Ärzte Zeitung online, 18.01.2019

TSVG

Spahn im Dialog mit den Ärzten

Seit Monaten wird heiß ums Terminservice- und Versorgungsgesetz diskutiert. Am Freitag stellte sich Jens Spahn direkt den Fragen der Ärzteschaft zu TSVG, Sprechstunden und Co. Das Wichtigste der Veranstaltung in 13 Tweets.

Spahn im Dialog mit den Ärzten

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister hat sich heute zusammen mit Vertretern der Ärzteschaft in großer Diskussionsrunde mit dem Thema TSVG und Sprechstundenzeiten auseinandergesetzt. Moderiert wurde die Veranstaltung von Wolfgang van den Bergh, Chefredakteur der "Ärzte Zeitung".

© ajo

BERLIN. Ärztevertreter warnen im Zusammenhang mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) vor allem vor einem Hineinregieren in die Praxisorganisation. Dass es noch Ergänzungen und Modifikationen an dem Gesetzentwurf geben wird, hat Gesundheitsminister Jens Spahn bereits am Mittwochabend beim Neujahrsempfang des Deutschen Hausärzteverbandes in Berlin angekündigt.

Dass noch Diskussionsbedarf besteht, spiegelt sich auch darin wieder, dass die parlamentarischen Beratungen dazu um vier Wochen verlängert werden soll. Es wird dann eine zweite Anhörung geben.

Bei der Erhöhung der wöchentlichen Sprechzeiten zeigt Spahn sich bislang allerdings hart. Doch es gibt noch weitere Knackpunkte, die die Ärzteschaft stören. Heute stellte sich der Minister daher direkt den Fragen und Sorgen der Ärzte. Wir waren live für Sie dabei.

Das Wichtigste aus der Diskussion in 13 Tweets

Steuerungstarif für Patienten?

Auch Medizinstudenten bringen sich in die Diskussion ein

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[18.01.2019, 16:32:09]
Dr. Karlheinz Bayer 
Auf zu neuen Ufern!
Verehrte Frau Höhl,

Sie fordern die Ärzte auf, sich aktiv am Dialog mit Herrn Sopahn zu beteiligen.
Ich stimme Ihnen zu.

Ich schränke die Zustimmung allerdings vorweg ein, weil Jens Spahn seit seinem Amtsantritt den Eindruck erweckt, in erster Linie populistische Feuerwerke zu zünden, oder gar zu zündeln.

In meinen Augen ist es kein Manko, daß er bei der Wahl des CDU- Vorsitzenden auf dem 3. Platz gelandet ist. Ich sehe im Gegenteil, daß Jens Spahn ein quirliger und offensichtlich arbeitsbereiter Minister ist.
Und unabhängig von Jens Spahn, bei welchem Gesundheitsminister haben wir Ärzte uns denn wirklich aufgehoben oder wenigstens verstanden gefühlt?

Jens Spahn soll uns ja nicht gefallen müssen, denn Jens Spahn ist kein Ärzteminister, sondern Gesundheitsminister.

Soviel vorweg.

Ihr Vorschlag des konstruktiven Zusammenarbeitens ist richtig.
Wenn ich es könnte, würde ich die Beteiligten am Gesundheitswesen tatsächlich an einen Tisch bringen. Das sind Patienten, Politiker, Krankenkassen und Ärzte - und bitte genau in dieser Reihenfolge, in umgedrehter Reihenfolge und in welcher Reihenfolge auch immer, denn es handelt sich um Partner.
Wenn das deutsche Gesundheitswesen ein Industrieunternehmen wäre, das aus Aktionären, Herstellern und Kunden bestehen würde, wäre es wirtschaftlich mit Sicherheit längst pleite gegangen, denn es fehlen ihm wichtige Dinge wie ein Aufsichtsrat, Gewerkschaften und Konstrukteure.

Die Terminservicestellendebatte zeigt, wie sehr die Interessen auseinandergehen. Leider liegt der Fokus noch immer auf den "Terminen". Der zweite Teil des Gesetzentwurfs ist jedoch wichtiger: die Versorgung.

Ich denke, Herr Spahn täte gut daran, beides zu trennen. Kein Klempner, kein Lehrer, kein Rechtsanwalt und erst recht kein Politiker würde sich vorschreibenn lassen, daß und wann er offene Dienstzeiten haben solle, nicht einmal ob er 25 oder 75 Stunden pro Woche arbeitet.
Dieser Teil des Gesetzes entspringt dem Anspruchsdenken, man müsse jederzeit nicht nur auf jeden Arzt zugreifen dürfen, sondern auch auf jeden, den man möchte.
Ist das sinnvoll und wirklich nötig?
Tatsächlich richten sich die Arzthelferinnen bei der Terminvergabe nicht nach Herrn Spahn, und werden es, TSVG hin oder her auch nie tun, sondern nach dem Terminkalender, der auf ihrem Tisch liegt.

Mit Versorgung hat das nichts zu tun.
Allerdings, genau an der krankt es.

