Ärzte Zeitung, 14.11.2008

Impfen mit Insulin gegen Diabetes? Das Konzept wird jetzt erforscht

Kann man Kinder gegen Typ-1-Diabetes impfen? Mit den Studien Pre-Point und Point wollen Wissenschaftler genau das herausfinden.

Von Helga Brettschneider

Impfen mit Insulin gegen Diabetes? Das Konzept wird jetzt erforscht

Manche Kinder haben ein extrem hohes Risiko für die Entwicklung eines Typ-1-Diabetes, der letztlich durch eine Autoimmunreaktion verursacht wird. Solche Kinder sollen in den beiden Studien immunisiert werden. Der Impfstoff ist lange bekannt: Es ist Insulin.

"Wir wollten mit dem Molekül arbeiten, bei dem die Ursachen des Diabetes liegen", sagt Professor Annette-Gabriele Ziegler vom Institut für Diabetesforschung der TU München. Und da weisen viele Befunde auf Insulin hin: "Es scheint immer mit Insulin loszugehen. Wir sehen bei Kindern, die Diabetes entwickeln, schon sehr früh eine Immunantwort gegen Insulin, dann gegen andere Antigene - und dann kommt es zur Entzündung der Insulin-produzierenden Zellen und zum Diabetes."

In den beiden Studien wird deshalb untersucht, ob eine sehr frühe Impfung mit Insulin dem Entstehen der Diabetes-Antikörper und der Krankheit selbst vorbeugen kann. Die einleitende Studie ist Pre-Point*; sie wurde im September 2007 in Kanada, USA und fünf europäischen Ländern gestartet. 40 Kinder von 1,5 bis 7 Jahren sollen teilnehmen, davon 16 in Dresden und München.

Behandelt werden gesunde Kinder. Sie dürfen noch keine Antikörper haben, müssen aber ein extremes genetisches Typ-1-Risiko und zusätzlich ein hohes familiäres Risiko aufweisen - zum Beispiel mindestens zwei erkrankte erstgradige Verwandte. Oder die gleichen Diabetes-Risikogene wie ein erkranktes Geschwisterkind. Dann beträgt ihr Diabetesrisiko der nächsten fünf Jahre 50 bis 80 Prozent. Zum Vergleich: Das "normale" Erkrankungsrisiko liegt bei 0,3 Prozent.

In Pre-Point erhalten die Kinder bis zu 18 Monate lang Insulin oder ein Placebo, als Nasenspray oder mit der Nahrung. Der Weg über den Magen-Darm-Trakt wurde gewählt, um die Akzeptanz des körpereigenen Stoffes zu erleichtern und der fehlerhaften Immunantwort zuvorzukommen. Denn er ist das Organ mit den meisten Abwehrzellen, und die sind in diesem Bereich des Körpers auf Akzeptanz und Toleranz ausgerichtet, so Ziegler: "Sonst würde alles, was wir essen, starke Abwehrreaktionen auslösen."

Ermittelt werden die optimale Dosis und Applikationsform des Insulins. Die Untersuchungen werden anschließend in der auf 300 Kinder erweiterten Point-Studie fortgeführt: Hier geht es dann primär um die Diabetesprävention. In einer früheren Studie hatte orales Insulin in der Phase der Inselentzündung die Diabetes-Entwicklung signifikant verzögert. Der Einsatz vor dem Auftreten von Antikörpern könnte noch bessere Effekte liefern. Mit ersten Ergebnissen rechnet Ziegler nach drei Jahren.

Die TEDDY-Studie** dagegen prüft Umweltfaktoren, die bei gefährdeten Kindern die Antikörper-Entwicklung triggern könnten - oder davor schützen. Denn nicht alle Kinder mit Risikogenen erkranken, selbst bei eineiigen Zwillingen trifft es nicht immer beide. Aber Kinder mit einem vor der Pubertät manifesten Diabetes entwickeln meist schon in den ersten zwei Lebensjahren Antikörper.

An TEDDY können Kinder mit weniger durchschlagenden Risikogenen als in PrePoint teilnehmen. Angehörige können, müssen aber nicht erkrankt sein. Säuglinge bis zum Alter von drei Monaten werden auf Risikogene gescreent. Sie steigern das Diabetesrisiko auf etwa zehn Prozent, wenn schon Angehörige erkrankt sind. Ohne erkrankte Familienmitglieder liegt es bei drei bis fünf Prozent. Gefährdete Neugeborene werden vier Jahre lang alle drei Monate und dann halbjährlich untersucht. Endpunkt ist der Nachweis von Insel-Antikörpern oder Typ-1-Diabetes bis zum Alter von 15 Jahren.

Die Mediziner erfassen dafür unter anderem Infektionen und fahnden nach Enteroviren im Stuhl. Und sie notieren tageweise und peinlich genau die Ernährung, denn Daten von Säuglingen weisen auf einen Einfluss der Beikost hin. Dabei zählt offenbar weniger die Art des Nahrungsmittels als der Zeitpunkt: "Vor allem frühe Beikostgabe scheint mit erhöhtem Risiko verbunden zu sein", sagt Ziegler. Das weist wieder in Richtung Magen-Darm-Trakt: "Mit zwei Monaten ist sein Immunsystem noch nicht ausreichend entwickelt." Weiterer vielversprechender Kandidat: Der Umfang der Vitamin-D-Zufuhr. In Ländern mit hoher Vitamin-D-Substitution ist das Diabetesrisiko viel niedriger als in solchen mit niedriger Substitution.

Der Aufwand für die Studie ist einmalig - 362 000 Säuglinge sollen in Deutschland, Finnland, Schweden und den USA erfasst werden. 207 000 Babies wurden bereits untersucht. Die Münchner haben insgesamt 23 000 Kinder gescreent (Ziel ist 30 000); sie suchen noch weitere Familien, in denen zum Beispiel bereits ein Mitglied Typ-1-Diabetes hat. Auch erste Daten liegen inzwischen vor, von 46 500 Babies aus den US-Zentren in Georgia und Florida. Demnach hat dort jeder Dreißigste ein genetisch erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes.

Familien, die an einer der Studien teilnehmen möchten, können an das Institut für Diabetesforschung in München vermittelt werden, Tel.: 08 00 / 33 83 339.

*Pre-Point: Primary Oral /intranasal Insulin Trial Pilot Study

**TEDDY: The Environmental Determinants of Diabetes in the Young

Typ-1-Diabetes nimmt zu

Es wird immer wichtiger, eine Präventionsmöglichkeit gegen Typ-1-Diabetes zu finden. Denn die Inzidenz nimmt seit Jahren weltweit zu, vor allem jüngere Kinder erkranken immer häufiger. In Deutschland haben nach Angaben der Stiftung Kindergesundheit rund 24 000 Kinder und Jugendliche Typ-1-Diabetes. Die Rate an Neuerkankungen beträgt zur Zeit jährlich 12,2 pro 100 000. (hbr)

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