Direkt zum Inhaltsbereich

Zu spät untersucht - kein Honorar für die Ärzte

Durch die Pflicht zur Vorsorgeuntersuchung bei Kindern könnte es in Zukunft öfter zu verspäteten Untersuchungen kommen - die Kassen zahlen dann nicht.

Von Antonia von Alten Veröffentlicht:
Zwischen dem dritten und vierten Lebensmonat soll die U4 stattfinden. Eltern, die daran erinnert werden müssen, kommen oft zu spät.

Zwischen dem dritten und vierten Lebensmonat soll die U4 stattfinden. Eltern, die daran erinnert werden müssen, kommen oft zu spät.

© Foto: Klaro

Er ist violett und so groß wie ein Rezeptformular: der neue Kontrollzettel, auf dem hessische Pädiater und Hausärzte seit Anfang des Jahres den Eltern den Besuch der Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen ihrer Kinder quittieren. Für Ulrike Eckert-Tanzki, Inge Geyer-Sodemann und Peter Mondon, die in Neu-Isenburg eine kinderärztliche Gemeinschaftspraxis betreiben (etwa 2300 Patienten im Quartal), hält sich der Aufwand mit dem neuen Formular in Grenzen. Lediglich Name und Adresse des Kindes müssen aufgedruckt werden, die entsprechende Vorsorgeuntersuchung angekreuzt und der kleine Zettel unterschrieben werden. Einmal pro Woche werden die Quittungen dann per Post an das neu eingerichtete Hessische Kindervorsorgezentrum an der Frankfurter Uniklinik geschickt. Das Porto übernimmt das Vorsorgezentrum.

Die Zahl der Untersuchungen ist geringfügig gestiegen

Hintergrund der Neuerungen, die seit Anfang des Jahres in Hessen gelten, sind die in den vergangenen Jahren bekannt gewordenen Fälle von misshandelten und vernachlässigten Kindern in Deutschland. Eine starke Zunahme der Vorsorgeuntersuchungen haben die Neu-Isenburger Ärzte im ersten halben Jahr nicht beobachtet. In der Abrechnung des ersten Quartals sei die Zahl der Vorsorgen nur geringfügig angestiegen, berichtet Ulrike Eckert-Tanzki. Doch nach der bundesweiten Einführung der U7a zwischen dem 34. und 36. Lebensmonat vom 1. Juli an rechnet die Kinderärztin mit etwa 50 zusätzlichen Untersuchungen pro Quartal.

Im Großen und Ganzen seien die Eltern schon immer gerne mit ihren Kindern zu den Vorsorgeuntersuchungen gekommen, berichten die Ärzte. "Es ist eine gute Gelegenheit, einmal ein paar grundsätzliche Dinge anzusprechen", so Inge Geyer-Sodemann. Dass die Untersuchungen seit Januar verpflichtend sind, hat ihrem Ansehen bei den Eltern nicht geschadet. Immer wieder kommen Eltern von sich aus auf Medienkonsum, Ernährungsprobleme oder Erziehungsschwierigkeiten zu sprechen. Frau Geyer-Sodemann ist erstaunt, wie offen manche Mütter zugeben, dass sie mit der Erziehung überfordert sind und zum Beispiel ihr Kind geschlagen haben. Geyer-Sodemann: "Viele sind hilflos in ihrer Not." Die Kinderärztin sieht sich jedoch in einer schwierigen Situation: "Es gibt im näheren Umkreis nur wenige Hilfsangebote für überforderte Eltern und ihre Kinder."

Jeden zehnten Euro verdienen die Pädiater durch Vorsorge

Mehr als 300 Vorsorgeuntersuchungen für Kinder zwischen null und zehn Jahren und etwa 30 für Jugendliche rechnen die Kinderärzte der Praxis in Neu-Isenburg pro Quartal mit den Krankenkassen ab. Im Durchschnitt bekommen sie für die U3 bis U9 31 Euro pro Untersuchung, für die Jugend-Vorsorge J1 sind es 36 Euro. Die Honorare für Vorsorge machen in der Gemeinschaftspraxis etwa zehn Prozent des Gesamtvolumens aus. Der Aufwand ist vor allem bei Kleinkindern groß - etwa 20 Minuten setzt Peter Mondon für eine U7a bei einem Dreijährigen an. Trotzdem sind Untersuchungen für die Pädiater attraktiv, da sie extrabudgetär abgerechnet werden.

