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Junge Bewerber sitzen am längeren Hebel

Ärztinnen und Ärzte sollten Arbeitgeber, die keine Kinderbetreuung anbieten, gleich links liegen lassen. Als Stellenbewerber seien sie heute am längeren Hebel, sagte Professor Dr. Jürgen Schölmerich beim "Chances"-Forum in Wiesbaden.

Von Monika Peichl Veröffentlicht:
Auf dem "Chances"-Forum in Wiesbaden konnte sich der Internisten-Nachwuchs über Karrierechancen - auch mit Kind - informieren. © sba

Auf dem "Chances"-Forum in Wiesbaden konnte sich der Internisten-Nachwuchs über Karrierechancen - auch mit Kind - informieren. © sba

© sba

Mittlerweile sind 63 Prozent der Medizinabsolventen weiblich, dennoch ist nach Schölmerichs Worten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf heute durchaus kein Frauenproblem. "Männer sind auch Eltern und wollen ihre Kinder aufwachsen sehen", sagte der Präsident des Internistenkongresses, der bei dem Forum für die kurzfristig verhinderte Referentin Professor Dr. Babette Simon eingesprungen war.

Der Kongresspräsident rief die Nachwuchskräfte in den Klinikleitungen dazu auf, rasch für familiengerechte Arbeitszeitmodelle - auch in der Facharztweiterbildung - zu sorgen.

Dabei müssten die Ärztinnen und Ärzte auch selbst aktiv werden. "Wir sind dafür verantwortlich, der Verwaltung beizubringen, dass es Kinderbetreuung gibt", so Schölmerich. Diese müsse die gesamte Arbeitszeit abdecken. Zudem müsse die Mannschaft es "mittragen, damit familiengerechte Dienstzeitmodelle funktionieren".

Würden geteilte Stellen eingerichtet, müsse darauf geachtet werden, "dass jeder ersetzbar ist" und Mitarbeiter keine Alleinstellungsmerkmale entwickelten. Arbeitgeber müssen, wie Schölmerich vorrechnete, für Mitarbeiter mit Kindern einen Stellenschlüssel von 1,35 ansetzen, im Unterschied zum Schlüssel von 1,25 für kinderlose Angestellte.

Wie sehr die jungen Ärztinnen und Ärzte inzwischen am längeren Hebel sitzen, verdeutlichte Dr. Andreas Botzlar, der zweite Bundesvorsitzende des Marburger Bundes. Binnen eines Jahres sei die Zahl der unbesetzten Klinikstellen um 25 Prozent gestiegen. Somit habe der Medizinernachwuchs mehr denn je die Wahl und brauche Stellen nicht mehr um jeden Preis anzunehmen.

Öffentliche Arbeitgeber, die Beamtenpositionen für Ärzte anbieten, können gravierende Personalprobleme bekommen: Sie zahlen vergleichsweise schlecht. Das gilt auch für die kirchlichen Klinikarbeitgeber, bei denen aber laut Botzlar "unter der Hand" oftmals Gehälter auf dem Niveau der kommunalen Arbeitgeber individuell vereinbart werden. Aus seiner Sicht wäre es wünschenswert, statt individueller Vereinbarungen die Tarifregelung in diesem Sektor zu verbessern.

Der Internist ermunterte die jungen Ärztinnen und Ärzte, sich frühzeitig über die Gehaltsaussichten zu informieren. Zu bedenken seien aber auch Aspekte wie die Dienstfrequenz, die etwa an kommunalen Krankenhäusern höher sei als an Universitätskliniken. Bei der Arbeitsplatzauswahl sollten sie zudem darauf achten, ob ein Stellenplan vorliege und alle Stellen besetzt seien. Seien Stellen vakant, bedeute dies schließlich, dass die Bewerber mit besonders vielen Überstunden rechnen müssten.

Wer eine wissenschaftliche Karriere in der Medizin anstrebt, muss Abstriche bei der Einkommenshöhe in Kauf nehmen. Darauf wies Dr. Jochen Hampe beim "Chances"-Forum hin. Allerdings mache Wissenschaft zufriedener, wie eine Studie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ergeben habe. 80 Prozent der DFG-Auslandsstipendiaten kehren laut Hampe nach Deutschland zurück, wobei sich die Dauer des Auslandsaufenthalts tendenziell verlängere. Alles über zwei oder maximal drei Jahre sei jedoch für eine klinische Karriere kontraproduktiv, warnte er. Entgegen anderslautenden Meinungen sei die Forschung an den hiesigen Universitätskliniken keineswegs auf dem Rückzug, sie werde durch die vielfältigen Exzellenzinitiativen und Rankings vielmehr vorangetrieben.

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