Arzthaftpflicht

Gemeinsam gegen den Deckungsnotstand

Eine anständige Berufshaftpflichtpolice zu bekommen, wird für Ärzte und Kliniken immer schwieriger. An einem "runden Tisch" versuchten Versicherer, Mediziner und Vermittler die verhärteten Fronten aufzuweichen. Das Fazit: Handlungsbedarf besteht nicht nur bei den Versicherern.

Von Herbert Fromme und Friederike Krieger Veröffentlicht:

KÖLN. Um einen Deckungsnotstand in der Heilwesenversicherung zu vermeiden, hat der Verband Deutscher Versicherungsmakler (VDVM) 28 Versicherer, Kliniken, Ärzte und Vermittler in Dortmund an einen Tisch gebracht.

Ziel war es, gemeinsam Probleme zu analysieren und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. "Man hat sich angenähert", sagt Adelheid Marscheider, Vizepräsidentin des VDVM.

Hintergrund ist die große Vorsicht der Risikoträger bei der Versicherung von Heilberufen. Anbieter wie die Axa haben die Prämien in der Arzthaftpflicht deutlich erhöht, die Zurich und andere machen inzwischen einen großen Bogen um die Risiken.

"Wir stellen uns im VDVM-Vorstand die berechtigte Frage, ob wir in naher Zukunft tatsächlich mit einem Versicherungsnotstand rechnen müssen", sagt Marscheider.

Gesamter Heilwesenkomplex betroffen

Das gelte nicht nur für die Arzthaftpflicht, sondern für den gesamten Heilwesenkomplex. "Krankenhäuser haben in Deutschland große Probleme, einen Haftpflichtschutz zu adäquaten Prämien zu erhalten", weiß Marscheider.

Chirurgen, Gynäkologen mit und ohne Geburtshilfe sowie Hebammen hätten erhebliche Schwierigkeiten, an Versicherungsschutz zu kommen.

Bei den Gynäkologen verzeichneten die Versicherer hohe Schadenquoten. Doch das sei nicht immer der Grund für hohe Prämien, wie das Beispiel der Humangenetiker zeige.

Die Unternehmen hätten noch keine konkreten Schadensbilder und -statistiken und könnten deshalb die Risiken nicht konkret einschätzen und kalkulieren, berichtet die Maklerin.

"Diese Unsicherheit spiegelt sich dann in der Bildung von hohen Rückstellungen und damit verbunden in überproportional hohen Versicherungsprämien wider."

Beispiel Humangenetik zeigt, wie Versicherer rechnen

Die Versicherer seien zu wenig bereit, sich in der Humangenetik mit wissenschaftlichen Hintergründen und möglichen Schäden auseinanderzusetzen, kritisiert sie.

Die Versicherungsprobleme würden die Arbeit der Ärzte in diesem Bereich gravierend beeinträchtigen.

"Den Studenten prophezeit man schon in der Hochschule: Wenn Ihr das Fachgebiet Humangenetik wählt, bekommt ihr keinen Versicherungsschutz", berichtet Marscheider. Das würde die Hinwendung zu diesem Wissenschaftsfeldern beeinflussen.

Der Austausch zwischen Versicherern und Medizinern beim "Heilwesen-Dialog" des VDVM habe geholfen, die verhärteten Fronten aufzuweichen, glaubt Peter Wesselhoeft, Präsident des Maklerverbandes.

So hätten die Versicherer wichtige Informationen erhalten, welche Stellschrauben besondere Risikorelevanz haben.

Bislang bemessen sie die Prämie oft am Umsatz oder an der Mitarbeiterzahl. "Humangenetiker haben angeregt, das Risiko lieber an der Anzahl der Fruchtwasseruntersuchungen einer Praxis festzumachen", erklärt Wesselhoeft.

Hier gebe es gewaltige Unterschiede. Manche Praxen kämen auf mehrere hundert Untersuchungen, andere auf 3000 im Jahr.

Auch Ärzte und Kliniken haben Nachholbedarf

Aber auch die Mediziner hatten Nachholbedarf. So habe sich gezeigt, dass das Risikomanagement mancher Klinik noch verbesserungswürdig ist. Das sei ein wichtiger Faktor, der die Risikobereitschaft der Versicherer beeinflusse.

"Einige Kliniken haben zwar ein Risikomanagementsystem eingeführt, aber es steht noch neben der Organisationsstruktur und ist nicht voll implementiert", erklärt Wessselhoeft. "Risikomanagement muss gelebt werden."

Er kann sich eine Fortsetzung der Gespräche vorstellen, eventuell auch mit Vertretern der Politik und Richtern, die oft mit Haftpflichtfällen im Heilwesenbereich befasst sind. "Es kann durchaus sein, dass es eine Folgekonferenz gibt", sagt Wesselhoeft.

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