Ärzte Zeitung online, 19.09.2017
 

Digitalisierung

Die meisten Patienten würden Gesundheitsdaten mit Ärzten teilen

Fast jedem Bundesbürger ist auch im digitalen Zeitalter die persönliche Beratung durch den Arzt wichtig. Aber: Über drei Viertel sehen es als Vorteil, wenn Ärzte auf ihre Gesundheitsdaten direkt zugreifen könnten, so eine Umfrage.

Von Ilse Schlingensiepen

Die Mehrheit der Patienten würde Gesundheitsdaten mit Ärzten teilen

Vitaldaten digital zum Arzt? Die meisten Bundesbürger hätten damit kein Problem.

© Monkey Business / Fotolia

KÖLN. Die meisten Deutschen stehen der Digitalisierung im Gesundheitswesen positiv gegenüber. Nach einer aktuellen Untersuchung glauben nur 15 Prozent, dass die Nachteile der Digitalisierung überwiegen, 41 Prozent sehen dagegen mehr Vor- als Nachteile.

Laut der Studie "Zukunft der Gesundheitsversorgung" der pronovaBKK bewerten Männer die Digitalisierung positiver. In die bevölkerungsrepräsentative Untersuchung waren 1000 Deutsche ab 18 Jahren einbezogen. Sie zeigt, dass die Digitalisierung bei Privatversicherten besser abschneidet als bei als gesetzlich Versicherten.

Die meiste Zustimmung erhielt mit 77 Prozent die Aussage, dass es ein Vorteil ist, wenn die Daten über Diagnosen, Medikamente, Behandlungen, Allergien oder ähnliches zentral gespeichert sind und Haus- und Fachärzte sich jederzeit einen umfassenden Überblick über den Gesundheitszustand eines Patienten verschaffen können. Nur 23 Prozent sind da skeptisch.

Ländlicher Raum könnte profitieren

70 Prozent gehen davon aus, dass digitale Angebote gerade im ländlichen Raum als Ergänzung zur Gesundheitsversorgung vor Ort die Versorgung verbessern. Allerdings befürchten gleichzeitig 62 Prozent durch immer mehr digitale Angebote eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung vor Ort.

62% der Bundesbürger befürchten durch immer mehr digitale Angebote eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung vor Ort. Dennoch ist die Mehrheit der Digitalisierung im Gesundheitswesen gegenüber eher positiv gestimmt. So das Ergebnis einer repräsentativen Befragung unter 1000 Bundesbürgern ab 18 Jahren.

Nach der Umfrage würden es 56 Prozent begrüßen, wenn Ärzte auch Behandlungen per Video- oder Onlinekonferenz sowie per Telefon durchführen dürfen, wenn eine körperliche Untersuchung nicht zwingend notwendig ist.

Bei der Einhaltung von Datenschutzvorschriften hält die Bevölkerung Ärzte für besonders vertrauenswürdig. 79 Prozent haben sehr großes oder eher großes Vertrauen in Ärzte, bei Apotheken sind es 78 Prozent und bei Krankenhäusern 65 Prozent. 67 Prozent trauen dem Datenschutz bei den gesetzlichen Kassen, bei der PKV sind es 51 Prozent.

An den ausreichenden Datenschutz bei Facebook glauben nur 12 Prozent, bei Anbietern von Fitness-Apps und Wearables sind es 20 Prozent.

98 Prozent der Befragten ist die persönliche Beratung durch Fachärzte sehr oder eher wichtig, bei den Hausärzten sind es 97 Prozent. 77 Prozent halten die Vor-Ort-Beratung durch Krankenkassen für wichtig. Wenn es um die Aufgaben der Kassen geht, spielt die Beratung für die meisten eine eher untergeordnete Rolle.

Hier dominieren klar die Abrechnung und Bezahlung von Leistungen (72 Prozent) und die Bewilligung oder Ablehnung von Leistungen (67 Prozent). Als Lotsen für ihre Versicherten im Gesundheitswesen sehen nur 11 Prozent die Kassen.

Die Umfrage-Teilnehmer wurden auch gefragt, welche Vorteile sie darin sähen, wenn die Kassen anonymisierte Daten über die Behandlungen ihrer Versicherten und Infos über Leistungserbringer auswerten und nutzen dürften. 44 Prozent erwarten, dass das Gesundheitswesen dadurch effizienter würde. Nur 22 Prozent sähen keine Vorteile in der Datenfreigabe.

Kassenberater stößt auf geteiltes Echo

Wenn Kassen die ihnen verfügbaren Daten nutzen dürften, würden sich 45 Prozent der Befragten am ehesten über Leistungen beraten lassen, 44 Prozent über Behandlungsmethoden. Lediglich 12 Prozent würden sich von einer Kasse überhaupt nicht beraten lassen.

