Ärzte Zeitung online, 20.09.2017
 

Bei Brustkrebs

Schwangerschaft verschlechtert Prognose nicht

Erkrankt eine Frau während oder rund um eine Schwangerschaft an Brustkrebs, scheint das ihre Überlebenschancen nicht zu verschlechtern. Weitaus mehr Gewicht hat wohl das Alter der Frau zum Zeitpunkt der Krebsdiagnose.

Von Dagmar Kraus

Schwangerschaft verschlechtert Prognose nicht

Wie stehen die Chancen, wenn Frauen sich trotz Brustkrebs noch ein Kind wünschen?

© Photographee.eu / Fotolia

Toronto. Erkranken Frauen in jungen Jahren an Brustkrebs, spielt auch das Thema Kinderwunsch eine Rolle, entweder weil die Frauen zum Zeitpunkt der Diagnose gerade schwanger sind, kürzlich entbunden haben oder weil die Kinderplanung noch nicht abgeschlossen ist. Neben der Angst um das Ungeborene steht dabei auch die entscheidende Frage im Raum, ob mit einer Schwangerschaft die Überlebenschancen der Frauen sinken.

Weitgehend Entwarnung geben nun Onkologen aus Kanada. Javaid Iqbal vom Women´s College Hospital der Universität in Toronto und Kollegen haben in einer retrospektiven bevölkerungsbezogenen Kohortenstudie die Gesamtüberlebensraten schwangerer sowie nichtschwangerer Brustkrebspatientinnen berechnet und keinen Unterschied nachweisen können (JAMA Oncol 2017; 3(5): 659-665). Die Berechnungen beruhen auf Daten des Krebs-, Geburts- und Sterberegisters der kanadischen Provinz Ontario.

Daten von 7553 Frauen

Berücksichtigt haben die Onkologen 7553 Frauen, die zwischen Januar 2003 und Dezember 2014 an Brustkrebs erkrankt sind und zum Zeitpunkt der Diagnose zwischen 20 und 45 Jahre alt waren. Die Probandinnen wurden vier Gruppen zugeteilt: Die erste Gruppe bestand aus nichtschwangeren Frauen (n = 5832), bei denen weder fünf Jahre vor noch fünf Jahre nach der Diagnose eine Schwangerschaft eingetreten war. In die zweite Gruppe kamen Frauen (n = 1108), die fünf bis ein Jahr vor ihrer Brustkrebsdiagnose schwanger gewesen waren. Die dritte Gruppe stellten Frauen mit schwangerschaftsassoziiertem Krebs (n = 501), das heißt die Schwangerschaft war 11 Monate vor bis 21 Monate nach der Diagnose eingetreten. Die vierte Gruppe schließlich bildeten 112 Frauen, die 22 bis 60 Monate nach der Brustkrebsdiagnose schwanger wurden. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 5,2 Jahre (0-11,2 Jahre).

Während der Schwangerschaft diagnostizierte Tumoren waren im Vergleich zu Tumoren der ersten Gruppe häufiger fortgeschritten, also im Stadium II bis IV (77,8 vs. 71,5 Prozent) und nodal positiv (52,1 vs. 47,7 Prozent). Ebenfalls häufiger waren sie ER-negativ (36,5 vs. 23,2 Prozent) und triple-negativ (27,3 vs. 16,8 Prozent).

5-Jahres-Überlebensrate

Fünf Jahre nach der Diagnose lebten noch 82,1 Prozent der Frauen mit einem schwangerschaftsassoziierten Mammakarzinom. Von den nichtschwangeren Patientinnen waren es noch 87,5 Prozent sowie 85,3 Prozent der Frauen, die zwischen fünf und einem Jahr vor der Diagnose schwanger gewesen waren. 96,7 Prozent betrug die 5-Jahres-Überlebensrate bei Frauen aus, die sich erst nach der Diagnose für ein Kind entschieden und mindestens sechs Monate abgewartet hatten.

