Mobile Health

Patienten nicht überfordern und Ärzte fit machen

Die mobile vernetzte Gesundheitsversorgung steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen – auch die Ärzteseite scheut digitale Lösungen. Sollte man Mediziner schon im Studium für die Digitalisierung sensibilisieren?

Von Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht: 23.08.2018, 05:49 Uhr
Patienten nicht überfordern und Ärzte fit machen

Für Mobile Health bedarf es auch einer gewissen Digitalkompetenz auf Ärzte- und Patientenseite.

© iconimage / stock.adobe.com

DÜSSELDORF. Bei der zunehmenden Integration digitaler Technik in die Gesundheitsversorgung dürfen die Anwender nicht vergessen werden, findet Tino Philippi vom Unternehmen GE Healthcare. Der Einsatz digitaler medizintechnischer Geräte muss von Konzepten in der Aus- und Weiterbildung flankiert werden, so Philippi vor Kurzem bei der Konferenz "MobileConnectedHealth.NRW" in Düsseldorf. "Es reicht nicht, Geräte zur Verfügung zu stellen und davon auszugehen, dass die Leute damit umgehen können."

Philippi ist "Business Development Specialist" im Bereich Ultraschall bei GE Healthcare. Das Unternehmen stellt kleine mobile Ultraschallgeräte her, mit denen Ärzte direkt am Krankenbett Aufnahmen machen und über cloudbasierte Dienste zur Verfügung stellen. "Man kann das Display live teilen", berichtet er.

Viele Ärzte reagierten skeptisch auf die Geräte und schreckten vor deren Einsatz zurück. Gefordert seien neue Ausbildungskonzepte, meint Philippi. So müssten die Anwender genau darin geschult werden, wann eine mobile Untersuchung indiziert ist und wann nicht. "Wir müssen darauf achten, dass es genügend Menschen gibt, die mit den Geräten sinnvoll umgehen können."

Plädoyer für verbindliche Standards

Ein weiteres wichtiges Hemmnis für den breiten Einsatz mobiler digitaler Techniken sieht der GE-Experte in der mangelnden Standardisierung. "Es ist wichtig, einen Industriestandard zu schaffen, nach dem sich alle Hersteller richten können."

Es gebe bereits gute internationale Standards, die auch in Deutschland endlich implementiert werden müssten, betont auch Axel Meineke von Cerner Health Services Deutschland. Ohne die Arbeit mit internationalen Standards könnten die deutschen Hersteller ihre Medizinprodukte oder IT-Lösungen nicht auf die globalen Märkte bringen.

Meineke sieht hierzulande ein weiteres Manko: Im Bereich der mobilen digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen gebe es viele Start-ups und kleine Unternehmen mit guten Ideen. "Sie benötigen eine Plattform, auf der sie ihre Applikationen entwickeln und kommerzialisieren können."

Selbstversorgungskompetenz steigt

Viele mobile und vernetzte Lösungen könnten dazu beitragen, die Versorgung der Patienten zu verbessern, aber auch ihre Selbstversorgungskompetenz zu erhöhen, ist Harald Reiter von Philips Medizin Systeme überzeugt. Voraussetzung dafür sei aber, dass die Patienten einen leichten Zugang zu den Systemen haben.

"Das Zwei-Schlüssel-Prinzip wie bei der Telematik-Infrastruktur ist sehr sicher, aber es ist schwierig, die Patienten einzubeziehen", gibt er zu bedenken.

Die vom Patienten geführte elektronische Gesundheitsakte, in der alle Behandler Informationen einstellen, wird künftig im vernetzten Gesundheitswesen eine zentrale Rolle spielen, erwartet Carsten Fehlen von der CompuGroup Medical.

Druck wächst von mehreren Seiten

Es bringe aber nichts, die elektronische Gesundheitsakte einfach auf bestehende Prozesse aufzusetzen. "Ein Entlassbrief aus der Klinik, der nach drei Wochen kommt, wird nicht gut, wenn er in eine elektronische Akte überführt wird."

Bei der Digitalisierung gehe es jetzt darum, keine Zeit mehr zu verlieren, betont Christoph Rupprecht von der AOK Rheinland/Hamburg. Der Druck auf das Gesundheitssystem steige von zwei Seiten: von außen durch Unternehmen wie Google, Apple oder Amazon mit gesundheitsspezifischen Angeboten, aber auch von innen, wie die Gesundheitsakten der AOK und der Techniker Krankenkasse zeigten. Rupprecht: "Die Politik muss reagieren und will auch reagieren".

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