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Berlin. Die gesetzliche Krankenversicherung hat das erste Halbjahr 2022 mit einem Defizit von 287 Millionen Euro abgeschlossen. Die Knappschaft schloss die Halbjahresbilanz mit einem Überschuss von 37 Millionen Euro ab, bei den Innungskassen und der Landwirtschaftlichen Krankenkasse waren es jeweils 32 Millionen Euro.

Die höchsten Ausgabenüberschüsse verzeichneten die Ersatzkassen mit 235 Millionen Euro. Im AOK-System belief sich das Defizit auf 98 Millionen Euro, bei den Betriebskassen waren es 56 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr hatte die GKV das erste Halbjahr noch mit einem Defizit von 1,9 Milliarden Euro abgeschlossen.

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Die Leistungsausgaben haben im ersten Halbjahr dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,2 Prozent zugelegt. Die Beitragseinnahmen der Kassen stiegen – ohne Zusatzbeiträge – um 4,1 Prozent. Das Bundesgesundheitsministerium warnt selbst, die Angaben zu den Leistungsausgaben seien mit Vorsicht zu genießen, da sie auf einer Corona-bedingt niedrigen Basis im Vorjahr aufsetzten. Der Anstieg der Verwaltungskosten der Kassen wird mit plus 11,3 Prozent angegeben. Dieser Wert sei auf die Bildung von hohen Altersrückstellungen einer einzelnen Kasse zurückzuführen – die Steigerungsrate werde im Jahresverlauf deutlich zurückgehen, heißt es.

Anstieg fällt bei Ärztehonoraren am geringsten aus

Mit Blick auf die großen Ausgabenposten in der GKV weisen Arzneimittel mit 6,7 Prozent die größte Dynamik auf. Die Ausgaben für die stationäre Behandlung nahmen um vier Prozent zu. Dabei stechen die Pflegepersonalkosten heraus, die 2020 aus den DRG-Pauschalen ausgegliedert wurden. Hier ist im ersten Halbjahr ein Anstieg um zehn Prozent zu verzeichnen – im Vorjahr hatte der Zuwachs hier noch 14 Prozent betragen.

Den geringsten Zuwachs weisen mit 2,3 Prozent die Ärztehonorare auf. Dabei reicht die Entwicklung je nach Kassenart von einem Rückgang um vier Prozent (Knappschaft) über 1,3 Prozent im AOK-System. Den höchsten Zuwachs verzeichnen die Ersatzkassen mit 3,4 Prozent.

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Die höchsten prozentualen Ausgabenanstiege wurden im ersten Halbjahr mit 16,5 Prozent bei Schutzimpfungen verzeichnet. Ursächlich dafür seien insbesondere die Ausgaben für Herpes-Zoster-Impfstoffe – die Kosten für Corona-Impfstoffe fallen nicht darunter, da sie vom Bund und nicht von der GKV finanziert werden..

Rücklagen der Kassen weiter geschrumpft

Die Finanzreserven der Kassen sind im Vergleich zur Jahresmitte 2021 von 14,8 auf 9,6 Milliarden Euro geschrumpft. Grund ist vor allem die vom Gesetzgeber verordnete zwangsweise Abführung von Rücklagen der Kassen an den Gesundheitsfonds. Die aktuellen Rücklagen entsprechen rund 0,4 Monatsausgaben. Mit dem geplanten GKV-Finanzstabilisierungsgesetz sollen diese weiter abgeschmolzen werden – bis nahe an die gesetzlich vorgesehene Mindestreserve von 0,2 Monatsausgaben.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erwartet, dass die GKV in diesem Jahr „in den schwarzen Zahlen bleibt“. Grund hierfür ist insbesondere der Extra-Steuerzuschuss von 14 Milliarden Euro. Insgesamt pumpt der Bund in diesem Jahr 28,5 Milliarden Euro an Steuergeld in die GKV. Nach den aktuellen Planungen des BMG sollen für 2023 neben dem regulären Bundeszuschuss von 14,5 Milliarden Euro dagegen nur zwei Milliarden Euro extra an die GKV fließen. Befürchtet wird für kommendes Jahr ein Defizit von mindestens 17 Milliarden Euro.

Mit Spannung erwartet werden Mitte Oktober die Beratungen des Schätzerkreises. Das Expertengremium wird dann Einnahmen und Ausgaben für 2023 prognostizieren. Auf dieser Basis wird das BMG dann Ende Oktober den durchschnittlichen Zusatzbeitrag für 2023 bekannt geben. Dieser liegt aktuell bei 1,3 Prozent. Angekündigt hat Lauterbach im GKV-Finanzstabilisierungsgesetz bereits einen Anstieg des durchschnittlichen Zusatzbeitragssatzes um 0,3 Punkte. (fst)

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