Das Sterberisiko von Frauen mit einer Schwangerschaft vor der Erkrankung und das von Nichtschwangeren unterschied sich nicht, weder in der multivariaten noch in der altersadjustierten Analyse. Im Vergleich etwas höher, aber statistisch nicht signifikant, fiel es beim schwangerschaftsassoziierten Brustkrebs aus, sowohl bei der altersadjustierten als auch bei der multivariaten Analyse.

Eine Schwangerschaft wirkt sich nicht nachteilig auf die Überlebenschancen von Brustkrebspatientinnen aus, lautet das Resümee der kanadischen Onkologen. Zwar sei das altersadjustierte 5-Jahresüberleben für Frauen mit schwangerschaftsassoziiertem Brustkrebs marginal schlechter ausgefallen als bei nichtschwangeren Patientinnen, doch für die Überlebenswahrscheinlichkeit der Patientinnen sei, so die Autoren, weniger die Schwangerschaft als vielmehr das Alter der Patientin zum Zeitpunkt der Diagnose ausschlaggebend.

"Denn das altersadjustierte Sterberisiko war bei jungen Patientinnen mit schwangerschaftsassoziiertem Brustkrebs besonders hoch." In der Gruppe der unter 30-Jährigen lag es bei 1,93, bei den 30- bis 34-Jährigen bei 1,75. Das änderte sich auch nicht nach Berücksichtigung weiterer relevanter Faktoren. Frauen, die nach der Brustkrebsdiagnose noch ein Kind bekommen möchten, raten die kanadischen Onkologen, mit der Schwangerschaft mindestens sechs Monate zu warten, denn dann war das Sterberisiko am geringsten.

    So hoch ist das Sterberisiko je nach Alter bei Diagnose

  • Bei unter 30-jährigen Frauen mit schwangerschaftsassoziiertem Brustkrebs (Schwangerschaftsbeginn 11 Monate vor bis 21 Monate nach der Diagnose) lag das Sterberisiko bei 1,93.
  • Bei den 30- bis 34-Jährigen lag das Sterberisiko bei 1,75.
  • Das änderte sich auch nicht nach Berücksichtigung weiterer relevanter Faktoren.
[21.09.2017, 10:57:10]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Schwangerschaft und Krebs - zwischen Schönfärberei und "fake news"?
Dazu in der Ärzte Zeitung vor gut 5 Jahren: "Ja zur Schwangerschaft nach Brustkrebs" als Titel.
"Wenn Frauen mit Mammakarzinom schwanger werden, müssen sie deswegen nicht mit einem erhöhten Rezidivrisiko rechnen. Die Datenlage hierzu ist inzwischen gut" von Ingeborg Bördlein.
https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/mamma-karzinom/article/809845/ja-schwangerschaft-nach-brustkrebs.html

