Welttag der vernachlässigten Tropenkrankheiten

WHO forciert Kampf gegen Würmer, Lepra, Tollwut & Co

Die Weltgesundheitsversammlung hat den 30. Januar zum Welttag der vernachlässigten Tropenkrankheiten (NTD) gekürt und die neue WHO-NTD-Strategie bis 2030 präsentiert. Erfolge treffen auf Rückschläge.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht:
Anti-Dengue-Maßnahmen in Indien: Dengue zählt zu den 20 vernachlässigten Tropenkrankheiten, denen die WHO bis 2030 verstärkt den Kampf angesagt hat.

Anti-Dengue-Maßnahmen in Indien: Dengue zählt zu den 20 vernachlässigten Tropenkrankheiten, denen die WHO bis 2030 verstärkt den Kampf angesagt hat.

© Str / dpa / picture-alliance

Genf. Die Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases/NTD) gerät auch zu Pandemiezeiten nicht aus dem Blick der internationalen Gesundheitspolitik. Um mehr Aufmerksamkeit auf die NTD zu lenken, hat jetzt die virtuelle 74. Weltgesundheitsversammlung (WHA) in Genf auf Initiative der Vereinigten Arabischen Emirate, Brasilien und Oman den 30. Januar zum Welt-NTD-Tag auserkoren. Abu Dhabis Kronprinz Sheikh Mohamed bin Zayed al Nahyan treibt unter anderem in seinem philanthropischen Programm „Reaching the Last Mile“ den Kampf gegen NTD voran.

Das Deutsche Netzwerk gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTDs) begrüßt die Entscheidung der WHA. „Die Tatsache, dass die WHA den Welt-NTD Tag nun offiziell ausgerufen hat, ermutigt alle, die in diesem Bereich arbeiten“, kommentiert DNTDs-Vorstandssprecher Professor Achim Hörauf im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“. Leider seien aber gerade jetzt auch Rückschläge zu verzeichnen. Hörauf: „Wir sollten es nicht bei der Symbolik allein belassen. Erst vor Kurzem hat die britische Regierung angekündigt, dass sie die 170 Millionen Euro, die für die Bekämpfung der NTD vorgesehen und bereits bewilligt waren, streichen werde. Das bedeutet für viele Programme das Aus. Krankheiten, die gut im Griff waren, laufen nun Gefahr, sich verstärkt auszubreiten. 270 Millionen Behandlungen mit Medikamenten und 180.000 Operationen stehen nun vor dem Aus. Betroffen sind 200 Millionen Menschen!“

Datum erinnert an „London Declaration“

Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Denn am 30. Januar 2012 haben sich verschiedene Pharmaunternehmen und Hilfsorganisationen der gemeinsamen Ausrottung und Eindämmung von zehn vernachlässigten Tropenkrankheiten bis 2020 verschrieben – in der „London Declaration“.

Konkret fokussierte die Deklaration die afrikanische Trypanosomiasis (Schlafkrankheit), die Chagas-Krankheit (südamerikanische Trypanosomiasis), die viszerale Leishmaniose, Lepra, die Bilharziose (Schistosomiasis), die chronische Infektion mit bodenübertragenen Helminthen, das Trachom, die Onchozerkose, die lymphatische Filariose und Onchozerkose (Guineawurmbefall) sowie die Elefantiasis. Die Pharmafirmen versprachen, unter anderem Arzneimittel für rund 14 Milliarden Behandlungen zu spenden. Zudem solle die Arzneiforschung in puncto NTD intensiviert werden.

Im Zeitraum 2012 bis 2020 wurden laut WHO durchaus Erfolge im Kampf gegen die NTD gezeitigt. So könnten zwei Drittel der betroffenen Bevölkerungen von Präventionsmaßnahmen profitieren – 2012 seien es nur 42 Prozent gewesen. Insgesamt sei es gelungen, dass 600 Millionen Menschen keine Interventionen gegen NTD mehr nötig hätten. 42 Staaten oder Territorien hätten zumindest je eine NTD auf ihrem Gebiet eradiziert. Bei einigen NTD sei die Prävalenz bereits maßgeblich reduziert worden. So würden zum Beispiel jährlich nur noch 1000 statt ehemals 7000 neue Fälle der afrikanischen Trypanosomiasis gemeldet und in Südostasien sei die viszerale Leishmaniose von 50.000 auf 5000 Fälle jährlich zurückgegangen.

20 NTD stehen im Fokus

Die WHA hat in Genf auch die neue NTD-Strategie der WHO für diese Dekade verabschiedet – sie steht unter dem Namen „Ending the neglect to attain the Sustainable Development Goals: a road map for neglected tropical diseases 2021−2030“. Diese löst die bisherige, bis 2020 gültige Strategie ab und versteht sich wieder als Drehbuch zur abgestimmten globalisierten NTD-Bekämpfung. Unter anderem sieht sie nun die Steuerung bestimmter NTD-Bekämpfungsprozesse durch die betroffenen Länder selbst vor. Die aktuelle Strategie adressiert 20 NTD - außer der Elefantiasis die bereits im Zuge der London declaration erwähnten Krankheiten sowie Buruli-Ulkus, Dengue und Chikungunya, Drakunkulose, Echinokokkose, nahrungsassoziierte Trematoden, Myzetom, Chromoblastomykose und andere tiefe Mykosen, Tollwur, Skabies und andere Ektoparasitosen, Vergiftungen durch Schlangenbisse, Taeniasis und Zystizerkose sowie Frambösie.

Zwei NTD sollen bis 2030 komplett erydiziert werden

Die WHO hat sich – wie in jedem ihrer Programme – wieder ehrgeizige Ziele gesetzt. So sollen bis 2030 insgesamt 90 Prozent weniger Menschen als bisher eine NTD-Intervention nötig haben. Die Anzahl der durch gesundheitliche Einschränkungen verlorenen Lebensjahre (disability-adjusted life years/DALY) soll um 75 Prozent gesenkt werden. 100 Staaten und Territorien sollen wenigstens je eine vernachlässigte Tropenkrankheit auf ihrem Gebiet ausgerottet haben. Nicht zuletzt sollen zwei NTD weltweit eradiziert werden – welche, das lässt die WHO offen.

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