Ärzte Zeitung, 21.03.2006

INTERVIEW

"In Deutschland werden Krebspatienten noch immer viel zu selten interdisziplinär behandelt"

Morgen beginnt in Berlin der 27. Deutsche Krebskongreß. Dort werden außer den Fortschritten in Forschung und Therapie auch die Versorgungsstrukturen diskutiert. Um künftige Versorgungsprobleme besser zu meistern, schlägt Kongreß-Präsident Professor Werner Hohenberger eine nationale Krebskonferenz vor, wie er im Gespräch mit Dr. Swanett Koops, Mitarbeiterin der "Ärzte Zeitung", sagte.

   
 
"Das Lungen-
karzinom wird bei Frauen wohl zum häufigsten Tumor."
 
Professor Werner Hohenberger
Deutsche Krebsgesellschaft
   

Ärzte Zeitung: Wie zuverlässig ist die Erfassung der Häufigkeiten von Krebserkrankungen?

Hohenberger: Sowohl innerhalb Deutschlands als auch in Europa schwanken die Krebsinzidenzen. Die Häufigkeit von Krebs steigt ab dem 55. Lebensjahr steil an, weshalb die Altersstruktur eines Landes Einfluß auf die Krebshäufigkeit hat. Natürlich sind epidemiologische Daten auch von der Qualität der Erhebungen abhängig. In Deutschland haben wir nur im Saarland ein seit Jahrzehnten durchgängiges und vollständiges Krebsregister. Deshalb können wir derzeit nur auf Schätzungen mit gewissen Ungenauigkeiten zurückgreifen. Zwar ist die Erfassung mit Einführung des Krebsregister-Gesetzes in vielen Bundesländern auf einem guten Weg, aber eben noch nicht umfassend umgesetzt.

Ärzte Zeitung: Welches sind zur Zeit die häufigsten Krebsarten in Deutschland?

Hohenberger: Nach Schätzungen des Robert-Koch-Institutes ist bei Männern das Prostatakarzinom der häufigste bösartige Tumor, wobei hier aber auch der beträchtliche Teil klinisch nie relevant werdender Karzinome dazu gehört. Bei Frauen steht das Mammakarzinom an erster Stelle. An zweiter Stelle stehen bei beiden Geschlechtern bösartige Tumoren von Dickdarm und Mastdarm, gefolgt vom Lungenkarzinom. Bei Männern nimmt die Häufigkeit von Lungenkarzinomen allmählich ab, bei Frauen bis 40 Jahren hingegen - und das ist das Erschreckende - wird das Karzinom wohl allmählich zum häufigsten Tumor.

Ärzte Zeitung: Bei welchen Krebsarten sind in den vergangenen Jahren die größten Erfolge erzielt worden und wodurch?

Hohenberger: Die Inzidenz des Magenkarzinoms ist in den letzten 50 Jahren etwa von 55 auf 15 bis 20 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner pro Jahr zurückgegangen. Dies hängt sicherlich zum einen mit Verbesserung der Lebensbedingungen zusammen. Aber natürlich sind auch die neuen Erkenntnisse zur Entstehung des Magenkarzinoms von Bedeutung, wobei Helicobacter pylori, der mit einer Kombitherapie aus Antibiotika und Protonenpumpenhemmer eradiziert werden kann, besonders wichtig ist. Auch bei anderen Krebsarten wie dem Zervix-Karzinom konnte die Häufigkeit manifester und fortgeschrittener Erkrankungen durch Vorsorgemaßnahmen reduziert werden. Besonders erfreulich ist auch die Tatsache, daß es beim Melanom - vermutlich durch bewußteren Umgang mit der Sonnenbestrahlung - nicht die prognostizierte enorme Zunahme gab.

Ärzte Zeitung: Welche Highlights, bietet der diesjährige Kongreß?

Hohenberger: Ein Highlight ist es schon mal, daß man neue Informationen aus der Onkologie in Deutschland erhält. Daneben werden viele Symposien die Strukturdiskussionen zu Organzentren aufgreifen. So wird es künftig außer den Mamma-Zentren wohl auch Darm- und Prostata-Zentren geben. Zudem soll der Kongreß dem Nachwuchs Raum geben und ihn fördern. Und schließlich wird sicherlich auch der Krebsaktionstag für Patienten ein Highlight. Denn die Krebstherapie wird immer komplexer und für Nichtmediziner immer schwieriger verständlich. Ein informierter Patient wird am ehesten bei seiner Behandlung mithelfen.

Ärzte Zeitung: Das Kongreß-Motto lautet: "Jetzt handeln - gemeinsam". Wo liegen die größten gesundheitspolitischen Defizite im Zusammenhang mit der Versorgung bei Krebs?

Hohenberger: In der Gesundheitspolitik, und ganz besonders in der Onkologie, stehen wir angesichts der steigenden Erkrankungszahlen großen Herausforderungen gegenüber. Die zunehmende Differenzierung, aber auch die absehbaren großen Möglichkeiten in der Krebsbehandlung, werden die Probleme in der Versorgung verstärken und die Kosten erhöhen. Diese Probleme sind nur durch ein gemeinsam abgestimmtes Handeln zu meistern. Dies betrifft die Politik, die auch die Experten mehr in die Pflicht nehmen und auf ihren Rat eingehen sollte. Wir schlagen deshalb eine nationale Krebskonferenz vor, in der alle wichtigen Personen gemeinsam die Verantwortung übernehmen. Zudem müssen Einzelinteressen zurückgestellt und gemeinsame Lösungen gesucht werden. Dies betrifft auch die noch viel zu seltene interdisziplinäre Behandlung von Krebspatienten, die bereits bei der Entwicklung von Studienprotokollen beginnen muß.

Ärzte Zeitung: Wird die hohe Qualität der medizinischen Versorgung auch in Zukunft zu halten sein?

Hohenberger: Diese Frage ist eine große Herausforderung vor allem an die Politik, und die tut sich mit der Lösung dieses Problems schwer. Die Patienten sind dadurch verunsichert und haben die zur Zeit noch unbegründete Angst, daß nicht mehr jeder die für ihn beste Behandlung erfährt. Ohne eine intelligente Lösung müssen wir aber befürchten, daß es zu einem Mangel an Ressourcen kommen wird. Wir Ärzte müssen Strategien entwickeln, wie der unterschiedliche Bedarf an medizinischer Versorgung besser beurteilt werden kann.

Ärzte Zeitung: Welchen Beitrag können Hausärzte zur besseren Versorgung von Krebspatienten leisten?

Hohenberger: Eine wichtige Aufgabe der Hausärzte ist die Motivation ihrer Patienten für Vorsorgemaßnahmen. Wir wissen aus Untersuchungen, daß es vor allem an Hausärzten liegt, ob Menschen Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Außerdem wissen wir, daß ein beträchtlicher Anteil der Krebserkrankungen vererbt wird. Die Kenntnis der Familienanamnesen ist also sehr wichtig, und wer könnte diese besser erfassen als Hausärzte.

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ZUR PERSON

Professor Werner Hohenberger (Foto: Deutsche Krebsgesellschaft) ist Direktor der Chirurgischen Klinik am Uni-Klinikum Erlangen und diesjähriger Präsident des Deutschen Krebskongresses. Er ist Mitglied des Beirates der Deutsche Krebshilfe-Organisationen.

 

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