Sehr penibel sind die Krankenkassen allerdings mit den Toleranzgrenzen, innerhalb derer die Untersuchungen noch gemacht werden sollen. Werden sie nur um einen Tag überzogen, zahlen die Kassen nicht. Gerade diejenigen Eltern, die von dem neuen Kindervorsorgezentrum gemahnt werden, kommen jedoch nicht selten erst nach Ablauf der Toleranzgrenze in die Praxen. "Manche Eltern werden erst wenige Tage vor Ablauf der Toleranzgrenze an die Untersuchung erinnert", berichtet Peter Mondon. Bis sie einen Termin in der Praxis haben, vergehe noch einmal Zeit. In fünf Fällen ist den Neu-Isenburger Pädiatern im letzten Quartal das Honorar für die Vorsorge von den Kassen gestrichen worden.

Noch nehmen die drei Kinderärzte die Streichung schulterzuckend hin. Durch die Pflicht zur Vorsorge könnte es jedoch in Zukunft häufiger zu Verspätungen kommen. Dann müssen sich die drei Pädiater etwas einfallen lassen. Von einem Kollegen weiß Peter Mondon, dass er zwei Eltern eine Rechnung geschickt hat, mit der Bitte, sie bei ihrer Krankenkasse einzureichen. Die Kasse habe daraufhin das Honorar überwiesen.

Meldepflicht zur Kindervorsorge in Hessen

Seit dem 1. Januar 2008 sind Eltern in Hessen gesetzlich verpflichtet, ihre Kinder in vorgegebenen Abständen zu den von den Krankenkassen finanzierten Vorsorgeuntersuchungen U4 bis U9 zu bringen. Die Pädiater oder Hausärzte schicken die Bestätigung der Untersuchung an ein neu eingerichtetes Kindervorsorgezentrum. Säumige Eltern werden von dem Vorsorgezentrum nach Ablauf der Untersuchungsfrist - die teilweise nur zwei Monate beträgt - per Post an den Vorsorgetermin erinnert. Wird ein Kind nach zweimaliger Aufforderung nicht untersucht, informiert das Zentrum das Jugendamt am Wohnort, das dann Kontakt mit der Familie aufnimmt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Gute Idee - an der Umsetzung hapert’s

Lesen Sie dazu auch: Zu spät zur Kindervorsorge? Krankenkassen zahlen nicht

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Praktische Tipps

Aufgebrachte Patienten? Wie Praxisteams sicher deeskalieren

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
 Abb. 1: Anwendung von Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1,8]

Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

Topische steroidfreie Behandlungsoption bei atopischer Dermatitis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Incyte Biosciences Germany GmbH, München
Abb. 1: Impfstoffeffektivität gegen Post COVID-Beschwerden

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [14]

Jährliche COVID-19-Impfung

Empfohlen für ein breites Risikokollektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioNTech Europe GmbH, Mainz
Abb. 1: Vorteile von Vamorolon

© Santhera Pharmaceuticals (Deutschland) GmbH, modifiziert nach [3−5, 6]

Duchenne-Muskeldystrophie (DMD)

Neue Perspektiven für die Versorgung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Santhera Pharmaceuticals (Deutschland) GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Start des Gebäudemodernisierungsgesetzes

Heizungstausch geplant? Diese neuen Regelungen kommen auf Eigentümer zu

Lesetipps
Steve Roczen und MFA-Auszubildender

© Zentrum Familienmedizin GbR

Porträt

Steve Roczen: Darum ist der MFA-Beruf für Männer interessant

Ein gedeckter Tisch mit Gemüse

© san_ta / Stock.adobe.com

Metaanalyse

Ist eine vegetarische oder vegane Ernährung gut für Kinder?