Ärzte Zeitung, 17.04.2013
 

Nutzlos!

Kassen watschen weitere IGeL ab

Der Medizinische Dienst des GKV-Spitzenverbandes hat sechs weitere IGeL-Angebote unter die Lupe genommen: Wie erwartet, fällt der Zuspruch verhalten aus.

Von Thomas Meißner

Kassen watschen weitere IGeL ab

IGeL bleiben für Ärzte eine stachelige Angelegenheit. Wer hinter ihrem Nutzen steht, kann weiterhin guten Gewissens Geld damit verdienen.

© April cat/fotolia.com

NEU-ISENBURG. Vor gut einem Jahr ist die Bewertungsplattform IGeL-Monitor (www.igel-monitor.de) des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) gestartet.

Zu den bisher 24 aus Kassensicht bewerteten Selbstzahlerangeboten sind binnen Jahresfrist sechs hinzugekommen.

Ärzte sollte auch eine negative Bewertung einer IGeL nicht davon abhalten, sie aktiv Patienten anzubieten, wenn sie selbst vom Nutzen der Leistung überzeugt sind. Die Bewertungen im Einzelnen:

Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung: "Unklar" (Kosten: 35 bis 75 Euro)

Die Brustsonografie wird ergänzend zur Mammografie oder Palpation der Brust angewendet, wenn bei Verdacht auf einen Tumor kein sicherer Befund vorliegt. Darauf bezieht sich die Bewertung des IGeL-Monitors nicht.

Bewertet wird lediglich die Brustsonografie als eigenständige Früherkennungsuntersuchung - ohne Berücksichtigung der Brustgewebedichte - sowie auf Frauen, die sie zusätzlich zum üblichen Screening nutzen wollen oder außerhalb der Altersspanne für das Mammografie-Screening liegen.

Demnach ist der Wert der Brustsonografie zur Krebsfrüherkennung unklar. Denn einerseits gebe es keine Hinweise darauf, ob dies Todesfälle verhindere.

Andererseits könnten bei dichtem Brustgewebe mit modernen Sonografie-Geräten tatsächlich zusätzliche Krebsherde gefunden werden. Dies erhöhe allerdings auch die Gefahr für Fehlalarme und unnötige Behandlungen.

M2-PK Stuhltest zur Darmkrebsfrüherkennung. "Unklar" (Kosten: 30 bis 40 Euro)

Darmkrebs, im Frühstadium entdeckt, ist meist heilbar. Mit Tests auf Blut im Stuhl und der Koloskopie werden jedoch nicht ausreichend Darmkrebspatienten im Frühstadium erfasst.

Mit dem M2-PK Stuhltest wird die Konzentration des Enzyms Pyruvatkinase im Stuhl gemessen, das unter anderem von Krebszellen vermehrt gebildet wird. Erhöhte Werte würden auf Darmkrebs oder auf Krebsvorstufen hindeuten.

Der Wert des Tests ist nach Auffassung des MDS unklar, weil es keine Studien gebe, in denen eine reduzierte Zahl von Darmkrebs-Toten ermittelt worden sei. Die Testgüte sei unzureichend belegt.

Insgesamt gebe es weder Hinweise auf einen Nutzen noch auf einen Schaden im Vergleich zum üblichen Test auf okkultes Blut im Stuhl. Studien, die als Belege ins Feld geführt werden, hielten einer kritischen Analyse nicht Stand.

Professionelle Zahnreinigung: "Unklar" (Kosten: 30 bis 120 Euro)

Bis zu vier Mal pro Jahr, empfehlen Zahnärzte, sollte eine professionelle Zahnreinigung (PZR) vorgenommen werden, um Karies und Parodontitis vorzubeugen. Die jährliche Entfernung von Zahnstein sehen viele Zahnärzte als unzureichend an. Die PZR mit Politur und Fluoridierung gehört daher zu den am häufigsten genutzten IGeL.

