Kommentar zur Praxisgebühr

Patienten steuern: Eine vertane Chance

Die Praxisgebühr hat einen starken Effekt bei der Patientensteuerung gehabt. Instrumente, die das ebenfalls könnten, hat die Ampel bisher nicht.

Von Raimund SchmidRaimund Schmid Veröffentlicht:

Niemand hat ihr nachgetrauert, die Ärzte schon gleich gar nicht. Dass die ungeliebte Praxisgebühr jedoch einen solch gewaltigen Steuerungseffekt hatte, überrascht doch und rückt sie wieder in ein neues Licht.

Denn nach ihrer Abschaffung ist der Anteil von rein hausärztlich gesteuerten Patienten auf knapp 16 Prozent zusammengeschmolzen. Zuvor war es rund 50 Prozent, im internationalen Vergleich auch kein berauschender Wert, aber immerhin dreimal so viele wie nun in Zeiten nach der Praxisgebühr. Mit gravierenden Folgen. So hat sich zum Beispiel die Morbidität bei ungesteuerten Patienten mit psychischen Erkrankungen um 4,4 Prozent erhöht, während sie bei den gesteuerten Patienten zurückgegangen ist.

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Diese und weitere Erkenntnisse, die das Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Klinikum rechts der Isar der TU München mit seiner über sechs Jahre laufenden Routinedatenanalyse aus Bayern zusammengetragen hat, sind gesundheitspolitisch brisant. Für die neue Regierung und ihren Koalitionsvertrag hätten sie eine Steilvorlage sein können. Denn eine gezieltere Steuerung von Patienten würde nicht nur den Kostendruck reduzieren, sondern auch die Versorgung verbessern und vor allem die Überversorgung abbauen.

Es ist daher nicht nachzuvollziehen, warum zum Beispiel die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) nicht ein einziges Mal im Koalitionspapier auftaucht. Das kann sich noch rächen. Spätestens dann, wenn der Ausgabendruck in der GKV so stark wird, dass neben der HzV auch alle anderen denkbaren Steuerungsinstrumente wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt werden müssen.

Schreiben Sie dem Autor: gp@springer.com

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Thomas Georg Schätzler

Dass eine gezieltere Steuerung von Patientinnen und Patienten durch Haus- und Familienärzte als zunächst aufzusuchende Primärärzte und "Gate-Keeper" nicht nur den Kostendruck reduziert, sondern auch die Versorgung verbessert und vor allem die Überversorgung abbauen könnte, ist unbestritten. Und es ist unverzeihlich, dass die Ampel-Regierungskoalition zum Beispiel die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) nicht ein einziges Mal im ihrem Koalitionsvertrag zu würdigen wusste.

Doch gegenüber der Praxisgebühr sind diese o.g. Aspekte wirklich 2 verschiedene Paar Schuhe. Die Praxisgebühr ist bio-psycho-sozial ungerecht, Anreize-fehlsteuernd, potenziell gefährlich, krankheits- und symptom-fördernd, ausgrenzend, diskriminierend und dissimulierend: Mit einem Wort kontraproduktiv!

Und auch der Aspekt: "Das kann sich noch rächen. Spätestens dann, wenn der Ausgabendruck in der GKV so stark wird, dass neben der HzV auch alle anderen denkbaren Steuerungsinstrumente wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt werden müssen", ist m.E. Nebenkriegsschauplatz.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

P.S. Schweizer Aspekte, wie man Entsolidarisierung und Diversifizierung im Gegensatz zu unserer einkommensabhängigen Solidargemeinschaft der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auf die Spitze treiben könnte, führen m.E. nicht weiter.

Claas Hüttenrauch

Strukturpolitische Reformen wurden auch von dieser Ampel-Koalition wieder einmal verpasst. Es wär längst an der Zeit, für die Beitragszahler aufseiten der Kostenträger zu einem Wettbewerb der Versicherer zu kommen wie in anderen Branchen auch unterschiedliche Offerten für Versicherungsnehmer bestehen. Meint: Grundversicherung solidarisch mit Kontrahierungszwang vers.-mathematisch bei gleichem Leistungskatalog, Einkommensunabhängige Prämien je nach Selbstbehalt, Zusatzversicherungen mit unterschiedlichen Inhalten und Preisen je nach Nachfrage. Zudem Mitbeteiligung in Höhe von10% obligatorisch. Das dies funktioniert, lässt sich anderswo gut beobachten, wie Patienten sich selbst steuern, wenn Ihnen Auswahl angeboten wird:
www.comparis.ch/umzug-schweiz/info/glossar/krankenversicherung
Ansätze in der Ampel für mehr Selbstverantwortung und Mitbeteiligung sind da nur zaghaft im Koalitionsvertrag zu finden....


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