Diagnose per Smartphone

Apps machen Ärzten Konkurrenz

Wenn in nicht allzu ferner Zukunft jeder seinen Doktor in der Hosentasche mit sich herumträgt, wird das für die Arbeit der Ärzte nicht folgenlos bleiben. Als Diagnostiker werden sie vielleicht weniger gebraucht denn als Lotsen durch den Dschungel der Gesundheits-Apps.

Von Julia Frisch Veröffentlicht:
Gesundheitsanwendungen können Ärzten detaillierte Informationen zu Patienten liefern.

Gesundheitsanwendungen können Ärzten detaillierte Informationen zu Patienten liefern.

© BillionPhotos.com / Fotolia.com

BERLIN. Nicht nur Google und Apple, auch viele kleine Start-up-Unternehmen haben erkannt, dass der Bedarf nach Gesundheitsanwendungen groß ist. Während Google in kleine Entwicklerfirmen investiert sowie Krankenversicherungen und sogar Wissenschaftler einkauft, ist auch Apple über den Aufbau einer elektronischen Patientenakte längst hinaus.

Mit der US-amerikanischen Mayo Clinic hat der IT-Konzern eine Kooperation geschlossen, durch die sich die Klinik einen Zuwachs an behandelten Patienten von derzeit sieben Millionen auf sage und schreibe 200 Millionen pro Jahr erhofft. Und manche Gesundheits-Apps sind schon so gut, dass sie zu 50 Prozent mit ihren Symptomanalysen richtig liegen.

"In weiteren fünf Jahren liegt die Treffsicherheit vielleicht schon bei 90 Prozent", sagte Dr. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin, auf dem Frühjahrsforum der Deutschen Hochschulmedizin in Berlin.

Dort diskutierten Vertreter von Universitätskliniken über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Versorgungsangebote.

"Ratlosigkeit der Patienten steigt"

Ärzte bekämen Konkurrenz durch Computer und Apps. Da stelle sich die Frage, was überhaupt noch die ärztliche Kompetenz ausmache, wenn es nicht das Wissen sei. "Was bleibt vom Arztberuf übrig, wenn jeder seinen Experten in Form von Smartphones in der Hosentasche hat?", so Müschenich.

 Völlig überflüssig werden Mediziner nicht, "mit jeder Information mehr steigt die Ratlosigkeit bei den Patienten", sagte Professor Michael Hallek von der Universitätsklinik Köln. Aufgabe der Ärzte werde sein, mehr Aufklärung zu leisten, den Patienten einen Weg zu zeigen.

Komplett seien Mediziner nicht zu ersetzen, auch nicht durch die besten Apps und Computerprogramme. "Die Intuition des Arztes ist nicht ersetzbar", so Hallek.

Menschliche Zuwendung sei das Pfund, mit dem Ärzte im Vergleich zu den digitalen Health-Programmen wuchern könnten, sagte Professor Diethelm Wallwiener von der Uniklinik Tübingen.

Professorin Christiane Bruns von der Universitätsklinik Magdeburg wies auf die Medizinerausbildung hin, in der jungen Ärzten zukünftig beigebracht werden müsse, verantwortungsvoll mit den digitalen Systemen und deren Vielfalt an Informationen umzugehen.

Insgesamt betonten die Diskussionsteilnehmer den Nutzen der Digitalisierung und einer größeren Vernetzung zwischen den Sektoren für die Patientenversorgung. Notfalls, so Hallek, müssten die Sektoren zu einem Datenaustausch gezwungen werden, wenn auf freiwilliger Ebene keine Fortschritte zu erzielen seien.

Insgesamt biete die Telemedizin für die Universitätskliniken die Chance, ihren Vorsprung durch Innovationen zu halten.

Hochschulmedizin im Hintertreffen?

Momentan, so Wallwiener, bestehe aber die Gefahr, dass die Hochschulmedizin die Digitalisierung verpasse, "wir müssen unsere Strukturen entsprechend prospektiv anpassen".

 Es sei an der Zeit, "den Schatz, den wir haben, zu nutzen", sagte Hallek. Die Datenmengen, die schon zur Verfügung stehen, müssten für das Patientenwohl eingesetzt werden. Dafür seien wissenschaftlich orientierte Kliniken prädestiniert.

Medizinische Forschung müsse nicht immer High-End-Produkte hervorbringen. Wichtig, so Professor Gerd Hasenfuß von der Universitätsmedizin Göttingen, sei auch die Evaluation der Daten, die unter anderem von den Patienten selbst mithilfe von Apps gesammelt werden.

"In Zukunft werden die Patienten vielleicht mehr Daten auf ihrem Handy haben als in Patientenakten oder KIS-Lösungen vorhanden sind.", so Müschenich.

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