Zu normalen Sprechszeiten mag es ja geregelt zugehen "nine-to-five works". Das Problem waren aber immer schon die Wochenendzeiten, die Feiertage und die Notfälle. Hier hat sich weder die KV noch die Krankenkasse ehrliche Gedanken gemacht. Die heute bestehende Dienstregelung (namentlich hier in Baden-Württemberg, aber auch andernorts) ist eine Farce.
Natürlich müßte es wieder als natürlicher Teil des Arztberufs angesehen werden, daß damit auch eine Präsenz verbunden ist.
Natürlich ist es falsch, daß mittwochs- und freitagsnachmitags nur noch wohnortferne "Dienste" anzutreffen sind.
Es war aber ebenso falsch, daß Ärztinnen und Ärzte früher unentgeltlich 24 Stunden am Telefon saßen.

Vorschlag eins, der Minister sollte dafür sorgen, daß es wohnortnahe Präsenzangebote zu geben hat, keine "offenen" Sprechstunden, aber eine tatsächliche Erreichbarkeit. Daß dies Geld kostet und daß man diese Bereitschaft gerecht entlohnen muß, ist eigentlich selbstverständlich.

Vorschlag zwei, die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen muß grundlegend renoviert werden. Es kann nicht angehen, daß jeder einen Notarzt anfordern kann und daß die Leitstellen dem auch nachgeben, weil sie sonst in juristische Schwierigkeiten zu kommen drohen.

Leitstellen haben ihren Namen von der Aufgabe zu Leiten.

Katasprophenmedizinisch ist das einer Triage vergleichbar. Allerdings auf einem humanen und einem nichtmilitärischen Weg. Es ist medizinisch sehr wohl verantwortbar, Notärzte nicht auf Wunsch des Menschen am Telefon anzufordern, sondern grundsätzlich nur über einen Hausarzt, oder auch einen Krankenpfleger oder Rettungssanitäter, der zuerst zu rufen ist.
Ausnahmen gibt es natürlich, etwa bei Verkehrsunfällen.
Um diese Meldehierarchie zu gewährleisten, sollte Herr Spahn auch den Mut besitzen, nicht gerechtfertigte Anforderungen dem Besteller in Rechnung zu stellen. Das würde die Versorgung in keiner Weise verschlechtern.

Und es geht um die Versorgung.
Sachgerecht versorgen heißt, Notärzte sollten nicht die Aufgaben von Hausärzten übernehmen müssen, und Klinikärzte sollten nicht die Patienten betreuen müssen, die eigentlich in der Praxis landen sollen.
Fachärzte sollten nicht belagert werden von Patineten, die meinen direkt den Facharzt aufsuchen zu müssen, weil sie die Wartezeit beim Hausarzt nicht mögen.

Sie sehen, es geht nicht ohne einen Runden Tisch und ohne eine Absprache.
Es geht nicht um einen fairen Finanzausgleich zwischen den Sektoren, und es geht besser, wenn sich alle Beteiligten bewußt sind, daß die Ressourcen nicht unerschöpflich sind, daß man aber auch nicht die Rosinen aus dem Kuchen picken darf.

Jetzt sind wir beim Jens Spahn.

Jens Spahn ist quirlig. Er greift an und er meidet es nicht, dabei in Fettöpfchen zu treten. Er vergaloppiert sich und macht Fehler. Deswegen ist er als CDU-Chef(in) ungeeignet, solange der oder die keine Fehler machen darf.

Aber genau das mag die Chance namens Jens Spahn sein. Kein Lobbyist für keine Seite, kein Freund des einen und Feind des anderen. Stattdessen bereit, Wege zu gehen, die andere vor ihm als unbegehbar erklärt haben.

Jens Spahn ist vergleichsweise jung. Er ist so jung wie mein ältester Sohn (ein Jahr älter, um exakt zu sein). Er könnte jetzt damit beginnen, das Gesundheitssystem seiner Generation zu bauen. Und mein Sohn hat bereits eine Tochter, also auch für die übernächste Generation.

Es müßte ein Gesundheitssystem sein, in dem meine Enkeltochter wieder gerne Medizin studieren möchte, und sich auch anfreundet mit den Wochenend- und Nachtdiensten, so wie es meine Generation noch erlebt und praktiziert hat.
Es müßte ein System sein, in dem Krankenhaäser nicht mehr nach DRG-Kriterien arbeiten, sondern nach Patienten- und Wohnortnähe. Und in dem Notärzte nicht Bagatellfahrten unternehmen, nur weil Hausärzte nicht erreichbar, oder Patienten zu bequem sind, Hausärzte aufzusuchen.

Mal ehrlich, von allen Gesundheitsministern, die ich bisher erlebt habe, hätte Jens Spahn auf Platz A1 das Zeug dazu, hier kreativ tätig zu werden wie kein anderer. Deswegen, Frau Höhl, gebe ich Ihnen Recht und schreibe diesen langen Brief.

Ihr
Karlheinz Bayer
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