Betriebsärzten macht die Überalterung zu schaffen

Das könnte in mancher Firma eine empfindliche Lücke hinterlassen: Mehr als die Hälfte der Betriebsärzte hier zu Lande ist über 60 - Nachfolger werden vergeblich gesucht. Auf ihrem Kongress in Ulm rührten die Betriebsärzte bei Jungärzten nun kräftig die Werbetrommel.

Von René Schellbach Veröffentlicht:
Grippeimpfung bei Volkswagen: Was hier noch mit festem ärztlichen Personal Routine ist, könnte in nicht all zu ferner Zukunft bald Seltenheitswert erlangen.

Grippeimpfung bei Volkswagen: Was hier noch mit festem ärztlichen Personal Routine ist, könnte in nicht all zu ferner Zukunft bald Seltenheitswert erlangen.

© dpa

ULM. Menschen helfen ohne viel Bürokratie - das wünschen sich Medizinstudenten. Der Alltag in Praxis oder Klinik sieht jedoch - das zeigt die Erfahrung - häufig anders aus. Eine Alternative bietet die Tätigkeit als Betriebsarzt. Davon ist Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW), überzeugt. Der Verband vertritt die Interessen von rund 3000 hauptamtlichen Betriebsärzten.

Wie andere Disziplinen auch, macht den Betriebsärzten der demografische Wandel zu schaffen. Denn fast die Hälfte aller Arbeitsmediziner in Deutschland ist älter als 60 Jahre und Nachwuchs ist nicht in befriedigendem Maße in Sicht.

Betriebsärzte sehen sich als "Fachärzte für Prävention"

In Deutschland praktizierten rund 50 verschiedene Facharzt-Disziplinen, so Panter, bei denen ohne Ausnahme die kurative Medizin im Vordergrund stehe. "Es gibt nur einen Facharzt für Prävention", wirbt Panter für den eigenen Berufsstand.

Beim Betriebsärzte-Kongress in Ulm kritisierte er, dass viel mehr Geld in die Reparatur gesteckt werde als in die Prävention. Gesundheit habe längst nicht mehr nur mit persönlichem Wohlbefinden zu tun, sondern auch mit der Stärke einer Volkswirtschaft.

Im Fokus: das betriebliche Gesundheitsmanagement

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz (CDU) erinnerte auf dem Kongress daran, dass psychische Erkrankungen durch Stress, Mobbing und Umstrukturierungen in den Betrieben "enorm zunehmen". Außerdem werde die Gesellschaft immer älter.

Damit werde ein umfassendes Gesundheitsmanagement für Firmen immer wichtiger. Sie forderte "Prävention und Eigenverantwortung der Beschäftigten." Das Ministerium will Initiativen vernetzen, ein eigenes Förderprogramm gibt es jedoch nicht.

Betriebs- und Werksärzte erreichen auch Menschen, die nicht zum Arzt gehen - mit diesem Argument wollte Panter eine Lanze für seine Profession brechen. In vielen großen Unternehmen funktioniere die Prävention bereits. "Wir müssen aber erreichen, dass betriebliches Gesundheitsmanagement auch in kleinen und mittleren Firmen ein Thema wird", forderte Panter. Er glaubt, dass die Betriebsärzte immer mehr zu Gesundheitsmanagern werden.

Vergangenes Jahr hat der VDBW die Initiative "docs@work" gestartet. Mit dem Projekt sollen junge Ärzte einen Einblick in den Beruf des Betriebsarztes bekommen. Dazu hatte der Verband einen Wettbewerb ausgeschrieben.

52 junge Ärzte beteiligten sich dieses Jahr, acht davon wurden ausgewählt. Zwei Tage lang besuchten sie Betriebe in der Region Ulm und mussten in Teams arbeitsmedizinische Aufgaben meistern. Auf dem Kongress berichteten sie über ihre Erfahrungen: Der Beruf sei interessanter als das, was sie im Studium darüber gelernt hätten. Gefallen hat den jungen Ärzten besonders, dass Betriebsärzte multidisziplinär und relativ unabhängig arbeiten.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Betriebsmedizin ist Chance für Praxen

Mehr zum Thema

Arbeitszeit

Umfrage: Jeder Zweite arbeitet im Urlaub

Fachkräftemangel

MFA-Verband startet Wertschätzungsoffensive

MFA-Tag

Praktische Tipps: Welche Kommunikation bei schwierigen Patienten wirkt

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Jürgen Windeler im Interview

„Das Gesundes-Herz-Gesetz ist völlig gaga!“

Nächste Woche erste Lesung im Bundestag

Linkes Bündnis nennt Lauterbachs Klinikpläne Etikettenschwindel

Lesetipps
Hört die KI künftig in Praxis- und Klinikalltag mit? Beim Healthcare Hackathon in Berlin wurden gleich mehrere Szenarien getestet, bei denen eine Art Alexa etwa bei der pflegerischen Aufnahme unterstützt.

© Andrey Popov / stock.adobe.com

Healthcare Hackathon

Wie KI zur echten Praxis- und Klinikhilfe wird

Professor Ferdinand Gerlach

© Wolfgang Kumm/dpa/picture alliance

Interview

Gerlach: „Es gibt keinen allgemeinen Ärztemangel und keine generelle Überalterung“

Gemälde von Menschen auf einer tropischen Insel, die um eine übergroße Mango tanzen.

© Preyanuch / stock.adobe.com

Kinetose

Mango, Musik, Medikamente – was gegen Reisekrankheit hilft