36 Prozent gaben an, dass sie ein solches Angebot annehmen würden, aber nicht möchten, dass die Initiative von der Kasse ausgeht. 33 Prozent würden es begrüßen, wenn die Kasse von sich aus auf die Versicherten zukommt und ihnen Empfehlungen zur Gesundheitsversorgung gibt.

Lutz Kaiser, Vorstand der pronovaBKK, sieht in der Umfrage ein klares Statement der Versicherten zur Datenfreigabe für die Kassen. "Sie wünschen sich eine aktivere Rolle der Krankenkassen im Gesundheitssystem, insbesondere durch persönliche Beratung", sagt er. "Es liegt in der Hand des Gesetzgebers, dafür die nötigen Voraussetzungen zu schaffen."

[19.09.2017, 12:22:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Das kommt dabei heraus...
wenn die ebenso nichts-ahnenden Vorstände wie die Sozialversicherungs-Fachangestellte der "pronovaBKK" eine Studie: "Zukunft der Gesundheitsversorgung" in Auftrag geben. In dieser angeblich bevölkerungsrepräsentativen Untersuchung wurden 1000 Deutsche ab 18 Jahren zur "Digitalisierung im Gesundheitswesen" befragt.

1. Bedeutet diese Studie die Zweckentfremdung von GKV-Versicherungsbeiträgen, weil u.a. GKV-Krankenversicherungs-Kompetenzen überschritten und auch Privatversicherte der PKV befragt wurden.

2. Bereits die Suggestivfrage, ob es von Vorteil sei, Daten über Diagnosen, Medikamente, Behandlungen, Allergien oder ähnliches "zentral" zu speichern, damit Haus- und Fachärzte sich jederzeit einen umfassenden Überblick über den Gesundheitszustand (?) eines Patienten verschaffen können, offenbart Medizinbildungs-, Krankenversorgungs- und Kassenkompetenz-Ferne.

3. Wie bei meinen niedergelassenen Vertragsarzt-Kolleginnen und -Kollegen auch, sind von jedem meiner Patientinnen und Patienten sämtliche Krankheits- und Gesundheitsdaten, Fotos von relevanten Befunden, Klinik-, Ambulanz-, Fach- und Spezialarzt-Befunde in einer elektronischen Karteikarte und einer Handakte vereint bzw. selbstverständlich dezentral und nur für jeden einzeln betroffenen Patienten zugänglich akkumuliert.

4. Eine zentrale Patientendaten-Speicherung widerspricht Recht und Gesetz: Der Bundesgerichtshof hat dazu wegweisend das Prinzip der "Informationellen Selbstbestimmung" formuliert.

5. Zusätzlich gilt §203 StGB "(1) Wer unbefugt ein fremdes Geheimnis, namentlich ein zum persönlichen Lebensbereich gehörendes Geheimnis oder ein Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis, offenbart, das ihm als 1. Arzt, Zahnarzt, Tierarzt, Apotheker oder Angehörigen eines anderen Heilberufs, der für die Berufsausübung oder die Führung der Berufsbezeichnung eine staatlich geregelte Ausbildung erfordert, 2. Berufspsychologen mit staatlich anerkannter wissenschaftlicher Abschlußprüfung,... 6. Angehörigen eines Unternehmens der privaten Kranken-, Unfall- oder Lebensversicherung oder einer privatärztlichen, steuerberaterlichen oder anwaltlichen Verrechnungsstelle anvertraut worden oder sonst bekanntgeworden ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft"...

6. Dass in einer Laien-Umfrage 56% potenziell Kranke begrüßen, "wenn Ärzte auch Behandlungen per Video- oder Onlinekonferenz sowie per Telefon durchführen dürfen, wenn eine körperliche Untersuchung nicht zwingend notwendig ist", dann müsste wenigstens ausgeführt werden, um welche konkreten Krankheiten/Behandlungen es sich handeln sollte? Ernstere Krankheitsprobleme können wohl definitiv nicht darunter sein!

7. Fragen ausgerechnet nach Datenschutz bei Facebook & Co., bei Fitness-Apps und Wearables stellen zu wollen, sind eher eine "contradictio in adjecto" bzw. reine Realsatire.

8. "Als Lotsen für ihre Versicherten im Gesundheitswesen sehen nur 11 Prozent die Kassen" ist eigentlich eine klare "Rote Karte" für die Krankenversicherungen. Deren Kernkompetenz ist die Ökonomie, das Versicherungswesen, Verwaltung und Bürokratie(-Begrenzung), aber keineswegs Nosologie, Propädeutik, Anamnese, Untersuchung, Beratung, Differenzialdiagnostik, Therapie und Palliation von Krankheitsgeschehen bei unseren Patientinnen und Patienten!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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