E-Health

Voll vernetzt im Pflegeheim

In Berlin findet sich eine bisher nahezu einzigartige digitale Vernetzung zwischen Pflegeheim und Hausarztpraxis. Eine Studie zeigt, wie groß die Vorteile sowohl für Ärzte als auch für Pfleger sind.

Von Julia Frisch Veröffentlicht:
Bei Pflegeheimbewohnern, die an dem digitalen Vernetzungsmodell teilgenommen hatten, fiel die Menge der verordneten Wirkstoffgruppen geringer aus.

Bei Pflegeheimbewohnern, die an dem digitalen Vernetzungsmodell teilgenommen hatten, fiel die Menge der verordneten Wirkstoffgruppen geringer aus.

© Burgi / dpa

BERLIN. Die Berliner Hausärztin Irmgard Landgraf ist eine wahre E-Health-Pionierin: Schon seit 2001 ist sie digital mit dem Pflegeheim Bethanien Sophienhaus in Steglitz vernetzt. Auf diese Weise kann sie jederzeit über einen sicheren Internetzugang auf das Pflegedokumentationssystem und damit auf die Daten ihrer Patienten dort zugreifen. So kann sie sich über deren Zustand informieren und gegebenenfalls Therapien anpassen (wir berichteten mehrfach).

Weil diese Art der digitalen Vernetzung mit einem Pflegeheim bisher immer noch nahezu einzigartig ist, begleitete das Gesundheitswissenschaftliche Institut Nordost (GeWINO) der AOK Nordost das Projekt von Irmgard Landgraf mit einem Forschungsvorhaben.

Von April bis Ende Dezember 2015 wurden anonymisierte Routinedaten von Pflegeheimbewohnern aus den Jahren 2010 bis 2013 analysiert. Erkenntnisinteresse: Wie wirkt sich die von Irmgard Landgraf durchgeführte virtuelle Visite auf die Verordnung von Arzneimitteln, auf Krankenhausaufenthalte, Klinikkosten und Notfalleinweisungen etwa wegen Stürzen aus?

Dünne statistische Basis

Wirklich belastbare Aussagen kann das Forschungsvorhaben angesichts der geringen Zahl der untersuchten Fälle nicht liefern. "Zusammenfassend" aber, so das GeWINO in einem Bericht, "lässt sich ableiten, dass die zusätzliche elektronische Vernetzung von Arzt und Pflegeheim zu einer weiteren Optimierung der Versorgung der Pflegeheimbewohner" führt.

So etwa fiel die durchschnittliche Menge der verordneten Wirkstoffgruppen bei Landgrafs Patienten geringer aus als bei Pflegeheimbewohnern ohne digitales Vernetzungsmodell. Ebenso lag der Anteil der Patienten, die mehr als fünf verschiedene ATC-Wirkstoffgruppen verordnet bekamen, während des vierjährigen Beobachtungszeitraums in der Landgraf-Gruppe unter dem der Vergleichsgruppe.

2010 beispielsweise bekamen in der Interventionsgruppe knapp 68 Prozent der Patienten Medikamente aus mehr als fünf verschiedenen Wirkstoffgruppen, in der Kontrollgruppe waren es rund 77 Prozent.

Weniger Notfalleinweisungen

2012 betrug der Unterschied zwischen den untersuchten Gruppen zugunsten der Landgraf-Patienten fast 14 Prozentpunkte, 2013 rund fünf Punkte. 2011 allerdings wies die Vergleichsgruppe die besseren Werte auf: Der Anteil der Bewohner mit mehr als fünf Wirkstoffgruppen betrug 50 Prozent, in der Landgraf-Gruppe dagegen fast 70 Prozent.

Ähnliche Ergebnisse gibt es bei der Betrachtung der Krankenhauseinweisungen und Krankenhaustage je Bewohner. Hier schnitten die Landgraf-Patienten 2012 und 2013 teilweise marginal, teilweise deutlich besser ab als die Vergleichspersonen. Für die Jahre 2010 und 2011 ergaben sich dagegen keine Vorteile.

Das gleiche Bild bei den Notfalleinweisungen: Ihr Anteil bei den Landgraf-Patienten betrug 2010 zum Beispiel 66 Prozent, bei den übrigen Pflegeheimbewohnern 62 Prozent. 2012 und 2013 gab es dagegen unter den Patienten mit vernetzter Versorgung rund 15 Prozent weniger Notfalleinweisungen als in der Kontrollgruppe.

Mehr Zeit für die Patienten

Das GeWINO weist darauf hin, dass die gemessenen Effekte wegen der geringen Fallzahlen "keine statistische Signifikanz erreichen können". Dennoch kommt das GeWINO in einer Presseinformation zu dem Schluss, dass eine digitale Vernetzung zwischen Hausarztpraxis und Pflegeheim nicht nur die Versorgungsqualität verbessert, sondern die Kooperation zwischen Ärzten und Pflegepersonal fördert und Mitarbeiter entlastet.

Alle Beteiligten, heißt es, hätten mehr Zeit für die Patienten, weil die Informationsübertragung und Kommunikation erleichtert wird. "Die AOK plant deshalb den weiteren Ausbau der Pflegeheimprogramme", um auch Ärzte in ländlichen Regionen mit einzubinden. Außerdem steht der Ausbau der elektronischen Vernetzung von Arzt und Pflegeheimen in weiteren Einrichtungen auf der AOK-Agenda.

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