Telemedizin

E-Mental-Health-Interventionen im Visier

Online-Psychotherapie mit oder ohne Therapeut? Diese Kernfrage gewinnt an Bedeutung, so ein führender Psychosomatiker.

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BERLIN. Die Flut von Gesundheits-Apps und -Programmen im Netz ist schier unüberschaubar. Darunter sind auch zahlreiche unseriöse oder nutzlose Angebote. Derzeit existiert kein einheitlicher Standard oder eine Zertifizierung für Online-Psychotherapieprogramme, die Nutzern als Orientierung dienen könnten.

Darauf wies Professor Stephan Zipfel, Vorsitzender des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM), am Dienstag in Berlin im Vorfeld des am Mittwoch startenden Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie hin, den das DKPM gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) ausrichtet.

Hausarzt als Ansprechpartner

Patienten sollten deshalb, so Zipfel, der an der Universitätsklinik Tübingen als Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie fungiert, Hausarzt oder Therapeuten fragen, welche Programme wirksam und für sie geeignet sind.

Ein alternativer Weg führe über die Krankenkasse: Inzwischen böten viele Versicherer ihren Mitgliedern kostenfrei Online-Interventionen für verschiedene Beschwerdebilder an.

Aber auch hier sei bei vielen Angeboten eine vorherige Abklärung bei einem Therapeuten Voraussetzung für die Teilnahme. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat zudem eine Checkliste für Interessierte zusammengestellt, anhand derer sie Angebote kritisch hinterfragen können.

Dazu gehören Aspekte zu Datensicherheit und der fachlichen Qualifikation der Ansprechpartner bei den Programmen.

"Inzwischen stehen zahlreiche E-Mental-Health-Interventionen – Online-Programme, Apps, Computerspiele oder Virtual Reality-Anwendungen – zur Verfügung, die großes Potenzial als Ergänzung zur klassischen Psychotherapie haben", verdeutlichte Zipfel. Ein Problem seien derzeit aber fehlende Standards zu deren Qualität, Patientensicherheit und Finanzierung.

"Digitale Anwendung müssen – wie andere Medizinprodukte auch – im Hinblick auf Wirksamkeit und Patientensicherheit geprüft und zertifiziert werden und wirksame Angebote sollten dann auch allen Versicherten zu Verfügung stehen", ergänzte er.

Jeder zehnte Einwohner Deutschlands ist nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts von mindestens einer psychischen Erkrankung oder psychischen Beschwerde wie Ängste, Süchte oder Depressionen betroffen. Diese Indikationen stehen zudem an zweiter Stelle der Ursachen für krankheitsbedingte Fehltage.

Niedrigschwellige Angebote

Viele Betroffene suchen im Zeitalter der Digitalisierung auch online nach Hilfe, wo mittlerweile eine Vielzahl von Programmen und Apps zur Intervention bei psychischen Beschwerden niedrigschwellig verfügbar sind.

Diese bieten auf den ersten Blick viele Vorteile: Sie sind ortsunabhängig nutzbar, lange Wartezeiten auf Therapieplätze lassen sich überbrücken, die Hemmschwelle, einen Therapeuten aufzusuchen, entfällt. (maw)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Vorreiter Psychotherapie

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