Digitalisierte Pflege

Smart Hospital: Vorfahrt für Bits und Bytes sorgt für mehr Zeit am Patienten

Bürokratie ist der Zeitfresser im Pflegealltag. Hier schafft, wo möglich, die konsequente Digitalisierung der Arbeitsprozesse Freiräume, so Andrea Schmidt-Rumposch, Pflegedirektorin der Unimedizin Essen.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht:
Digitalisierte Pflege an der Universitätsmedizin Essen: Sabrina Rosenkranz (li.), Stationsleitung UC2 und UC3/4, und Suada Salikic, stellvertretende Stationsleitung UC2, begutachten an einem Monitor das Bewegungsprofil eines Patienten.

Digitalisierte Pflege an der Universitätsmedizin Essen: Sabrina Rosenkranz (li.), Stationsleitung UC2 und UC3/4, und Suada Salikic, stellvertretende Stationsleitung UC2, begutachten an einem Monitor das Bewegungsprofil eines Patienten.

© Detlef Kittel Universitätsmedizin Essen

Essen. Die weitestgehende Digitalisierung der Pflege ist alternativlos, wenn dem Pflegepersonal wieder möglichst viel Zeit für die Arbeit am und mit dem Patienten gewährt werden soll. Diese Ansicht vertritt zumindest Andrea Schmidt-Rumposch, Pflegedirektorin und Vorstandsmitglied der Universitätsmedizin Essen (UME). Seit 2017 gestaltet Schmidt-Rumposch die Smart Hospital-Initiative der UME mit – Professor Jochen Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der UME, ist in Essen mit der Mission angetreten, aus dem Uniklinikum ein voll digitalisiertes Smart Hospital zu machen. Dafür sind viele Investitionen und mehrere Baumaßnahmen vorgesehen. Im Fokus steht dabei nicht nur der digitale, prozessorientiert gestaltete OP, sondern auch die digitalisierte Verwaltung inklusive elektronischer Fallakte und die Anbindung der Pflege.

Ebenjene klinikweite elektronische Fallakte sei das Herzstück der digitalisierten Versorgung an der UME, wie Schmidt-Rumposch im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ betont. In ihr werde alles stante pede erfasst – auch die pflegerische Dokumentation bis hin zur Wunddokumentation.

Fallakte bewährt sich in Corona-Pandemie

„In der Corona-Pandemie hat sich die Fallakte als äußerst nützlich erwiesen. Durch ein COVID-Symbol wird in Echtzeit dokumentiert, ob der betreffende Patient infiziert ist oder ob ein Testergebnis noch aussteht. Nach Erhalt des Testergebnisses wird dieses ebenfalls in der Fallakte dokumentiert. Der jeweils aktuelle Status kann an der gesamten UME von Ärzten und vom Pflegefachpersonal zu jeder Zeit eingesehen und beim Umgang mit dem Patienten berücksichtigt werden“, zeigt sich Schmidt-Rumposch froh, dass man in Essen früh auf den Digitalisierungszug der ambulanten wie stationären Versorgung aufgesprungen ist.

„Aber auch wir sind noch lange nicht am Ende der digitalisierten Pflege angelangt“, ergänzt sie. Sie begrüßt die Investitionsmittel, die auch der UME im Zuge des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) zukommen sollen. Die entsprechenden Anträge seien gestellt, die Pflege würde auch profitieren. Konkreteres kann sie noch nicht sagen.

Personal muss von Anfang an mit ins Boot geholt werden

Wichtig ist Schmidt-Rumposch, bei der Digitalisierung den Fokus nicht nur auf die technische Seite und damit die Machbarkeit verschiedener telemedizinischer und anderer Lösungen zu richten. „Die digitalisierte Pflege steht und fällt mit dem Pflegepersonal!“, lautet ihr Warnruf. Das Personal müsse von Anfang an ins Boot geholt werden, wenn es um die Digitalisierung ihres Arbeitsalltages in der Klinik gehe. „Die Pflegefachkräfte müssen verstehen, dass wir sie durch den Einsatz digitaler Unterstützung nicht ersetzen, sondern ihnen im Gegenteil den Arbeitsalltag erleichtern wollen, wenn zum Beispiel die aufwändige Zettelwirtschaft in der so wichtigen Pflegedokumentation entfällt und sie mehr Zeit für die Zuwendung zu ihren Patienten haben“, bringt es die Pflegemanagerin, die von der Charité in den Ruhrpott wechselte, auf den Punkt.

