Ärzte Zeitung, 16.08.2010

Die Pille kann mehr als Kontrazeption

Mit oralen Kontrazeptiva lassen sich nicht nur Schwangerschaften verhüten. Ein viel beachteter Aspekt ist dabei auch der Zusatznutzen der Pille, zum Beispiel bei Patientinnen mit Dysmenorrhoe oder bei Frauen mit einem prämenstruellen Syndrom.

Von Hans Peter Zahradnik, Aida Hanjalic-Beck und Stephanie Friebel

Die Pille kann mehr als Kontrazeption

Frauen, die mit der Pille verhüten, können auf vielfältigen therapeutischen Zusatznutzen hoffen.

© martin ruge / fotolia.com

Die Pille garantiert eine hohe kontrazeptive Sicherheit, doch ohne Zweifel bedeutet die hormonelle Verhütung einen Eingriff in den weiblichen Organismus mit entsprechenden systemimmanenten Risiken. Das erfordert, im Vorfeld eventuelle Kontraindikationen auszuschließen. Die Pille hat aber auch eine Reihe therapeutischer Effekte, welche im Einzelfall in die Beurteilung der Nutzen-Risikorelation einfließen müssen.

Was die kontrazeptive Effektivität angeht, sind hormonale Kontrazeptiva heutzutage gleichwertig, geringe Unterschiede ergeben sich bei manchen Nebenwirkungen. Entscheidende Unterschiede gibt es jedoch, was den therapeutischen Zusatznutzen betrifft, zum Beispiel bei einer primären Dysmenorrhoe.

Orale Kontrazpetiva bessern Dysmenorrhoe

Bei der primären Dysmenorrhoe kann keine pathologische Anatomie als Ursache für die Schmerzen während der Regelblutung erkannt werden. Sie beginnt meist schon bei oder kurz nach der Menarche. Der Schmerz tritt mit Einsetzen der Regelblutung auf und dauert üblicherweise ein bis drei Tage. Dysmenorrhoeische Beschwerden treten vor allem bei jungen Frauen auf mit einer Prävalenz von über 50 Prozent. Behandlungsbedürftig sind 20 bis 25 Prozent der Betroffenen. Da das Prostaglandinsystem bei der Schmerzentstehung eine wesentliche Rolle spielt, ist jede Maßnahme, die die Synthese oder Wirkung von Prostaglandinen hemmt, erfolgreich.

Nicht steroidale antiinflammatorische Substanzen wie zum Beispiel Naproxen hemmen sehr effektiv die Synthese von Prostaglandinen und sind daher therapeutisch sinnvoll. Wenn gleichzeitig eine sichere Schwangerschaftsverhütung gewünscht wird, sind hormonale Kontrazeptiva die Mittel der Wahl. Unter der hormonellen Kontrazeption wird deutlich weniger Endometrium aufgebaut, und genau hier, im Endometrium, findet die Prostaglandinsynthese statt. Darüber hinaus hemmen aber auch bestimmte Gestagene die Prostaglandinsynthese direkt. In einer aufwändigen In-vitro-Untersuchungsreihe konnten wir dies für Chlormadinonacetat (CMA) nachweisen.

Ein weiteres häufiges Problem bei Frauen im gebärfähigen Alter ist das prämenstruelle Syndrom (PMS). Darunter versteht man emotionale und/oder psychovegetative, aber auch somatische Veränderungen, die in der zweiten Zyklushälfte auftreten und mit Einsetzen der Regelblutung wieder verschwinden. Die pathologische Bedeutung der einzelnen Symptome variiert erheblich. Unter Umständen beeinträchtigen prämenstruelle Beschwerden das tägliche Leben so stark, dass eine medikamentöse Therapie notwendig wird.

Die Autoren

Professor Hans Peter Zahradnik ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Universität Freiburg.
Dr. Aida Hanjalic-Beck und Dr. Stephanie Friebel sind als Oberärztinnen an der Freiburger Klinik tätig.

Das Auftreten prämenstrueller Beschwerden wird bisweilen der Einnahme von Ovulationshemmern zugeschrieben. Dies trifft sicherlich so nicht zu, wie einige sehr gute kontrollierte Studien nachweisen konnten. Nicht vorbelastete Frauen ohne jegliches PMS bekommen durch ein modernes kombiniertes hormonales Kontrazeptivum kein prämenstruelles Syndrom.

Günstige Effekte beim prämenstruellen Syndrom

Demgegenüber konnten einige Studien glaubwürdig beweisen, dass bestimmte Kombinationspräparate - gut belegt für die Kombination aus Ethinylestradiol plus Drospirenon -  positive Effekte im Hinblick auf prämenstruelle Stimmungsschwankungen und depressive Verstimmungen aufweisen. Auch Beobachtungsstudien mit anderen Kombinationen haben einen ausgleichenden Effekt bei Frauen mit prämenstruellen Beschwerden nachweisen können. So wurden mit der Kombination Ethinylestradiol plus CMA 50 000 Frauen unter diesem Aspekt beobachtet. Selbst bei einem PMDD (premenstrual dysphoric disorder), der schwersten Form eines PMS, ist mit einer Kombination aus Ethinylestradiol plus Drospirenon im Vergleich zu Placebo eine signifikante Verbesserung dieses Krankheitsbildes beobachtet worden. Da die klinische Relevanz der Behandlungsmöglichkeiten, aber auch der Verschlimmerung prämenstrueller Beschwerden durch Kombinationspräparate sehr hoch ist, sollte es nie versäumt werden, vor der Verschreibung eines Kontrazeptivums genau abzuklären, ob prämenstruelle Veränderungen vorliegen oder nicht, um dann eine adäquate Pille auswählen zu können.

Dieser Beitrag wird in voller Länge in der Fachzeitschrift "gynäkologie + geburtshilfe" (Ausgabe 9 /2010) erscheinen.

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