Arbeitsmedizin 4.0

Digitalisierung mischt Karten für Betriebsärzte neu

Die Digitalisierung der Industrie stellt Betriebs- und Werksärzte vor neue Herausforderungen. Dabei stehen körperliche wie mentale Gefährdungspotenziale durch die Mensch-Maschine-Kollaboration im Fokus. Hier wollen auch Gewerkschaften mitreden.

Von Matthias Wallenfels Veröffentlicht: 09.11.2019, 13:34 Uhr
Digitalisierung mischt Karten für Betriebsärzte neu

Industrie 4.0 – für die Arbeitsmediziner ist das teils noch Neuland.

© Poobest / stock.adobe.com

Freiburg . Die Digitalisierung der industriellen Produktionsprozesse in den großen Konzernen entlang der Wertschöpfungskette gilt längst als die nächste industrielle Revolution. Im Mittelpunkt steht dabei die Mensch-Maschine-Kollaboration. Diese kann durchaus vielschichtig sein.

So können teilautonome Roboter große Prozessschritte der Fertigung übernehmen – stets unter menschlicher Aufsicht. Aber auch Exoskelette können bei den Mitarbeitern zum Einsatz kommen – um Prävention im Hinblick auf muskuloskelettale Erkrankungen zu betreiben.

Dieser Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt wird auch für eine Zielgruppe relevant, die sonst bei der Digitalisierungsdebatte eine sehr untergeordnete Rolle spielt – die Betriebs- und Werksärzte müssen die neuen Spielregeln inhaltlich verarbeiten und eine Strategie für die Arbeitsmedizin 4.0 erarbeiten. Das war auch beim 70. Betriebsärztekongress des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) Ende Oktober in Freiburg Konsens.

Wie Professor Bertolt Meyer, Inhaber der Professur Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Technischen Universität Chemnitz, betonte, gehe es auch im Zeitalter der digitalisierten Arbeitsprozesse nicht nur vornehmlich um physische Beeinträchtigungen von Arbeitnehmern, die jobbedingt seien. Er verwies in Freiburg darauf, dass von 2004 bis 2016 die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage unter AOK-Mitgliedern wegen psychischer Probleme um 79,3 Prozentpunkte gestiegen ist.

Bei den AU-Tagen wegen Atemwegserkrankungen betrug der Anstieg 39 Prozentpunkte, bei muskuloskelettalen Erkrankungen 20 Prozentpunkte. Wie Meyer betonte, könne die psychische Belastung von Arbeitnehmern im Zuge der Mensch-Maschine-Kollaboration durchaus noch zunehmen – und damit auch die Zahl der entsprechend bedingten AU-Tage.

Roboter – Kollegen und Stressfaktor

Hintergrund sei, dass nicht alle Arbeitnehmer Roboter als unterstützende Kollegen wahrnähmen. Im Gegenteil: Der Einsatz von Robotern und weiteren Digitallösungen in Arbeitsprozessen werde als Bedrohung des Arbeitsplatzes wahrgenommen. Hier müssten Betriebs- und Werksärzte sensibel agieren.

Privatdozent Dr. Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, plädierte in Freiburg dafür, dass die moderne Arbeitsmedizin vor allem „agil“ sein müsse. Die Agilität versteht er mit Verweis auf eine entsprechende wissenschaftliche Definition als „Fähigkeit einer Organisation, relevante Veränderungen in ihrem Umfeld zu antizipieren und ihnen schnell und effektiv zu begegnen, indem sie sich entsprechend neu ausrichtet und das zu ihrem eigentlichen Zweck macht.“ Die Arbeitsmedizin 4.0 müsse, so Urban, „Partei für gute Arbeit ergreifen“.

Für die Kongressteilnehmer schließt sich spätestens hier der Kreis. Denn: „Dr. Hans-Jürgen Urban hat in seinen Funktionen mitgeholfen, den Begriff der ‚guten Arbeit‘ mit den ihm verbundenen Kriterien einer gesundheitsförderlichen Arbeit zu bewerben und in der politischen wie in der wissenschaftlichen Debatte zu etablieren“, hatte VDBW-Präsident Dr. Wolfgang Panter zuvor in seiner Laudatio in Erinnerung gerufen – Panter hatte Urban die VDBW-Ehrenmedaille verliehen.

Präventive Arbeitsmedizin gefragt

Nach Urbans Vorstellungen sollten sich die Betriebs- und Werksärzte vor allem als prospektive Arbeitsmediziner verstehen und für ihr Unternehmen als Kooperationspartner im Produktionsentwicklungs- und Planungsprozess fungieren. Arbeitsgesundheitliche Belange sollten so schon möglichst früh bei unternehmerischen Entscheidungen wie dem Bau einer neuen Produktionsstraße bedacht werden.

Weitere Stichworte lauten „agile Arbeitsanamnese“ und „Jobfloor-Kommunikation“ – die Arbeitsmediziner sollen also zu den Arbeitnehmern vor Ort gehen, um die Gesundheitsgefährdung am Arbeitsplatz zu beurteilen und Arbeitnehmer auch in ihrem Arbeitsumfeld auf gesundheitliche Belange ansprechen.

Letzteres bedeutet nichts anderes als die Umsetzung der im Präventionsgesetz vom Juli 2015 avisierten Prävention in „Lebenswelten“. Last but not least mahnt Gewerkschaftler Urban, das arbeitsmedizinische Berufsbild in Zeiten der Industrie 4.0 weiterzuentwickeln, um mit modernen Ansätzen auf moderne arbeitsmedizinische Fragestellungen entsprechende Strategien entwickeln und Antworten formulieren zu können.

Dass sich die „agile Arbeitsmedizin“ in Großbetrieben, in denen die Gewerkschaften geachtete Partner sind, sicher ohne größere Probleme umsetzen lassen wird, daran zweifelt fast keiner. Offen bleibt dagegen die große VDBW-Dauerbaustelle der arbeitsmedizinischen Betreuung und Prävention in den vielen Klein- und Kleinstunternehmen.

Hier attestieren die Arbeitsmediziner bereits seit Jahren Defizite – ohne nennenswerte Fortschritte. Die Herausforderungen dort sind aber auch eher mit einer traditionellen statt einer agilen Arbeitsmedizin zu meistern – schließlich hinken diese Firmen bei der Digitalisierung massiv hinterher.

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