Kritik

Suchtforscher rufen EU-Kommission beim Krebsplan zum Umdenken auf

Die EU-Kommission will die Raucherquote laut dem jüngst vorgelegten Krebsplan europaweit bis 2040 auf fünf Prozent drücken – sieht dafür aber weder E-Dampf noch Tabakerhitzer als probate Mittel an. Das treibt Suchtforscher auf die Barrikaden.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht:
Suchtforscher rufen die EU-Kommission beim Krebsplan zum Umdenken auf. Ohne den Ansatz der Schadensminimierung durch E-Dampf und Tabakerhitzer lasse sich eine Raucherquote von fünf Prozent nicht erreichen.

Suchtforscher rufen die EU-Kommission beim Krebsplan zum Umdenken auf. Ohne Schadensminimierung durch E-Dampf und Tabakerhitzer lasse sich eine Raucherquote von fünf Prozent nicht erreichen.

© Rumkugel / stock.adobe.com

Brüssel/Berlin. Die EU-Kommission und vor allem EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides ernten heftige Kritik für das Ziel, in Europa bis 2040 eine Raucherquote von nur noch fünf Prozent zu erreichen, wie sie in dem am Mittwoch in Brüssel vorgestellten EU-Krebsplan enthalten ist. Dieser soll jedem Europäer Zugang zu modernster Diagnostik, Therapie und Nachsorge ermöglichen, setzt aber auch auf die Prävention wie zum Beispiel Kampagnen zum Rauchausstieg.

Konkret kritisieren Suchtexperten wie Professor Heino Stöver, Leiter des Instituts für Suchtforschung Frankfurt am Main (ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences, dass die EU offensichtlich an der auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verfolgten Rauchausstiegsstrategie „Quit or Die“ alternativlos festhält.

Stöver plädiert unter anderem im Rahmen der International Association on Smoking Control & Harm Reduction (SCOHRE) für die gesundheitspolitische Berücksichtigung des Ansatzes der Schadensminimierung, wenn es um die Senkung der Raucherzahlen geht.

Konkret verweisen die Forscher auf wissenschaftliche Studien, die nahelegen, dass Alternativen zu konventionellen Tabakzigaretten wie E-Zigaretten oder Tabakerhitzer ein um 95 Prozent reduziertes Schädigungsprofil aufweisen – was auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) anerkennt. „Der Zielwert von weniger als fünf Prozent an Rauchern ist in der EU ohne Harm Reduction-Ansatz nicht zu erreichen“, postuliert Stöver in klaren Worten.

Stöver: EU hat verkehrte Sichtweise

Stöver äußert zudem sein Bedauern darüber, dass die EU-Kommission den erwiesenen Nutzen von E-Zigaretten in der Rauchentwöhnung ignoriere und sogar so weit gehe, sie als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung zu sehen. „Großbritannien, Neuseeland und Kanada setzen die E-Zigarette als ein Hauptinstrument im Kampf gegen den Tabakkonsum ein und sind damit nachweislich sehr erfolgreich.“

Die EU-Kommission hingegen agiere in diesem Punkt rückwärtsgewandt. „Seit Jahren wird mit den immer gleichen Mitteln versucht, die hochgesteckten Ziele von einem nahezu tabakfreien Kontinent zu erreichen. Steuererhöhungen, Werbeverbote und Rauchverbotszonen werden Abhängige aber weiterhin nicht vom Rauchen abhalten können.

Erneut konzentriert sich die EU-Kommission beim Thema Tabakentwöhnung auf den ‚Quit or die‘-Ansatz, anstatt eine realitätsnahe Suchtpolitik zu gestalten“, moniert Stöver.

Industrie fordert Nachjustierung ein

Die E-Zigarette sei beim Tabakstopp etwa doppelt so erfolgreich wie andere Nikotinersatzprodukte und „in der Suchtforschung ist seit Langem bekannt, dass es wahrscheinlicher ist, dass Menschen mit vielen kleinen Schritten erfolgreicher sind als mit einem großen“ so der Suchtexperte.

Da verwundere es auch nicht, dass Erhebungen in Großbritannien zeigten, dass mehr als eine Million Ex-Raucher, die in der Übergangsphase E-Zigaretten genutzt hätten, nun komplett abstinent seien.

Kritik kommt von vielen Seiten

Selbstredend erntet die EU-Kommission auch von Seiten der Industrie Kritik – zum Beispiel vom Verband des eZigarettenhandels (VdeH). Der Plan versäume es, heißt es in einer Verbandsmitteilung, E-Zigaretten in ihrer Attraktivität gegenüber den Tabak-Zigaretten deutlich aufzuwerten und die Raucher zu einem Umstieg zu motivieren.

„Eine öffentliche Informationspolitik, die auf wissenschaftlichen Fakten statt auf Ideologien basiert, der Verzicht auf eine zusätzliche Besteuerung sowie die Möglichkeit weiterhin für ein legales und wesentlich weniger schädliches Produkt werben zu können, wären der richtige Ansatz gewesen“, so der VdeH.

In dasselbe Horn stößt auch die Independent European Vape Alliance (IEVA). IEVA-Vorsitzender Dustin Dahlmann fordert die EU-Kommission zur Nachjustierung ihrer Strategie zur Krebsbekämpfung auf: Diese „muss alle verfügbaren Mittel berücksichtigen, um die Belastung durch krebsbedingte Risiken zu verringern: Die E-Zigarette als schadensminimierendes Produkt könnte Millionen von Rauchern beim Ausstieg helfen. Der EU-Plan sollte dies dringend anerkennen.“

Drogenbeauftragte legt sich nicht auf Ausstiegsmittel fest

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, betont, dass Tabakkonsum weiter die bedeutendste vermeidbare Ursache für Krankheit und Tod bleibe – 13,3 Prozent aller Todesfälle in Deutschland könnten durch einen Rauchstopp vermieden werden.

„Gerade langjährige Raucherinnen und Raucher brauchen noch mehr Motivationshilfe und Orientierung, um einen Rauchausstieg zu schaffen. Da bin ich dran, denn gerade jetzt während der Pandemie, ist Rauchen ein extra hohes Risiko für die Gesundheit“, so Ludwig, die sich mit ihrer Aussage explizit nicht auf bestimmte Mittel und Wege zum Rauchausstieg festlegt.

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