Ungewöhnliche Idee

Pseudoziffer für dringliche Überweisung

Patienten sollen innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt erhalten, so fordert es die große Koalition. Ärzte wehren sich gegen dieses Vorhaben. In Thüringen sollen Ärzte nun Pseudoziffern für akut oder dringlich überwiesene Patienten ausweisen, damit die KV Daten zur Diskussionsgrundlage erhält.

Veröffentlicht:
Wer sich aktiv für die vorrangige Behandlung eines Patienten beim Facharzt einsetzt, soll das mit einer Pseudoziffer abrechnen.

Wer sich aktiv für die vorrangige Behandlung eines Patienten beim Facharzt einsetzt, soll das mit einer Pseudoziffer abrechnen.

© seen / fotolia.com

ERFURT. Die KV Thüringen reagiert mit einer ungewöhnlichen Idee auf die Kritik an zu langen Wartezeiten: Alle niedergelassenen Ärzte in Thüringen sollen nun ihren Mehraufwand für "akut" und "dringlich" überwiesene Patienten in ihrer Abrechnung über Pseudoziffern ausweisen, erklärt KV-Vize Thomas Schröter.

Damit will die KV reale Versorgungsdaten erhalten, die sie in den Verhandlungen mit den Krankenkassen vorbringen kann.

Konkret bedeutet dies, dass überweisende Ärzte, also meist Hausärzte, eine Pseudo-Nummer aufschreiben sollen, wenn sie sich aktiv für die vorrangige Behandlung eines Patienten beim Facharzt eingesetzt haben - etwa durch ein Telefonat oder Übermittlung zusätzlicher Daten.

Auch die Fachärzte auf der anderen Seite sollen den eingeschobenen Patienten über eine Pseudo-GOP dokumentieren.

Hintergrund der Aktion ist die Forderung der Bundesregierung, Terminservicestellen bei den KVen einzurichten und Facharzttermine binnen vier Wochen zur Verfügung zu stellen. Für KV-Vize Schröter beruht die Forderung auf "Ahnungslosigkeit, gepaart mit Ideologie".

Das Haupthindernis für eine bessere Versorgung sei die Budgetierung. Es gebe wahrscheinlich noch Kapazitäten bei vielen Ärzten, die bei Vollfinanzierung der Leistungen freigesetzt werden könnten. Stattdessen wichen sie jedoch auf besser bezahlte Tätigkeiten aus, etwa individuelle Gesundheitsleistungen, Konsiliarverträge mit Krankenhäusern oder Gutachtertätigkeiten.

KV: Budgetierung ist Ursache für Engpässe

"Jede Verbesserung des Terminmanagements wird die gesetzlichen Krankenkassen zusätzlich Geld kosten", sagt Thomas Schröter. Er verweist auf das "eindrucksvolle Beispiel" der Augenärzte in Thüringen: Wo aufgrund einer drohenden Unterversorgung der Budgetdeckel gelüftet wurde, gebe es keine Wartezeitenprobleme.

In statistisch gut versorgten Regionen wie Suhl oder Gera hingegen häuften sich die Beschwerden von Patienten.

"Man muss schon sehr ignorant sein, um nicht zu erkennen, dass nur die Budgetlockerung und nicht die Krankenhausöffnung das Problem an seiner Wurzel packen könnte", so Schröter.

Zumal auch viele Kliniken händeringend nach Spezialisten suchten. Da sei die Politik wohl auf "vollmundige Behauptungen von Lobbyisten großer Klinikkonzerne" hereingefallen. Es sei populistisch, bundesweit einen "Luxustermin" innerhalb von vier Wochen zu realisieren.

"Von einer überlasteten Facharztpraxis im Eichsfeld oder Thüringer Wald kann doch nicht der gleiche Terminkomfort gefordert werden wie im Stadtzentrum von Berlin oder München", empört sich Schröter.

"Systemversagen wäre programmiert"

Mit Sorge beobachte die KV auch Vorschläge, die niedergelassenen Ärzte finanziell in Haftung zu nehmen, wenn Krankenhäuser an ihrer Stelle Termine übernehmen. "Dann wäre das Systemversagen programmiert", sagt Schröter.

Das Honorarbudget sei doch gerade als Instrument zur Angebotsverknappung eingeführt worden. Und nun drohe auch noch eine "Hungerkur für Unterernährte". Sollte dies so kommen, sei der Sicherstellungsauftrag der KVen nicht mehr erfüllbar, so Schröter.

Der Hartmannbund Thüringen kritisiert die Pläne zur Einführung von Pseudoziffern für schnellere Facharzttermine "als Kapitulation vor dem Feind". Vize-Landeschef Jörg Müller: "Die Schaffung von Pseudoziffern wird auf der Kassenseite keinen Druck, sondern nur ein müdes Schulterzucken erzeugen. Für uns Ärzte würde dies hingegen zu noch mehr Bürokratie und weniger Zeit für unsere Patienten führen."

Es ändere auch nichts daran, dass die Kapazitäten der praktizierenden Ärzte längst ausgereizt sind.

Thüringens Ärzte versorgten schon heute im Durchschnitt ein Drittel mehr Patienten als in den alten Bundesländern. Notwendig seien feste und angemessene Honorare. Müller weiter: "Pseudoziffern sind Pseudo-Lösungen." (rbü)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Dokumentierte Dringlichkeit

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Debatte um Primärversorgung

HzV in Baden-Württemberg: Dort regiert die ganz große Koalition

Das könnte Sie auch interessieren
Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

© KVNO

Schnell und sicher

Hybrid-DRG Plus: Ambulante Operationen per Mausklick abrechnen

Anzeige | Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Mehr als ein oberflächlicher Eingriff: Die Krankenhausreform verändert auch an der Schnittstelle ambulant-stationär eine ganze Menge.

© Tobilander / stock.adobe.com

Folgen der Krankenhausreform für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte

Die Klinikreform bringt Bewegung an der Schnittstelle zwischen Praxen und Krankenhäusern

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztbank (apoBank)
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums v.l.n.r.: Professor Karl Broich (BfArM), Dr. Jürgen Malzahn (AOK-Bundesverband), Dr. Christine Mundlos (ACHSE e.V.), Hauke Gerlof (Ärzte Zeitung), Dr. Johanna Callhoff (DRFZ), Professor Christoph Schöbel (Ruhrlandklinik, Universitätsmedizin Essen), Privatdozent Dr. Christoph Kowalski (Deutsche Krebsgesellschaft), Dr. Peter Kaskel (Idorsia)

© Thomas Kierok

ICD-11: Die Zeit ist reif für die Implementierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Idorsia Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Bei erfolgreich therapierter Sialorrhö ist Teilhabe wieder leichter möglich

© Olesia Bilkei / stock.adobe.com [Symbolbild]

Glycopyrroniumbromid bei schwerer Sialorrhö

Wirtschaftliche Verordnung durch bundesweite Praxisbesonderheit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Proveca GmbH, Düsseldorf
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Keine Modeerscheinung

ADHS im Erwachsenenalter: Das gilt für Diagnostik und Therapie

Lesetipps
Endoskopische Auffälligkeiten bei der Colitis ulcerosa

© Gastrolab / Science Photo Library

Interview

Das ist neu in der S3-Leitlinie Colitis ulcerosa

 Shabnam Fahimi-Weber

© Jochen Tack

Einsatz im Kriegsgebiet

Essener HNO-Ärztin hilft Menschen im Iran via Telemedizin