Engpass bei Intensivbetten

Intensivkapazitäten erhöhen – für Kliniken bedeutet das auch finanziellen Druck

Krankenhäuser sollen elektive Eingriffe verschieben, damit genug Intensivbetten für die steigende Zahl der COVID-19-Patienten frei sind. Das stellt manche Kliniken vor erhebliche wirtschaftliche Probleme.

Von Christiane BadenbergChristiane Badenberg Veröffentlicht:
Weil in Bayern die Intensivbetten knapp wurden, mussten COVID-Patienten wie hier vom Allgäu-Airport in Memmingen in andere Bundesländer geflogen werden.

Weil in Bayern die Intensivbetten knapp wurden, mussten COVID-Patienten wie hier vom Allgäu-Airport in Memmingen in andere Bundesländer geflogen werden.

© Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Neu-Isenburg. In immer mehr Krankenhäusern werden elektive Eingriffe verschoben, um Betten, Personal und vor allem Intensivkapazitäten für COVID-Patienten freizuhalten. Das ist angesichts der dramatischen Lage ein Gebot der Stunde und politisch gewollt. Doch die Belastungssituation ist regional sehr unterschiedlich.

Das stellt Kliniken, die Betten freihalten sollen, aber nicht viele COVID-Patienten haben, noch einmal vor ganz spezielle Herausforderungen. Diese schildert Professor Manuel Wenk, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Florence Nightingale Krankenhaus, auf Nachfrage des Science Media Centers.

Die Auswirkungen der Pandemie zeigten sich derzeit regional sehr unterschiedlich. Nun sollten aber elektive Eingriffe verschoben werden, um vorbeugend Kapazitäten freizuhalten. „Aber wer erklärt das erstens den abgesetzten Patienten? Und: Wer kommt für den finanziellen Ausgleich auf, wenn Betten freigehalten werden, für den Fall, dass...?“, fragt Wenk.

Freihaltepauschalen haben den Druck gelindert

Mit den Freihaltepauschalen aus den ersten Pandemiewellen hätten die Kliniken ohne finanziellen Druck Kapazitäten schaffen können. Nun würden aber nur noch für die Behandlung jedes Corona-Patienten Pauschalen gezahlt. Wenn eine Klinik aber noch gar keinen Corona-Patienten habe, weil sie in einer weniger stark betroffenen Region liege, erhalte sie keinen finanziellen Ausgleich, solle aber Kapazitäten schaffen und Reserven vorhalten.

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„Aber: Wie sollen Sie Betten freihalten und Eingriffe absagen ohne Sorge zu haben, dass ihr Krankenhaus nächstes Jahr finanziell ruiniert ist?“, fragt Wenk. Könne man Krankenhäusern, die noch keine Operation absagen, vorwerfen, dass sie weiter um das eigene Überleben im Gesundheitssektor kämpfen? Schließlich hätten die Kliniken auch eine soziale Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern.

Herzinfarkte, Schlaganfälle – da ist nichts zu verschieben

Es sei auch ein Irrglaube, dass allein durch das Absetzen elektiver Operationen ausreichend Kapazitäten geschaffen werden könnten. Das sei zwar erst einmal ein gutes Mittel, um Druck aus dem System zu nehmen. Aber es sei Winterzeit, in den Kliniken träfen wieder Patienten mit den typischen Atemwegserkrankungen ein, zudem kämen Patienten mit Herzinfarkten, Schlaganfällen, sonstigen akuten Erkrankungen oder Unfallopfer, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigten.

„Deren Behandlung können sie nicht verschieben. Und von den elektiven verschiebbaren Operationen und Behandlungen wären im Schnitt sowieso eher wenige auf den Intensivstationen behandelt worden“, gibt er zu bedenken. Die OP-Patienten, die in der Regel postoperativ eine intensivmedizinische Behandlung benötigten, müssten ja weiterbehandelt werden, „sodass der Nettogewinn an Betten letztlich doch überschaubar bleibt“, so der Intensivmediziner.

Personal auf zu viele kleine Kliniken verteilt

Der Gesundheitsökonom Professor Reinhard Busse – schon lange ein Kritiker der deutschen Krankenhauslandschaft – hat in seiner Einschätzung für das Science Media Center einen etwas anderen Blick auf die Diskussion um fehlende Intensivkapazitäten. In Deutschland verfügten lediglich 450 Krankenhäuser über mindestens 20 Intensivbetten und damit über die notwendige intensivmedizinische Erfahrung zur Behandlung von COVID-19-Patienten.

Auf diese 450 Kliniken konzentrierten sich 80 Prozent der Intensivbetten in Deutschland. Diese Kliniken verfügten über Linksherzkatheter zur Versorgung von Herzinfarktpatienten sowie über Stroke Units und Krebszentren. „Um diese Häuser – die ‚echten‘ Krankenhäuser – dreht sich die Debatte“, so Busse.

Vergessen werde bei der Diskussion aber meist, dass es 1000 weitere kleine Akutkrankenhäuser gebe, die überdurchschnittlich leer seien, in denen aber Personal arbeite, das in den „echten“ Krankenhäusern bei der Versorgung der Corona-Patienten fehle.

Gesundheitsökonom Busse sieht Freihaltepauschalen kritisch

Erneute Maßnahmen zur Sicherung von genügend Intensiv-Behandlungskapazitäten sollten sich laut Busse möglichst eng an dem Ziel orientieren, dass Intensivkapazitäten in den 450 Krankenhäusern auch wirklich zur Verfügung stünden, also mit mehr Personal ausgestattet würden. Nicht sinnvoll sei es, „den anderen 1000, oftmals unnötigen Krankenhäusern, die finanziellen Einbußen durch ausbleibende Patienten zu kompensieren“, schreibt Busse.

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