Machtkampf in Spanien

Madrid ist längst Labor für Umgang mit zweiter Corona-Welle

Begleitet von innenpolitischen Querelen hat die Zentralregierung eine weitergehende Isolation des Großraums Madrid angeordnet. Obwohl vor allem jüngere Menschen erkranken, sind bereits 42 Prozent der Intensivbetten belegt.

Von Manuel Meyer Veröffentlicht:
Ein Polizist gibt am ersten Arbeitstag mit Mobilitätseinschränkungen in Madrid an einem Kontrollpunkt Anweisungen. Die Stadt ist von der Zentralregierung vom Umland weitgehend abgeriegelt worden.

Ein Polizist gibt am ersten Arbeitstag mit Mobilitätseinschränkungen in Madrid an einem Kontrollpunkt Anweisungen. Die Stadt ist von der Zentralregierung vom Umland weitgehend abgeriegelt worden.

© Eduardo Parra/dpa

Madrid. Eigentlich war es nur noch eine Frage der Zeit: Seit Tagen forderte Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa die Madrider Regionalregierung auf, mit Blick auf die rasant steigenden COVID-19-Neuinfektionen dringend striktere Ausgangssperren und Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Stattdessen riegelte Isabel Díaz Ayuso aber nur die am schlimmsten betroffenen Bezirke ab – es kam zum politischen Machtkampf zwischen Madrids konservativer Regionalpräsidentin und der sozialistischen Zentralregierung. Nun hat Ministerpräsident Pedro Sánchez durchgegriffen.

Mehrere Kriterien müssen für Isolation erfüllt sein

Per ministeriellen Erlass legte die Regierung fest, dass seit dem vergangenen Samstag alle spanischen Regionen, in denen die 14-Tage-Inzidenz bei mehr als 500 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegt, isoliert werden müssen. Weitere Voraussetzungen: Mindestens zehn Prozent aller Corona-Tests fallen positiv aus und die Intensivbetten sind zu mehr als 35 Prozent mit COVID-Patienten belegt.

Obwohl die Infektionszahlen in Madrid in den vergangenen Tagen leicht zurückgegangen sind, treffen alle drei Faktoren in der spanischen Hauptstadtregion mit ihren knapp 6,7 Millionen Einwohnern weiterhin zu. Der 14-Tage-Wert liegt derzeit immer noch bei 648.

Fast 3600 COVID-19-Ptienten im Krankenhaus

Ein Viertel aller Krankenhausbetten in der Region sind mit fast 3600 COVID-19-Patienen belegt. 520 schwer an Corona erkrankte Patienten nehmen bereits 42 Prozent aller Intensivbetten ein. Gerade in besonders schlimm betroffenen Bezirken nähert sich das Gesundheitssystem erneut dem Kollaps. Die Pandemie ist hier nahezu außer Kontrolle.

Aus diesem Grund riegelte nun die spanische Zentralregierung Madrid ab. Wer seinen Wohnort verlassen will, muss dafür gute Gründe haben. Mit Freunden oder Angehörigen darf man sich höchstens noch zu sechst treffen. Bars und Restaurants müssen um 23 Uhr schließen und dürfen nur noch die Hälfte an Gästen aufnehmen.

Allgemeine Ausgangssperren innerhalb Madrids gelten vorerst nicht mehr, der Bewegungsraum ist allerdings aufs Stadtgebiet beschränkt. Die Sondermaßnahmen sollen zunächst für zwei Wochen gelten.

Regionalpräsidentin Ayuso ging gegen die Corona-Abriegelung bereits vor Gericht, das sich im Laufe der Woche äußern dürfte. Ayuso erklärte zudem, die selektive Abriegelung besonders hart von der Pandemie betroffener Stadtteile habe bereits Wirkung gezeigt.

„Freie Bewegung in der Stadt ist absurd“

Rückendeckung erhält sie von Manuel Martínez-Sellés, Vorsitzender des Madrider Ärzteverbands: „Die gesamte Abriegelung Madrids, die gleichzeitig aber wieder die freie Bewegung innerhalb der Stadt zulässt, ist absurd.“ So gibt Martínez-Sellés zu bedenken, dass einige Stadtviertel bis zu 1000 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner haben, während andere nur 330 aufweisen. „Und jetzt dürfen sich die Menschen wieder übers gesamte Stadtgebiet bewegen“.

Unterdessen registrieren auch die spanischen Gesundheitsbehörden eine deutliche Verjüngung der COVID-19-Patienten. Waren es in der ersten Welle vor allem ältere Menschen, die sich mit dem Virus infizierten, sind es nun immer mehr jüngere Menschen mit leichteren Krankheitssymptomen.

Dagegen sind es vor allem Männer über 65 Jahre mit Bluthochdruck und Diabetes, die mit hohem Fieber in Krankenhäuser eingeliefert werden müssen. Die Sterblichkeitsrate liegt in dieser Gruppe derzeit bei 18 Prozent, ergaben jüngste Untersuchungen.

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