Altenbericht

Giffey sieht „digitale Spaltung in der Gesellschaft“

Digitales ist bei Senioren auf dem Vormarsch: Immer mehr ältere Menschen nutzen Internet und Apps – etwa für einen virtuellen Arztbesuch. Doch die Nutzung hängt stark von zwei Faktoren ab, wie aus dem Altenbericht der Bundesregierung hervorgeht.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 12.08.2020, 15:57 Uhr
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey präsentiert den achten Altenbericht der Bundesregierung.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey präsentiert den achten Altenbericht der Bundesregierung.

© Carstensen/dpa

Berlin. Die Bundesregierung sieht in der Digitalisierung große Chance für ältere Generationen. Mit Blick auf die Nutzung digitaler Angebote durch Senioren gebe es ein „riesiges Potenzial“, das längst nicht ausgeschöpft sei, sagte Seniorenministerin Dr. Franziska Giffey (SPD) bei der Vorstellung des neuen Altenberichts am Mittwoch in Berlin. Zuvor hatte das Kabinett den Bericht beraten.

Nicht zuletzt die COVID-19-Pandemie mache deutlich, dass Senioren digitale Medien unterschiedlich stark nutzten, sagte Giffey. Der Altenbericht mache deutlich, dass es eine „digitale Spaltung in der Gesellschaft“ gebe. Diese verlaufe nicht nur zwischen Jung und Alt, „sondern auch innerhalb der älteren Generation“.

Umfragen zeigten, dass sich viele Senioren nur schwer in der digitalen Welt zurechtfänden, sagte Giffey. „Insofern ist es sehr bedeutsam, die Digitalkompetenzen älterer Menschen zu stärken.“ Ideale Orte dafür seien die bundesweit rund 500 Mehrgenerationenhäuser. Grundsätzlich müssten digitale Angebote auch den Bedürfnissen älterer Generationen Rechnung tragen.

Digitalisierung bedeute aus deren Sicht nicht nur die Möglichkeit, mit Kindern und Enkeln zu skypen oder sich etwas im Internet zu bestellen. „Es geht auch um echte Teilhabe und Zugang zu Informationen.“

Schicht und Bildung entscheidend

„Digitalisierung ist für die Gruppe älterer Menschen genauso bedeutsam wie für die Gruppe nachfolgender Generationen“, sagte der Vorsitzende der Altersberichtskommission und Direktor des Instituts für Gerontologie an der Uni Heidelberg, Professor Andreas Kruse. Eine Digitalisierungsstrategie müsse daher Belange und Bedürfnisse älterer Menschen in gleicher Weise im Blick haben wie die jüngerer Generationen.

Digitale Spaltung habe „sehr viel“ mit Schichtzugehörigkeit, Bildungsstand und materiellen Ressourcen eines Menschen zu tun, sagte Kruse. Wenn Digitalisierung zu mehr Teilhabe und einer besseren medizinischen und pflegerischen Versorgung beitrage, müssten davon alle älteren Menschen gleichberechtigt profitieren.

Virtueller Arztbesuch, ePA etc.

Der Altenbericht wird je Wahlperiode erstellt. Schwerpunkt des aktuellen Berichts ist die Frage, welchen Beitrag Digitalisierung für ein gutes Leben im Alter leisten kann – auch bei Gesundheit und Pflege.

Mithilfe technischer Assistenzsysteme oder Smart-Home-Technologien, heißt es dazu im Bericht, ließen sich alltägliche Dinge auch im zunehmenden Alter bewerkstelligen. Die digitalen Anwendungsgebiete bei Gesundheit und Pflege seien vielfältig. Sie reichten von elektronischen Patientenakten über virtuelle Arztbesuche bis hin zu Assistenzsystemen im eigenen Wohnzimmer.

Um das Potenzial auszuschöpfen, sei die digitale Infrastruktur auszubauen. Dazu gehörten der Netzausbau besonders in ländlichen Gebieten und die kostenfreie Bereitstellung von Internetzugängen im öffentlichen Raum.

Flächendeckendes Internet

„Der Bericht ist gut, aber jetzt muss auch etwas passieren“, sagte der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) und frühere SPD-Chef, Franz Müntefering. Internet und Mobilfunk müssten flächendeckend gut nutzbar sein. „Das ist jetzt wirklich mal an der Zeit.“

Es sei „nicht in Ordnung“, dass da, wo die meisten alten Menschen lebten, die Bedingungen für die Nutzung digitaler Medien „die schlechtesten sind“, kritisierte Müntefering. Ältere Menschen wiederum seien aufgefordert zu prüfen, „was von der Digitalisierung kann mir nützlich sein“. Akzeptieren müsse man aber auch, wenn sie digitale Anwendungen ablehnten. Das sei ihr gutes Recht.

„Menschen für Menschen, das ist nicht entbehrlich“

Der Digitalisierung seien aber auch Grenzen gesetzt, betonte Müntefering. Ein Drittel aller Pflegeheimbewohner in Deutschland seien schwer krank und viele kognitiv geschwächt. Sie könnten digitale Angebote kaum nutzen. Das mache deutlich: „Menschen für Menschen – das bleibt eine Notwendigkeit, das ist nicht entbehrlich.“ Digitalisierung könne vieles erleichtern, aber nicht alles ersetzen.

Die Grünen riefen die Bundesregierung unterdessen dazu auf, Digitalisierung als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge zu verstehen. Niemand dürfe „auf ein Abstellgleis“ geraten, forderte die Sprecherin für Alten- und Pflegepolitik der Grünen-Fraktion, Kordula Schulz-Asche, am Mittwoch. Es gelte, „Rahmenbedingungen und Standards zu setzen, die von Niederbayern bis Usedom gelten“.

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