Ärzte Zeitung online, 10.03.2018

Allerhand Skurriles

Orthopädie – ein kurioses Feld

Die Geschichte der Orthopädie können Besucher in einem Frankfurter Museum entdecken. Zu sehen: Endoprothesen, Implantate, Instrumente und allerhand Skurriles.

Von Pete Smith

Orthopädie – ein kurioses Feld

Einblicke in die Geschichte der Orthopädie gewähren Beinprothesen und ein dreirädriger Rollstuhl.

© Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim

Die Idee war revolutionär: Wenn es möglich wäre, die Heilgymnastik auf Maschinen zu übertragen, könnte man den Therapeuten entlasten und zugleich die Eigenverantwortung der Patienten stärken. Was der schwedische Arzt und Physiotherapeut Dr. Gustav Wilhelm Zander (1835-1920) hernach austüftelte, war derart bahnbrechend, dass sein Name bald europaweite Bedeutung erfuhr.

Zanders aufwändig konstruierte Apparaturen erlaubten eine gezielte Therapie einzelner Muskelgruppen und Gelenke, tatsächlich sprach man bald nicht mehr von Gymnastik, sondern von der "Zandertherapie" oder schlicht vom "Zandern". Allein in Deutschland gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts knapp 80 Zanderinstitute, die von ihrer Ausstattung her modernen Fitnessstudios in nichts nachstanden.

"Zanders Widerstandsapparate gehören zu den wichtigsten Exponaten unserer Ausstellung", sagt Dr. Markus Engelhardt von der Orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt am Main, in deren Räumen das Deutsche Orthopädiemuseum beheimatet ist.

Zu sehen sind drei Geräte des schwedischen Visionärs: ein Fahrradergometer, ein Rumpfdrehstuhl zur Kräftigung der Arm- und Rückenmuskulatur sowie eine Apparatur mit Expander, die vielseitig einsetzbar war. "Die meisten Ausstellungsstücke stammen aus Schenkungen und Nachlässen", erklärt Engelhardt, "darunter sind viele Originale aus zwei Jahrhunderten."

Historische Endoprothesen

Das Deutsche Orthopädische Geschichts- und Forschungsmuseum

  • Dauerhaft ausgestellt sind etwa 250 Exponate
  • Viele weitere Stücke lagern im Keller und sollen nach den Vorstellungen des Trägervereins sukzessive der Öffentlichkeit präsentiert werden
  • Anschrift und Öffnungszeiten: Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim, Marienburgstraße 2, 60528 Frankfurt am Main, Telefon 069-67050. Die Öffnungszeiten sind montags bis freitags zwischen 10 und 12 Uhr. Führungen außerhalb der Öffnungszeiten sind nach Vereinbarung möglich. Der Eintritt ist kostenlos.

    Weitere Informationen:

    www.orthopaedie-museum.de

Das "Deutsche Orthopädische Geschichts- und Forschungsmuseum", so der offizielle Name der nach einem Jahr Umbau nun wiedereröffneten Sammlung in Frankfurt, ist bundesweit einzigartig. Anhand historischer Exponate zeichnet sie die rasante Entwicklung der Orthopädie seit Anfang des 19. Jahrhunderts nach.

Neben Endoprothesen, Implantaten und Instrumenten sind vor allem technische Hilfsmittel zu sehen, dank derer behinderte Menschen in den vergangenen Jahrhunderten beweglich wurden. In der Museumsbibliothek dokumentieren gut 5700 wissenschaftliche Werke die Orthopädie-Geschichte von ihren Anfängen bis in unsere Gegenwart.

Zentrum der Ausstellung bildet ein Skelett, das nicht von ungefähr an Leonardo da Vincis "Vitruvianischen Menschen" erinnert. Das Skelett weist Spuren aller Krankheiten, Entzündungen, Infektionen, Tumoren, Frakturen, degenerativen Prozesse und erblich bedingten Anomalien auf, von denen Knochen erzählen können: Osteochondrose, Koxarthrose, Osteomyelitis, Spondylitis, Morbus Paget, Plasmozytom, Skoliose, Spondylolyse, Ankylose, Rachitis, Hyperostosis und Osteosarkom.

Überdies erkennt der Betrachter verheilte Brüche an Rippen und Schlüsselbein, tuberkulöse Veränderungen des Handwurzelknochens sowie einen stark deformierten Plattfuß. Das Skelett ist eine paläopathologische Rekonstruktion, zusammengesetzt aus Knochenfundstücken mehrerer Jahrhunderte.

Ursprünge der Orthopädie

Der griechische Wortstamm "ortho" steht für "recht", "richtig" und "aufrecht", die Silbe "päd" für "Kind" oder "erziehen". Damit ist schon viel gesagt über das Fachgebiet, dessen Name von dem Pariser Kinderarzt Nicolas Andry geprägt wurde, der den Orthopäden in seinem 1741 erschienenen Werk "Orthopaedia" mit einem Gärtner verglich, der ein krummes Bäumchen an einen kräftigen Pfahl bindet und dadurch "aufrichtet" oder begradigt.

 Womit er dem homo erectus letztendlich zu dem verhilft, was ihn ausmacht: dem aufrechten Gang. Schließlich lernte der moderne Mensch erst, da er nicht mehr seiner Hände bedurfte, um sich fortzubewegen, die Welt zu "begreifen". Dieser ist bis heute Ausdruck einer stolzen und aufrechten Gesinnung. Der Gebeugte ordnet sich unter, der Bucklige ist des Teufels. Vorurteile wie diese halten sich bis in unsere Tage.

