23 Thesen

Gesundheitsexperten kritisieren Corona-Politik scharf

Die Corona-Impfung dauert vier Jahre, ungezielte Tests verzerren Messwerte, der Bundesregierung fehlt die politische Fantasie: Eine Gruppe hochrangiger Gesundheitsexperten meldet sich im Vorfeld neuer Bund-Länder-Gespräche mit provokanten Thesen zu Wort.

Von Anno Fricke Veröffentlicht: 04.05.2020, 15:59 Uhr
Gesundheitsexperten kritisieren Corona-Politik scharf

Renommierte Gesundheitsfachleute kritisieren die Bundesregierung dafür, dass weitreichende Entscheidungen beim Shutdown auf der Basis wenig valider Daten getroffen wurden.

© WoGi / stock.adobe.com

Berlin. Im Vorfeld der Gespräche zwischen Bund und Ländern am Mittwoch (6. Mai) haben Gesundheitsexperten massive Kritik an der aktuellen Corona-Politik geübt.

Die „typische Infektionskrankheit“ COVID-19 stelle keinen Anlass dafür dar, in „quasi metaphysischer Überhöhung alle Regeln, alles Gemeinsame, alles Soziale in Frage zu stellen oder sogar außer Kraft zu setzen“, schreibt eine Gruppe von gesundheitspolitischen Fachleuten um den früheren Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium und Mitautor des SGB V Franz Knieps in einem Papier mit Datum vom 3. Mai, das der „Ärzte Zeitung“ vorliegt.

In insgesamt 23 Thesen äußern sie unter anderem Zweifel daran, ob der wissenschaftliche Instrumentenkasten zur Ausstattung der Politik mit Entscheidungsgrundlagen ausreichend genutzt wird. Einer Ausweitung des Testumfangs stehen sie skeptisch gegenüber. Sollte es einen Impfstoff geben, könne es außerdem bis zu vier Jahre dauern, bis die Bevölkerung durchgeimpft wäre.

Was hat‘s gebracht?

Zudem stellen sie die Frage, ob die Alltagsbeschränkungen und Geschäftsschließungen überhaupt etwas gebracht haben. Die häufig als Begründung dafür angeführte Reproduktionszahl liege ausweislich von Daten aus dem Robert Koch-Institut (RKI) bereits seit vor dem 23. März unter dem Wert 1, deute also seither schon auf ein Abklingen der Epidemie hin.

Es gebe deutliche Anhaltspunkte, dass einfache Maßnahmen wie das Verbot von Großveranstaltungen bereits ausgereicht hätten, um auf den aktuellen Stand der Epidemie zu kommen.

Die Autoren stellen in diesem Zusammenhang „unverändert Probleme in der Berichterstattung und Strategie“ fest. Zahlen und Messgrößen, auf denen politische Entscheidungen im Zusammenhang mit COVID fußten, widersprächen sich und würden von den Akteuren jeweils unterschiedlich interpretiert.

Epidemie ist nicht simpel messbar

Die Annahme des RKI, das Ausbruchsgeschehen in Deutschland lasse sich wie Wasserstände mit einem Peilstab mittels täglicher Messungen homogen abbilden, sei nicht zutreffend. Vielmehr handele es sich um ein „inhomogenes, herdförmig ablaufendes Geschehen“.

Ihre These: „Die Aussagekraft der täglich gemeldeten Neuinfektionen in der jetzigen Form ist sehr gering.“ Dieser Wert solle dringend um die Zahl der im gleichen Zeitraum getesteten Personen ergänzt werden.

Das Papier schreibt das Thesenpapier „Datenbasis verbessern, Prävention gezielt weiterentwickeln, Bürgerrechte wahren“ vom 4. April fort. Damals wie heute sind die Autoren die ehemaligen Gesundheitsweisen Professor Matthias Schrappe und Professor Gerd Glaeske, der ehemalige Vorsitzende des Expertenbeirats des Innovationsfonds Professor Holger Pfaff. Die Pflegekompetenz ist durch Hedwig Francois-Kettner vertreten.

