Ärzte Zeitung online, 06.06.2018

Arndt Striegler bloggt

Brexit treibt Fachkräfte aus dem Land – nun sollen Knackis ran

Die May-Regierung ist mit sich selbst beschäftigt, der Brexit rückt näher. Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels hat der britische Justizminister einen skurrilen Vorschlag lanciert: Häftlinge im Freigang sollen einspringen. Und kaum jemand hält diese Idee für völlig daneben, wundert sich unser Blogger Arndt Striegler.

Von Arndt Striegler

Brexit treibt Fachkräfte aus dem Land – nun sollen Knackis ran

Lebt und arbeitet seit 32 Jahren in London: Arntdt Striegler, Korrespondent für die "Ärzte Zeitung" in London.

© Privat

Falls Sie sich wundern, liebe Leser, warum ich länger nicht zum Thema "Brexit" gebloggt habe: Die Antwort ist simpel – es gab einfach nichts zu bloggen.

Was mich persönlich wundert, denn schließlich plant das Vereinigte Königreich in schlappen zehn Monaten nach mehr als 40 Jahren die EU zu verlassen. Und bislang ist so gut wie nichts geregelt, wie es nach dem EU-Aus der Briten weitergehen soll.

Die Verhandlungen zwischen London und Brüssel dümpeln seit Wochen vor sich hin. Ab und zu meldet sich mal der eine oder andere britische Diplomat öffentlich zu Wort, um darauf hinzuweisen, dass die Zeit bis zum Ausstieg der Briten aus der EU im März 2019 nun langsam knapp werde.

Freigänger stopfen die Lücken

Vielmehr scheint die Regierung von Theresa May weiterhin mehr mit sich selbst und der regierenden konservativen Partei zu verhandeln als mit Brüssel.

Das ist nicht gut, schließlich wird der Brexit für das britische Gesundheitswesen, die Wirtschaft – alle Bereiche des öffentlichen Lebens auf der Insel – einschneidende Veränderungen bedeuten. Aber auch das ist nicht neu.

Neu ist folgende Idee, die derzeit im Londoner Regierungsviertel Whitehall die Runde macht: Weil in vielen Wirtschaftszweigen und auch im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) nach März 2019 das qualifizierte Personal knapp zu werden droht, schlug die Regierung jetzt allen Ernstes folgenden Plan vor: Häftlinge, die für den Tag Ausgang haben und früher mal als "Freigänger" bezeichnet wurden, sollen die tausenden unbesetzten Stellen in Gastronomie, Einzelhandel Baugewerbe und anderen Wirtschaftszweigen füllen, wenn Polen, Bulgaren, Rumänen und andere EU-Bürger das Land verlassen haben.

Kein Witz – der britische Justizminister David Gauke schlug dies kürzlich voller Stolz als seinen "Plan B" vor. Was noch mehr verwundert und erschreckt: Kaum jemand im Königreich scheint daran zu zweifeln, dass eine derartig tollkühne Aktion, qualifizierte Kellner, Fachverkäufer, Maurer und Tischler mit Häftlingen zu ersetzen, wirklich gut ausgeht.

Ich denke mir: Warum nicht auch die Haus- und Fachärzte, Physiotherapeuten, Zahnärzte und das Krankenpflegepersonal, eigentlich alle Angestellten des Gesundheitswesens, mit Freigängern ersetzen? Das wäre billiger und würde zumindest die (wenigen) Zweifler verstummen lassen, die befürchten, der der Brexit, gepaart mit nicht nachvollziehbaren, strikten Einwanderungsregeln, zu einem gefährlichen Mangel an Fachkräften führen wird.

Visum-Kontingente ausgeschöpft

Apropos strikte Einwanderungsregeln. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass zwischen Dezember 2017 und März 2018 insgesamt 6000 so genannte "Level 2"-Visas für qualifizierte Fachkräfte, die nach Großbritannien kommen wollten, von den Behörden abgelehnt wurden.

Meist geschieht dies aus dem Grund, dass die sehr begrenzte Zahl dieser begehrten Visa, die pro Kalendermonat verfügbar sind, bereits ausgeschöpft ist. Und dann ist es egal, ob Unternehmen nach qualifiziertem Personal lechzen.

Es gibt hunderte Beispiele landesweit, wie diese restriktive Einwanderungspolitik der Regierung May schon jetzt, zehn Monate vor dem Brexit, die Wirtschaft und vor allem auch das britische Gesundheitswesen schädigen. Weil landesweit pro Jahr maximal 20.700 Level 2-Visa ausgegeben werden dürfen, konnten Londoner Krankenhäuser in den vergangenen Monaten rund 80 dringend benötigte Fachärzte nicht einstellen.

Gleichzeitig herrschen in den NHS-Kliniken auch jetzt, Monate nach dem alljährlichen Winterchaos, schlimme Zustände mit Notbetten auf den Fluren, stundenlangen Wartezeiten in den Notaufnahmen und völlig überlasteten Ärzten und Krankenpflegepersonal.

Die zwei großen Londoner Krankenhaüser St. Thomas und Guys Hospital (in denen ich selbst Patient bin) durften 17 Fachärzte, die sich aus dem Nicht-EU-Ausland um eine offene Stelle bewarben, nicht rekrutieren, weil es keine Visa gab. Andere Kliniken in der Hauptstadt berichten Änliches.

"Das ist extrem frustrierend und gefährdet eindeutig eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung", berichtete mir ein befreundeter Facharzt, der in einer anderen Londoner Klinik arbeitet.

Ausländerfeindliche Rhetorik

Und wenn man mit britischen Klinikärzten über die Zukunft redet und über jene Zeit nach dem Brexit, dann hört man eigentlich nur Befürchtungen und düstere Prognosen.

Denn schon jetzt verlassen viele Ärzte und anderes qualifiziertes Gesundheitspersonal das Land. Zu unsicher die Zukunft, zu schlecht die Arbeitsbedingungen.

Und darüber hinaus wird die ausländerfeindliche Rhetorik immer fieser. Waren es kurz nach dem Brexit-Votum vor rund zwei Jahren in erster Linie "die Ost-Europäer", die für alle möglichen Missstände im Königreich verantwortlich gemacht wurden, so werden in jüngster Zeit immer öfter auch Deutsche, Franzosen und Belgier von den populären Medien als Sündenböcke dargestellt.

Ich erkenne dieses Land, in dem ich seit mehr als 30 Jahren lebe und arbeite, nicht mehr wieder.

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