Ärzte Zeitung, 24.05.2019

Diabetes-Prävention

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?

Ein Diabetes-Früherkennungsprogramm erweist sich als zielführend. Allerdings ist das Interesse der niedergelassenen Ärzte zum Teil eher moderat, so das Zwischenfazit der Testläufe in Hessen und Schleswig-Holstein.

Von Dirk Schnack

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Ärztlicher Rat zur Lebensstilintervention soll Patienten mit unmittelbarem Diabetes-Risiko auf den rechten Weg bringen.

© Alliance / stock.adobe.com

SCHLESWIG. Mit dem Innovationsfonds-Projekt „Dimini – Diabetes mellitus? Ich nicht!“ sollen Menschen mit einem erhöhten Diabetes-Risiko erkannt und dann in die Lage versetzt werden, die Entstehung von Diabetes ganz zu vermeiden oder zumindest hinauszuzögern.

Das Projekt läuft seit Jahresbeginn 2018 in Schleswig-Holstein und Hessen. Die bislang vorliegenden Daten lassen die Initiatoren auf einen Erfolg hoffen.

Patienteneinschluss weiter möglich

Zwar endet die Einschlussphase der Patienten erst Ende Juni. Schon Mitte Mai zeigten sich aber erfreuliche Teilnahmeraten. In Hessen beteiligten sich bis dato 139, in Schleswig-Holstein 114 Ärzte.

Zusammen wurden in deren Praxen 3277 Patienten dem Findrisk-Test unterzogen, mit dem das individuelle Risiko für die Entstehung von Diabetes ermittelt wird. 1066 (588 aus Hessen, 478 aus Schleswig-Holstein) dieser Patienten wiesen ein so hohes Risiko auf, dass sie in die Dimini-Studie aufgenommen wurden.

Sie bekommen in den Praxen Empfehlungen, wie sie ihren Lebensstil ändern können, um das Diabetesrisiko zu senken. 880 der Teilnehmer haben inzwischen den ersten Kontrolltermin ein halbes Jahr nach Beginn absolviert, 280 auch schon den zweiten nach einem Jahr.

31 Probanden haben die insgesamt 15-monatige Teilnahmezeit mittlerweile ganz abgeschlossen. Für sie hat schon die Auswertungsphase begonnen, die für die spätesten Teilnehmer im vierten Quartal 2020 startet. Ein halbes Jahr später sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden.

Ziel: 5000 Findrisk-Tests

Zum jetzigen Stand ist Mit-Initiator Dr. Carsten Petersen mit dem erreichten Ergebnis zufrieden. Maximal wurde eine Zahl von 5000 Findrisk-Tests angestrebt. Die bislang über 3000 Tests zeigen nach seiner Ansicht, dass das Projekt angenommen wird.

Hinzu kommt: 61 der getesteten Patienten hatten bereits Diabetes, ohne dies zu ahnen. Sie wurden unmittelbar in die Behandlung überwiesen, die Teilnahme am Programm war für sie ausgeschlossen. „Das Programm trägt auch dazu bei, solche Patienten zu erkennen. Auch das ist ein Effekt“, sagte der Diabetologe aus Schleswig.

Diese Beobachtung deckt sich mit seinen Erfahrungen aus dem regionalen Vorläufer-Projekt „Aha! – Ab heute anders!“.

Eine weitere Erkenntnis vor der finalen Auswertung: Es gibt eine Minderheit von Praxen, die solche Projekte massiv unterstützen, die große Masse beteiligt sich dagegen in moderatem Umfang.

Zu den „High Performern“ unter den Praxen zählt Petersen solche, die 80 oder mehr Versicherte einem Findrisk-Test unterzogen haben – dies waren in beiden Bundesländern zusammen bislang 21. 130 Praxen dagegen haben nur bis zu fünf Tests durchgeführt. Rund 100 Praxen liegen zwischen den beiden Extremwerten.

BMI beträgt im Schnitt 32,8

Eine weitere vorläufige Aussage, die getroffen werden kann, betrifft die Durchschnittswerte der Menschen, die ein erhöhtes Diabetesrisiko aufweisen.

Im Schnitt sind sie 54 Jahre alt und 95 Kilo schwer bei einer Körpergröße von 1,70 Meter. Ihr Taillenumfang liegt bei 108 Zentimetern, ihr BMI beträgt 32,8.

„Diese Werte sind keine Überraschung, sondern bestätigen: Abdominal bedingte Adipositas ist ein Risikofaktor für die Entstehung von Diabetes“, sagt Petersen.

In diese vorläufige Auswertung sind rund doppelt so viele Werte von Frauen wie von Männern eingeflossen. Patienten, die vor dem Arztbesuch ihr eigenes Diabetesrisiko schon einmal testen möchten, können dies über die Website des Projektes unter www.dimini.org tun – dort müssen nur zehn Fragen beantwortet werden.

Projektsteckbrief

  • Vorgehen: Beteiligte Ärzte screenen in ihren Praxen Patienten mit Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel oder familiärer Diabetesbelastung mittels Findrisk-Tests und empfehlen bei Bedarf eine Änderung des Lebensstils. Die Intervention enthält eine Zielvereinbarung, regelmäßige ärztliche Beratungen, ein Set von gesundheitsrelevanten Informationen sowie die Aufforderung, ein Ernährungs- und Bewegungstagebuch zu führen. Die Inhalte können Teilnehmer in einer App (Dip-App) abrufen und dokumentieren.
  • Evaluation: In einer randomisierten Vergleichsstudie mit bis zu 5000 Versicherten soll die Wirksamkeit der Lebensstilintervention überprüft werden. Dabei kommen quantitative Erhebungen (medizinische Parameter, Lebensqualität, Bewegung, Ernährung, Zielerreichung) und qualitative Erhebungen zum Tragen. Die Dokumentation der 15-monatigen Begleitung und Beobachtung der Versicherten erfolgt ausschließlich webbasiert auf einer digitalen Plattform der KVSH. Im Erfolgsfall kann das Dimini-Programm in die Regelversorgung übertragen werden – etwa in Kombination mit einer Gesundheitsuntersuchung.
  • Partner: Konsortialführer ist die KV Schleswig-Holstein, mit an Bord sind: KV Hessen, AOK NordWest, Barmer, DAK, TK (jeweils mit ihren Regionalverwaltungen SH), AOK Hessen, docevent, Privates Institut für angewandte Versorgungsforschung, Deutsche Diabetes Gesellschaft, Deutsche Diabetes Stiftung, Bundesagentur für Arbeit sowie MSD. (maw)
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