Es ist nicht lange her, da galten Körperbehinderte als "Krüppel". Die abwertende Bezeichnung übernahmen die Diakonie und die Caritas Ende des 19. Jahrhunderts, um in der Bevölkerung Mitleid für die Betroffenen zu wecken und für ihre "Krüppelheime" Spenden zu sammeln.

 Auch darüber erzählt die Ausstellung im Orthopädiemuseum. Zu sehen ist beispielsweise ein Plakat, auf dem der Reichsverbund deutscher Krankenkassen und die Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei ein "Krüppelfürsorgegesetz" fordern, das die von Betriebsunfällen und Berufskrankheiten betroffenen Arbeiter absichert.

Heim für "arme Krüppel"

Das Friedrichsheim in Frankfurt, heute Sitz der Orthopädie, war ursprünglich selbst ein vom "Verein für Krüppelfürsorge" errichtetes Armenheim. Eigentlich hatte es in einer Villengegend in Wiesbaden entstehen sollen, ein Plan, der am Widerstand wohlhabender Bürger scheiterte: "Hier in der Weltstadt wünscht man nicht, das Elend der armen Krüppel zu sehen."

Mit der Industrialisierung nahm die Zahl der Körperbehinderten sprunghaft zu. Vor ihrer größten Herausforderung jedoch standen Chirurgen und Orthopäden

 mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Hunderttausende von Soldaten kehrten verstümmelt heim, etliche Zivilisten mussten aufgrund der im Bombenhagel erlittenen Verletzungen versorgt werden. Aus heutiger Sicht mögen manche der seinerzeit verwendeten Techniken befremdlich anmuten, doch mit Blick auf die damaligen Ressourcen machen sie durchaus Sinn.

Beispielsweise die sogenannte Krukenberg-Plastik, mit der Betroffene aussehen, als hätten sie eine Scherenhand. Bei dem nach dem Chirurgen Hermann Krukenberg (1863-1935) benannten Operationsverfahren wurden Elle und Speiche getrennt und mit Haut überzogen, sodass der Unterarm zu einer Art Zange wurde, die vor allem jenen, die im Krieg beide Hände verloren hatten, als Greifwerkzeug diente.

Ersatz von Hand und Arm

Hand und Arm zu ersetzen, ist weitaus schwieriger als der Ersatz eines Beines. Während letzteres allein der Fortbewegung dient und sein Verlust mittels einer die Last des Körpers tragenden Prothese in der Regel ausgeglichen werden kann, dient uns die Hand wie oben beschrieben zum "Begreifen" unserer Umwelt.

Eisenhände wie die des berühmten Götz von Berlichingen konnten Gegenstände zwar packen und festhalten, aber weder abtasten noch fühlen. Die im Orthopädiemuseum zu sehenden Gebrauchshände (von Krukenberg, Hüfner und Fischer) stammen nicht von ungefähr allesamt aus dem Jahr 1917.

 Mit der "Vaduzer Hand" wurde 1949 erstmals eine elektromotorisch betriebene Prothese patentiert. Ebenfalls ausgestellt ist eine myoelektrische Unterarmprothese, die mittels Muskelaktionsströmen gesteuert wurde.

Der versierte Mediziner bekommt in der auf den ersten Blick recht übersichtlich wirkenden Sammlung viele Originalexemplare zu sehen, die er allenfalls vom Hörensagen kennt. Zum Beispiel ein von Bernhard Heine, dem Pionier der experimentellen Orthopädie, entwickeltes Osteotom, eine Kettensäge zur Öffnung des Rückenmarkkanals. Oder ein von 1950 stammendes Rahmenstützkorsett zur Ruhigstellung bei Spondylitit.

 In einer Vitrine kann man die Entwicklung der Endoprothetik verfolgen, ausgestellt sind etwa eine Hüftkopf-Stiftprothese nach Judet von 1946 und eine Plexiglas-Prothese nach Merl d‘Aubigne. Noch älter ist der Ombrédanne-Apparat zur Äthernarkose, erstmals beschrieben 1909.

Wesentlich jünger, aber seltsam aus der Zeit gefallen, erscheinen die klobigen Schuhe, die man einst Menschen mit Klumpfuß anzupassen pflegte. Fahrbare Exponate sind ein rotes Dreirad, entwickelt für Kinder mit Hüftdysplasie, und ein antiker, dreirädriger Rollstuhl.

Aufklärung als Grundprinzip

Den Menschen aufzurichten und zu mobilisieren war und ist das Kernanliegen der Orthopädie. Die Anfänge dieser Fachrichtung sind eng mit den Prinzipien der Aufklärung verknüpft: Vernunft, Emanzipation sowie dem Verdikt des Gemeinwohls und der allgemeinen Menschenrechte. Mit der Hinwendung zu den Naturwissenschaften hatte der Fatalismus der Gläubigen ausgedient.

Krankheiten waren nicht länger schicksalhaft, sondern heilbar, Fehlbildungen nicht länger gottgewollt, sondern formbar. "Krüppel" gibt es längst nicht mehr, und Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen müssen sich nicht mehr verstecken. Wesentlich dazu beigetragen haben die Pioniere der Orthopädie.

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