Der heutige Vorsitzende des BKK-Dachverbands Franz Knieps und – neu – der Pathologe Professor Klaus Püschel vervollständigen die Expertise hinter den Thesen. Staatsrat Dr. Matthias Gruhl aus der Hamburger Gesundheitsbehörde, Mitautor der Thesen vom 4. April, hat das neue Papier nicht unterzeichnet.

Experten mahnen mehr Fantasie an

Die Autoren mahnen eine fantasievollere und erfindungsreichere gesellschaftliche Lösungskompetenz an, die auf der Suche nach Präventionsstrategien über Kontaktsperren und soziale Isolation hinausreiche.

Es fehlten „energisch vorangetriebene Kohorten- und Clusterstudien“, um bessere Daten zur Prävalenz von COVID-19 verfügbar zu machen. Grundsätzlich überschätzten Prävalenzstudien nämlich die Häufigkeit im Vergleich zur Inzidenz und die Bedeutung von Patienten mit schweren Verläufen. Wegen der deutlichen Hinweise auf eine relevante Zahl asymptomatisch Infizierter und eine hohe Dunkelziffer müsse der Aufwand für solche Studien verstärkt werden. Zielgruppenspezifische Prävention solle an die Stelle von Social distancing treten.

Warnung vor Ausweitung der Testungen

Geplant werden sollten daher zudem repräsentative Stichproben mit PCR und Antikörper-Serologie sowie künftig Antigentests. Vor einer massiven Ausweitung der Testungen, wie sie in dem derzeit vorbereiteten „Zweiten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ anklingt, sei dagegen zu warnen.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil damit auch eine Zunahme falsch-positiver Testergebnisse provoziert werde, die dann aufwändig nachverfolgt werden müssten. Die Autoren schwächen auch die Bedeutung der Reproduktionszahl, die von Politikern immer wieder als wichtiges Maß angeführt wird.

Sie verweisen auf Erkenntnisse auch aus dem RKI selbst, dass ein Mehr an Tests die Reproduktionszahl wieder steigen lassen werde. Umgekehrt würden weniger Tests den Wert gegen Null führen.

Corona-Impfung über vier Jahre

Die Autoren gehen für die Zukunft von einem zufälligen, ungesteuerten und keinen linearen Mustern folgenden, lokalen Auftreten von COVID-19 auf. Sie nehmen an, dass Gesundheitseinrichtungen besonders betroffen sein könnten. Schon heute sind mit 2000 rund ein Drittel aller COVID-19 zugerechneten Todesfälle in Pflegeheimen aufgetreten. Mehr als 6500 Pflegekräfte haben sich angesteckt.

Der Strategie der Bundesregierung, Infektionsketten künftig wieder vollständig kontrollieren zu wollen, räumen die Autoren daher nur geringe Chancen ein. Dafür seien das Krankheitsgeschehen und die Gesellschaft zu komplex.

Immer vorausgesetzt, ein Impfstoff sei in ausreichender Menge vorhanden, gehen die Autoren des Papiers davon aus, dass es bei 60 Millionen Menschen ohne nachgewiesene Immunität 1000 Arbeitstage, also rund vier Jahre, dauern dürfte, bis alle drangewesen wären. Die Ärzte in Deutschland müssten in diesem Zeitraum 60.000 Menschen am Tag impfen – zusätzlich zum normalen Programm.
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COVID-19-Diagnose im Vergleich eher selten

Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler

Die sechs sich selbst als SARS-CoV-2 und Covid-19 "Gesundheits"-Experten Bezeichnenden mit ihren 23 Thesen sind: Prof. Dr. Gerd Glaeske, Bremer Praventionsforscher und Pharmakologe, Prof. Dr. med. Klaus Püschel, Hamburger Rechtsmediziner, Hedwig Francois-Kettner, Pflege-Dienstleitung UKE Hamburg, Prof. Dr. Matthias Schrappe, Universität Köln, Prof. Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes, und Prof. Dr. Holger Pfaff vom Zentrum für Versorgungsforschung an der Universität Köln. Sie sind nicht gerade die Experten, Meinungsbildner und Entscheidungsträger, was SARS-CoV-2 Infektionen und COVID-19-Erkrankungen in Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnose und Therapie angeht.