Die MDS-Gutachter verweisen darauf, dass keine Leitlinie diese Maßnahme empfehle und es keine Beweise dafür gebe, dass die Zähne vergleichsweise länger erhalten blieben oder ein anderer zusätzlicher Nutzen vorhanden sei.

Zwei von drei ausgewerteten Studien wiesen gravierende methodische Mängel auf, die übrig gebliebene Studie ergab, dass bereits die jährliche Anleitung zur richtigen Zahnpflege ohne professionelle Zahnreinigung zu weniger Zahnfleischentzündungen führt. Fazit: Der Nutzen ist unklar.

Hyperbare Sauerstofftherapie bei Hörsturz: "tendenziell negativ" (Kosten: 200 bis 250 Euro pro Sitzung)

Die Ursachen des Hörsturzes sind nach wie vor unbekannt. Dementsprechend basieren Therapieversuche auf mehr oder weniger gut begründeten Vermutungen über das pathophysiologische Geschehen.

Das Einatmen reinen Sauerstoffs unter hohem Druck erfolgt unter der Vorstellung eines lokalen Sauerstoffmangels im Innenohr oder der Ansicht, dass eine höhere Dosis Sauerstoff, als in der Luft vorhanden, günstig sei.

Der MDS bemängelt die Qualität der ausgewerteten neun Studien. Anzeichen für einen Nutzen fand er nicht. Hingegen gab es Hinweise auf geringe Schäden, etwa wegen der Strahlenbelastung bei der zuvor erforderlichen Röntgenaufnahme der Lunge, wegen einzelner Berichte über Trommelfellschäden, vorübergehender Verschlechterung der Sehschärfe und Klaustrophobie. Angesichts der Gesamtkosten von über 2000 Euro erscheint das als eher ungünstige Nutzen-Schaden-Relation.

Laser-Behandlung von Krampfadern: "tendenziell positiv" (Kosten: 1000 bis 2000 Euro)

Das zu Verödung von Varizen verwendete Laserlicht sorgt für Hitze, sodass die entsprechende Vene von innen verkocht und damit verschlossen wird. Als Standardtherapie gilt die Op. Deshalb muss sich die Lasertherapie an deren Ergebnissen messen lassen.

Nach Ansicht des MDS sprechen die Studienergebnisse dafür, dass sich mit der Op und mit Laserlicht Krampfadern gleich gründlich und gleich dauerhaft beseitigen lassen.

Leichte Vorteile habe die Lasertherapie in puncto Nebenwirkungen: Blutungen und Schwellungen sind seltener, der Schmerzmittelverbrauch geringer. Andererseits könne das Laserlicht zu Hautverbrennungen und Verhärtungen führen.

Insgesamt gebe es zwar keine Belege, aber immerhin Hinweise darauf, dass die Lasertherapie weniger Schäden verursache als die Op.

Hochtontherapie: "unklar" (Kosten: 10 bis 22 Euro/Sitzung)

Bei der Hochtontherapie werden Patienten mit Arthrose, Tennisarm, offenen Wunden, Erschöpfung, Kopfschmerzen, diabetischer Polyneuropathie und anderen Leiden mit hochfrequenten elektrischen Impulsen behandelt.

Diese werden über Elektroden appliziert. Die vermuteten Wirkmechanismen beschreibt der MDS als "spekulativ".

Zum Nutzen heißt es: "Von all den behaupteten Einsatzgebieten sind lediglich die Durchblutungsstörung (periphere arterielle Verschlusskrankheit) sowie die diabetische Polyneuropathie in wissenschaftlichen Studien, die formale Minimalstandards einhalten, untersucht."

Diese Untersuchungen hätten den Charakter von Pilotstudien, belastbare Aussagen ließen sich nicht ableiten. Daher sehen die Gutachter noch nicht einmal Hinweise auf einen Nutzen. Schadwirkungen seien allerdings ebenfalls keine zu erwarten.

