SARS-CoV-2

Zahl der COVID-19-Intensivpatienten wächst nicht so schnell wie befürchtet

Experten hatten mit einer schnelleren Zunahme der COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen gerechnet. Vor zu optimistischen Schlüssen aus diesen Zahlen wird aber gewarnt.

Von Christiane BadenbergChristiane Badenberg Veröffentlicht: 12.11.2020, 12:26 Uhr
Intensivpflegekräfte und eine Ärztin versorgen einen Corona-Patienten, der beatmet auf einer Intensivstation im Universitätsklinikum Bonn liegt.

Intensivpflegekräfte und eine Ärztin versorgen einen Corona-Patienten, der beatmet auf einer Intensivstation im Universitätsklinikum Bonn liegt. Die Zahl der Intensivpatienten steigt derzeit weniger schnell als zunächst angenommen.

© dpa

Neu-Isenburg. Die deutschen Intensivstationen füllen sich derzeit nicht so schnell, wie ursprünglich angenommen. So nehme seit der Woche ab dem 26. Oktober der Anstieg der täglichen Neuaufnahmen im Vergleich zur Vorwoche in der Tendenz ab.

Ebenfalls tendenziell rückläufig sei ab dem 2. November auch das Wachstum der Gesamtzahl der COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen, berichtet das Science Media Center mit Verweis auf das DIVI-Intensivregister. Am Mittwoch wurden bundesweit 3127 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen behandelt, 68 mehr als am Tag zuvor.

So habe der wöchentliche Anstieg bei der Zahl der belegten Intensivbetten durch COVID-19-Patienten am 26. Oktober noch etwa 65 Prozent betragen, am 10. November waren es noch 30 Prozent – mit einer stark fallenden Tendenz. Doch Ärzte warnen, diese Zahlen bereits als Kehrtwende zu interpretieren.

Keine Trendwende auf Normalstationen

„Insgesamt halte ich es noch für verfrüht, finale Schlüsse aus den kurzfristig sichtbaren rückläufigen Intensivbelegungszahlen für COVID-19-Patienten zu ziehen“, sagt zum Beispiel Professor Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing. Lediglich die Zuwachsrate an intensivpflichtigen COVID-19-Patienten im Tagesverlauf nehme ein wenig ab, absolut gesehen gebe es immer noch einen Anstieg der Patienten auf den Intensivstationen. Auf den Normalstationen gebe es zudem keine Trendwende. Die Zahlen stiegen dort weiter kontinuierlich.

Für den Rückgang auf den Intensivstationen hat Wendtner zwei mögliche Erklärungen: Die Patienten kommen zum Teil mit früh diagnostizierten COVID-19-Symptomen, so dass bei entsprechender Behandlung eine intensivmedizinische Versorgung verhindert werden könne. Zudem scheine sich die Liegezeit auf Intensivstationen wegen der besseren medizinischen Versorgung zu verkürzen. Dazu zählt Wendtner die Gabe von Dexamethason und verfeinerte Beatmungstechniken.

Einsatz von Dexamethason verkürzt offenbar die Zeit auf der ITS

Zu berücksichtigen sei auch, dass wegen des zum Teil sehr hohen Alters der Patienten mit starken Komorbiditäten nicht mehr alle intensivmedizinisch versorgt würden. In einzelnen Fällen würden sich die Ärzte bewusst für eine palliativmedizinische Versorgung entscheiden.

„Einen Effekt der neuen Kontaktbeschränkungen in den leicht rückläufigen Wachstumszahlen der Intensivbelegungen zu sehen, halte ich noch für zu früh, da wir bei COVID-19 mit Erkrankungsbeginn circa drei bis vier Wochen Latenzzeit bis zur intensivmedizinischen Betreuung einrechnen müssen“, sagt Wendtner.

Dass der Einsatz von Dexamethason den Aufenthalt auf der Intensivstation verkürzt, davon geht auch Dr. Matthias Kochanek, Leiter der internistischen Intensivmedizin an der Uniklinik Köln aus. Er beobachtet an seiner Klinik, dass deutlich mehr COVID-19-Patienten als im Frühjahr auf der Normalstation behandelt werden. Aber auch er hält es für verfrüht, „aus den aktuellen Zahlen sichere Schlüsse zu ziehen“.

In ein bis zwei Wochen weiß man mehr

Schwankungen bei den Wachstumsraten der Intensivfälle habe es in den vergangenen Wochen immer wieder gegeben, sagt Dr. Viola Priesemann, Leiterin der Forschungsgruppe Theorie neuronaler Systeme am Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. „Insofern sollte man noch ein bis zwei Wochen abwarten, bevor belastbare Rückschlüsse gezogen werden können“, sagt Priesemann.

Um die aktuelle Entwicklung auf den Intensivstationen besser einschätzen zu können, wären auch Daten über die Altersverteilungen der Patienten hilfreich. Diese seien aber leider nicht offen zugänglich, bedauert Priesemann. Für die Interpretation der Daten spielten sie aber eine entscheidende Rolle.

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