"Die Angst, den Fetus mit einer notwendigen Krebsbehandlung, sei es Chemotherapie oder Bestrahlung, zu schädigen, sei nicht berechtigt, sagte Professor Frédéric Amant aus Amsterdam beim europäischen Krebskongress (ECC) 2015 in Wien" berichtete die Ärzte Zeitung. https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/article/895359/krebs-chemo-schwangeren-sofort-starten.html
Dazu kommentierte ich am 30.9.2015:
"...Bei allem Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung von Professor Frédéric Amant und seiner Arbeitsgruppe aus Amsterdam. Aber was er auf dem europäischen Krebskongress (ECC) in Wien vorgetragen und veröffentlicht hat, wurde von den Medien postwendend ebenso gierig-sensationslüstern wie irreführend-falsch aufgenommen und rezipiert:
"Eine neue Studie zeigt, dass die Angst vor einer Schädigung des Fetus durch eine Krebsbehandlung nicht berechtigt ist. Frauen, die während ihrer Schwangerschaft eine Krebsdiagnose erhalten, können ihre Therapie sofort beginnen und brauchen nicht aus Angst vor Folgen für ihr Kind die Schwangerschaft abzubrechen. Das ist das Fazit einer Studie, die der belgische Experte Frederic Amant jetzt beim Europäischen Krebskongress vorgestellt hat", posaunt z. B. am 28.09.2015 | 14:20 | DiePresse.com als Eilmeldung für die in Wien erscheinende "DIE PRESSE" in alle Welt hinaus.
Und verweist auf eine gar nicht zutreffende Veröffentlichung im "New England Journal of Medicine" (NEJM): http://diepresse.com/home/leben/gesundheit/4830991/Krebs-in-der-Schwangerschaft
Von Schwangerschaftsabbruch war aber bei F. Amant et. al überhaupt nicht die Rede. Sondern eher davon, dass seine Studie erhebliche und relevante Erkenntnis- und Interpretationslücken aufweist. Wurden lediglich "Entwicklungsverzögerungen" mit einem Score (Bayley Scales of Infant Development) erfasst? Und auf "Unterschiede in der geistigen Entwicklung der Kinder" gescreent?
Aus der Tatsache, dass bei 47 Dreijährigen dezidiert die Herzfunktion genauer geprüft wurde, wovon 29 intrauterin einer Chemotherapie ausgesetzt waren, schließe ich auf eine viel zu kurze, 3-jährige Nachbeobachtungszeit. Wissenschafts- und erkenntnistheoretisch suspekt sind auch die Studieneinschränkungen: "Nicht beurteilt werden konnten spezifische Risiken einzelner Substanzen oder bestimmter Therapieschemata auf exponierte Kinder. Die Studienteilnehmer sollen bis zu ihrem 18. Lebensjahr weiter beobachtet werden."
Das wäre in der Tat ein wagemutiges Vorpreschen von F. Amant et al.: Bevor langfristige Dauerschäden, Spätkomplikationen wie z. B Sekundär-Leukämien, Tumorinduktionen, Nieren- und Leberschäden zumindest bis zum 18. Lebensjahr bei Kindern von Müttern mit Krebserkrankungen während ihrer Schwangerschaft empirisch detektiert und mit der Vergleichsgruppe abgeglichen werden, sollte man sich mit Schnellschuss-Interpretationen doch eher etwas zurückhalten..."

Auch bei der hier in der ÄZ differenziert referierte Publikation:
"Association of the Timing of Pregnancy With Survival in Women With Breast Cancer" von Javaid Iqbal et al.
http://jamanetwork.com/journals/jamaoncology/article-abstract/2608281
kommen mir erhebliche Zweifel. Wenn "das altersadjustierte Sterberisiko [war] bei jungen Patientinnen mit schwangerschaftsassoziiertem Brustkrebs besonders hoch" war. Und "in der Gruppe der unter 30-Jährigen [lag] es bei 1,93, bei den 30- bis 34-Jährigen bei 1,75" lag, bzw. dies sich auch nicht nach Berücksichtigung weiterer relevanter Faktoren änderte. Frauen, die nach der Brustkrebsdiagnose noch ein Kind bekommen möchten, ist eine allgemeinverbindliche Aussage wie "Erkrankt eine Frau während oder rund um eine Schwangerschaft an Brustkrebs, scheint das ihre Überlebenschancen nicht zu verschlechtern" m. E. unlogisch und eine unzulässige Schlussfolgerung.

Wenn 5-Jahre nach der Brustkrebs-Diagnose 82,1 Prozent der Frauen mit einem schwangerschaftsassoziierten Mammakarzinom überlebten, haben immerhin 17,9 Prozent ihrer Kinder bis zu ihrem 5. Lebensjahr die Mutter verloren. Bei den nichtschwangeren Patientinnen waren es 87,5 Prozent sowie 85,3 Prozent der Frauen, die zwischen fünf und einem Jahr vor der Diagnose schwanger gewesen waren. Auch in der letztgenannten Gruppe haben immerhin 14,7 Prozent der Kinder bis zu ihrem 5. Lebensjahr ihre Mutter verloren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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