Wichtig sei ihr gewesen, aktiv – auch auf Station – auf das Pflegepersonal zuzugehen und als Ansprechpartner für verunsicherte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung zu stehen. „Schulung, Schulung, Schulung“, sei zentral, wenn es um die Akzeptanz neuer digitaler Lösungen im Pflegealltag ginge. Zudem habe sich der Ansatz der frühen Mitarbeitereinbindung bewährt – es werde nicht par ordre du mufti über die Köpfe hinweg digitalisiert.

Am Anfang stehen Tests mit Freiwilligen

Im Gegenteil: Bevor an der UME ein smartes Tool zur Anwendung komme, testeten es Mitarbeiter auf freiwilliger Basis in entsprechenden Pilotprojekten. Dabei habe sich gezeigt, dass die allermeisten Beschäftigten – unabhängig vom Alter übrigens – technischen Neuerungen sehr positiv gegenüberstünden, wenn sie den Mehrwert für den beruflichen Alltag erkennen.

Für Schmidt-Rumposch gibt es auch ein klares Junktim zwischen Digitalisierung und Qualifizierung der Mitarbeiter. Viel stärker als noch vor einigen Jahren forderten Pflegemitarbeiter berufliche und persönliche Entwicklungs- sowie Qualifizierungsmöglichkeiten ein und drängten darauf, ihren eigenen Tätigkeitsbereich selbst mitgestalten. Der tarifliche Rahmen lasse hier genug Spielraum, Engagement für die digitalisierte Versorgung auch entgeltlich zu honorieren.

Rund 20 Mitarbeiter aus dem Pflegebereich könnten zum Beispiel jährlich den berufsbegleitenden Studiengang Pflege und Digitalisierung, den die UME unterstützt, kostenfrei besuchen. Darin erwerben sich Pflegefachkräfte zum einen Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien, digitalen klinischen Prozessen und digitaler pflegerischer Versorgung. „Sie sind aber zugleich auch an der Weiterentwicklung des Themas beteiligt, können die Prozesse der Digitalisierung also aktiv mitgestalten“, benennt Schmidt-Rumposch weitere Vorteile.

Digitales Entlassmanagement vermittelt Nachversorger

Stolz ist Schmidt-Rumposch auch darauf, dass der Prozess des Entlassmanagements an der UME ein gutes Beispiel für die intersektorale Vernetzung durch Digitalisierung sei. Wesentlich sei neben der adäquaten Vorbereitung von Überleitungsdaten die Kommunikation zu den bei Bedarf nachversorgenden Pflegeeinrichtungen. Die Plattform identifiziere auf der Basis pseudonymisierter Patientenprofile (z.B. Wohnort, Beatmung oder Infektion) und Daten der Nachversorger (z.B. freie Kapazitäten, Expertisen, Ort), mit Hilfe von Algorithmen, mögliche Nachversorger.

Die Kontaktaufnahme erfolge automatisiert und digital über die Plattform. Nachversorger bestätigten die Möglichkeit einer Aufnahme oder lehnten sie ab. Die betreffenden Patienten wählten anhand der Rückmeldungen für sich die passende Einrichtung aus. „Bisher mussten sich die Mitarbeitenden teils die Finger wund wählen und Papierberge abarbeiten, bis es zu einer passenden Vermittlung gekommen ist“, bringt Schmidt-Rumposch den Segen der digitalisierten Versorgung in diesem konkreten Fall auf den Punkt.

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