Brief an Spahn

Kardiologen: Versorgung von Kindern mit angeborenem Herzfehler in Gefahr

In einem offenen Brief an Gesundheitsminister Spahn schlagen Deutschlands Kinderkardiologen Alarm: Weil in Krankenhäusern Intensivpflegekräfte fehlten, müssten Operationen bei angeborenen Herzfehlern verschoben werden.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht: 28.09.2020, 16:52 Uhr
Weil Intensivpflegekräfte fehlen, verschieben sich immer häufiger Eingriffe bei Kindern mit angeborenen Herzfehlern nach hinten. Kinderkardiologen schlagen deshalb Alarm.

Weil Intensivpflegekräfte fehlen, verschieben sich immer häufiger Eingriffe bei Kindern mit angeborenen Herzfehlern nach hinten. Kinderkardiologen schlagen deshalb Alarm.

© peterbako/stock.adobe.com

Berlin. Kardiologen haben vor Versorgungsengpässen in der Kinderherzchirurgie gewarnt. Grund der Misere sei, dass in vielen der Kliniken oder Abteilungen Pflegepersonal „in ausreichender Zahl und Qualifikation“ fehle, heißt es in einem am Montag öffentlich gemachten Brief der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK) an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Ein Drittel der Betten gesperrt

Aufgrund des Pflegekräftemangels sperrten derzeit alle Kinderherzkliniken auf ihren Intensiv- und Normalpflegestationen bis zu einem Drittel aller Betten, so die Fachgesellschaft. Eingeplante Operationen müssten deshalb mehrmals verschoben und die Liste geplanter Operationen ständig korrigiert werden. „Das führt auch dazu, dass die Wartezeit auf nicht dringliche, aber bereits eingeplante Operationen derzeit rund ein halbes Jahr betragen kann.“

Das Gebot einer möglichst frühen Korrektur eines angeborenen Herzfehlers könne somit oft nicht eingehalten werden.

Leitlinien sehen laut DGPK vor, dass das Gros der angeborenen Herzfehler zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat korrigiert werden soll. Die Kinderherzmedizin brauche daher „jetzt“ und nicht erst in ein paar Jahren Intensivpflegekräfte, um die rund 7000 betroffenen Kinder adäquat versorgen zu können.

Abwerben von Personal

Politische Eingriffe, um das Personalproblem zu lösen, seien zwar „gut gemeint“, verschärften aber den Versorgungsengpass weiter, so die DGPK. Als Beispiel führt die Gesellschaft die Personaluntergrenzen ein. Die „ambitionierte Festlegung“ entsprechender Vorgaben in der Neonatologie und in der Kinderherzchirurgie führten wegen des gemeinsamen, aber viel zu kleinen Pools an Kinderkrankenpflegekräften zum „gegenseitigen Abwerben“ des Personals.

Da die Arbeit in der Kinderherzintensivmedizin aufgrund der Schwere der Herzerkrankungen als belastender empfunden werde, entschieden sich bei gleicher Bezahlung Kinderintensivpflegekräfte eher für die Versorgung von Neugeborenen, so dass der Personalmangel der Kinderherzchirurgie besonders zusetze.

Generalistik verschärft Probleme

Als kontraproduktiv erweise sich auch die neue generalistische Pflegeausbildung, so die Kinderkardiologen. Entsprechend ausgebildete Pflegekräfte dürften gemäß der Richtlinie Kinderherzchirurgie dort gar nicht eingesetzt werden, da ihnen die fachliche Spezialisierung fehle.

Diese Lücke an Spezialisierung hätten die Kliniken zu schließen, so die DGPK. Doch weder die Ausbildungskosten noch die Vergütung des Lehrpersonals seien im Fallpauschalen-System hinreichend abgedeckt. Hier sei „zügig“ nachzubessern, adressieren die Kardiologen eine Forderung an die Politik.

Zudem müsse das Pflegebudget ausgewiesener Kinderherzzentren erhöht werden, damit die Häuser „Kinderherzpflegende“ besser bezahlen und so die Attraktivität dieser Tätigkeit erhöhen könnten.

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