Von daher bitte ich um Aufmerksamkeit, kritische Reflexion und gedankliche Nachprüfung ihrer 23 weitgehend populistischen Thesen zur scheinbar besseren Bewältigung der Corona-Pandemie.

Vergleiche mit Taiwan sind m. E. obsolet, weil Lebens-, Ernährungs-, Arbeits- und Verhaltensweisen bzw. kulturelle Reflexion dort völlig anders als in Deutschland sind. Das dortige "lockdown" widerspricht auch den 23 Thesen unserer "Gesundheits"-Experten diametral.

Die vielbeschworenen Covid-19-Apps helfen nur bei Smartphone-Verfügbarkeit und korrekter Anwendung von mindestens 60% aller Bewohner Deutschlands von 0 bis 100 Jahren. Gerade die Hochrisikogruppen der Alten und Hochbetagten verfügen nicht ausreichend über Smartphones und deren notwendige Anwendungstechniken.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Dr. Thomas Georg Schätzler

"Gesundheitsexperten" sind keine Krankheitsexperten!

Ich stimme meinen Vorkommentatoren zu. Wann immer in Deutschland ein echtes Krankheitsproblem, ein infektiologisches noch dazu, auftaucht, kommen aus einer sicheren Distanz zum dramatischen Tagesgeschehen immer wieder unsere gesundbetenden "Gesundheitsexperten" hervorgekrochen und wollen uns die Welt erklären.

Liebe verblendete "Gesundheits"-Kollegen, Health Literacy-Freunde und Möchte-Gern-Mediziner, während der Krieg in Wuhan/China, in Norditalien, in Tirol, in Spanien, in New York/USA, in Russland, in Brasilien und anderswo tobte, habt Ihr schmollend Eure Klappe gehalten, weil Euch keiner zum Interview gebeten hat...

Bei HIV/AIDS war es dieselbe Leier: Hinterher meldeten sich die oberschlauen Prokrastinatinierer und Verschwörungstheoretiker, die angeblich schon vorher Alles besser gewusst haben.

Aber ganz ehrlich, das zieht bei mir nicht mehr. Dafür habe ich zu viele fragwürdige, esoterische, naiv-empirische, abgedrehte, vor- und unwissenschaftliche Meinungen, Ansichten und Vorurteile überwiegend falsifiziert bekommen. Von wissenschafts-kritischen Standards keine Spur.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Dr. Gert Krabichler

Ich kann Dr. Joachim Hoffmann's Kommentar nur voll zustimmen!
Darüberhinaus frage ich mich als Wissenschaftler, der seit Wochen detailiert die Entwicklung verfolgt, wer diese sogenannten Experten eigentlich sind? Nachkarten kann jeder, aber produktive Beiträge auf der wissenschaftlichen Seite habe ich dort von diesen sogenannten Experten nichts bemerkt. Und es ist schon interessant, wer von den Medien immer auf einen Expertenthron gehoben wird, um irgendwelche Schlagzeilen zu generieren.

Dr. Joachim Hofmann

Aus dem sicheren Deutschland kann man gut meckern. Hätten diese Experten lieber Verhältnisse wie in Spanien Italien oder New York gehabt?
Jetzt , wo scheinbar das Schlimmste vorbei ist, kommen sie wieder aus ihren Löchern und haben alles schon immer besser gewusst. Irgendwo find ich das ekelhaft.


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