Hausärztliche Versorgung

Ungenutzte Ressource Pflegestützpunkt

Nur jede zweite hausärztliche Praxis hatte bisher Kontakt zu einem Pflegestützpunkt. Bei einer zunehmend alternden und multimorbiden Patientenklientel verschenktes Potenzial. Denn die Stützpunkte können in vielen Fragen entlasten.

Von Susanne Werner Veröffentlicht:
Hilfe im Behörden- und Pflegedschungel: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflegestützpunkte beraten und bieten zum Teil sogar ein Fallmanagement an

Hilfe im Behörden- und Pflegedschungel: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflegestützpunkte beraten und bieten zum Teil sogar ein Fallmanagement an

© Robert Kneschke / stock.adobe.com

Pflegestützpunkte könnten hausärztliche Praxen bei der Versorgung von älteren multimorbiden Patientinnen und Patienten entlasten. Dass diese Ressource bislang nicht ausgeschöpft wird, liegt an Defiziten in der Kommunikation. Immerhin nur gut die Hälfte der Hausärztinnen und Hausärzte (57 Prozent) hatte bislang jemals Kontakt mit einem Pflegestützpunkt – das ergab die Studie Compass im Rahmen des Verbundprojektes Navicare an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, deren Ergebnisse noch 2023 veröffentlicht wurden.

Bereits 2008 waren die Pflegestützpunkte (PSP) im Rahmen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes auf den Weg gebracht worden. Als regionale Anlaufstellen, getragen von den Pflege- und Krankenkassen und dem jeweiligen Bundesland sollen sie Ratsuchende in sozialen und pflegerischen Fragen beraten. Wie diese Aufgabe konkret ausgestaltet wird, ist jedoch den Bundesländern überlassen. Mancherorts funktionieren die PSP als allgemeine Anlaufstellen, andernorts bieten sie umfassende Beratung bis hin zum Fallmanagement an.

Dass die Hausärztinnen und Hausärzte nur wenig über die Pflegestützpunkte und deren Leistungsspektrum wissen, hat Privatdozentin Dr. Susanne Döpfmer überrascht. Die Fachärztin für Allgemeinmedizin ist Studienkoordinatorin des Projekts Compass im Navicare-Verbund der Charité. Ziel des Projektes war es, die Kooperation zwischen Hausarztpraxen und PSP zu fördern und wissenschaftlich zu begleiten. Als Vorbereitung wurde eine Befragung unter Berliner Hausärztinnen und Hausärzten zu deren Wissen über die PSP und Erfahrungen mit PSP-Leistungen durchgeführt. 700 von rund 2410 angeschriebenen hausärztlichen Praxen hatten dazu per Fragebogen geantwortet.

Besser aufgestellt als Sozialstation

Zentrales Ergebnis: Etwa 60 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte sind kaum oder gar nicht mit den Aufgaben und Leistungen von PSP vertraut. Jene Hausärztinnen und Hausärzte, die noch nie einen PSP-Kontakt hatten, empfehlen ihren Patientinnen und Patienten bei sozialen (76 Prozent) oder pflegerischen Beratungsanlässen (79 Prozent) andere Einrichtungen wie zum Beispiel Sozialstationen oder ambulante Pflegedienste.

Sowohl bei Hausärzten als auch bei Patienten kommt es allerdings zu Verwechslungen: „Der Name Pflegestützpunkt ist unglücklich gewählt. Er birgt die Gefahr, mit den ,Pflegediensten‘ oder , Sozialstationen‘ verwechselt zu werden,“ sagt Döpfmer. Zwar wünschten sich Hausärztinnen und Hausärzte einerseits mehr Unterstützung für ihre Patientinnen und Patienten mit sozialem und pflegerischen Beratungsbedarf, andererseits würden sie selbst nicht die bereits bestehenden Möglichkeiten kennen. Wie eine engere Zusammenarbeit funktionieren könnte, wurde im Rahmen der Studie ebenso erprobt. Die teilnehmenden Hausärztinnen und Hausärzte haben dazu mithilfe eines Formulars, ihren Patienten zur Beratung an einen PSP „überwiesen“ und darüber dessen Einverständnis erhalten, dass die Beratungsergebnisse an den Hausarzt zurückgemeldet werden können. Mit dem Ergebnis waren beide befragten Gruppen zufrieden: Die Patienten lobten die Infos des PSP als wertvoll, den Kontakt empfanden sie freundlich und waren froh, dass die Anlaufstelle wohnortnah gelegen ist.

Eine Aufgabe für MFA?

Die Hausärzte gaben an, sich zeitlich und emotional entlastet zu fühlen, die Patienten erschienen ihnen zufriedener, glücklicher, weniger ängstlich. Den Aufwand in der Vermittlung stuften die beteiligten Praxen als kaum nennenswert ein. „Künftig könnte diese Tätigkeit an die Medizinische Fachangestellte delegiert werden“, sagt Döpfmer.

Auch wenn die Erhebung während der Corona-Pandemie stattfand und daher weniger Studienteilnehmer als geplant erreicht wurden, lassen die Ergebnisse laut Döpfmer plausible Rückschlüsse auf die allgemeine Versorgungssituation zu. Austausch und Kooperationen voranzutreiben, sei dringend geboten. Schließlich werden in den nächsten Jahren mehr Hausärztinnen und Hausärzte altersbedingt aus ihrem Beruf aussteigen als nachkommen. Zudem steigt in der alternden Gesellschaft auch die Zahl der älteren, multimorbiden und chronisch kranken Patienten. Schon jetzt sind Zeit und Expertise für soziale und pflegerische Beratung in den Praxen begrenzt. Was ist zu tun? Die Studienkoordinatorin empfiehlt den Hausarztpraxen, sich aktiv um eine enge Kooperation mit den PSP vor Ort zu bemühen. „Wichtig sind der regionale Bezug und das persönliche Kennenlernen“, so Döpfmer. Auch die ärztlichen Qualitätszirkel seien ein geeigneter Ort, in denen die PSP über ihre Arbeit berichten können.

Die zentralen Ergebnisse und Empfehlungen der Studie Compass sind in einer Broschüre zusammengefasst: https://navicare.berlin/de/ressourcen/

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