[20.04.2013, 21:43:38]
Dr. Christian Heiden 
Nicht nur „nutzlos“, sondern auch höchst angreifbar ...
... ist die Bewertung der HBO bei Hörsturz durch den IGeL-Monitor (die übrigens schon 2012 stattfand). Denn was der IGeL-Monitor verschweigt: Hörsturz-Patienten, die gesetzlich versichert sind, müssen „igeln“. Für die Indikation Hörsturz offenbart sich damit ein besonders krasser Fall der offiziell negierten Zweiklassenmedizin im deutschen Gesundheitssystem. Hier wird bei einer leitliniengerecht diagnostizierten Krankheit seitens der gesetzlichen Krankenkassen keine Behandlung finanziert. Privat oder über die Beihilfe versicherte Menschen bekommen bei einem Hörsturz hingegen die Kosten für verschiedene Therapiemöglichkeiten, deren rascher Einsatz für die erfolgreiche Behandlung bei Hörsturz wichtig ist, erstattet. Außerdem trifft die Feststellung des IGeL-Monitors, dass es keine Leitlinie für Hörsturzbehandlung mit HBO-Einschluss gäbe, nicht zu. Vergleicht man die wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise der diversen Behandlungsoptionen, so steht die HBO weitaus am besten da. Die HBO reichert den Sauerstoffgehalt im Innenohr messbar an. Es ist durch Messungen nachgewiesen, dass alle Erkrankungsursachen im Innenohr letztlich hier zu einem Sauerstoffmangel führen. Aus Kostengründen empfehlen die medizinischen Fachgesellschaften für Hyperbarmedizin den Einsatz der HBO übrigens adjuvant - nach erfolgloser Vorbehandlung. Zum angeblich hohen Nebenwirkungspotential der HBO : Schon 2001 stellte die kanadische AETMIS fest, dass kein Beleg für besondere Schädlichkeiten gefunden wurde. Die ausführliche Stellungnahme des Verbands Deutscher Druckkammerzentren e.V. (VDD) zu IGeL-Leistungen für Hörsturzbehandlung ist auf www.vdd-hbo.de zu lesen. zum Beitrag »
[17.04.2013, 22:22:25]
Dr. Bernhard reiß 
Da urteilen ja gerade die Richtigen
Die Krankenkassen machen sich darum Sorgen, ob "ihren" Patienten das Geld aus der Tasche gezogen wird. Dabei machen sie bei der Geldvernichtung locker den ersten Platz. Das wurde ihnen vom Bundesrechnunghof höchst offiziell bestätigt. Der Unterschied: einen IGel kann man annehmen oder nicht, die Krankenkasse höchstens wechseln. Aber das ist dann nur der nächste Verein, der das Geld "seiner" Versicherten alles andere als umsichtig ausgibt. zum Beitrag »
[17.04.2013, 11:28:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Dontologische und Senologische Ontologie?
Zum Verdikt des MDK des GKV-Spitzenverbandes Bund (SpiBu) der Krankenkassen bezüglich der "professionellen Zahnreinigung" als "unklar" kann ich mich als in Zahnfragen hausärztlicher Laie nicht äußern. Meine dontologische und ontologisch-philosophische Allgemeinbildung lässt mich allerdings fragen, wie etwas professionell rein und sauber sein kann und zugleich "unklar" bleiben soll? Dann wäre doch auch die laienhaft-unprofessionelle Anwendung einer einfachen/elektrischen Zahnbürste "unklar" oder gar obsolet?

Wie allerdings der IGeL-Monitor im Detail seine Bewertung "Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung: Unklar" begründet, ist schwarze Gesundheits-Pädagogik pur und senologisches Mittelalter:

"Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung - IGeL-Info kompakt.
Wir bewerten die IGeL Ultraschall der Brust zur Krebsfrüherkennung für Frauen mit unbekannter Brustdichte als 'unklar'. Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen mit 17.000 Todesfällen jährlich. Die von den gesetzlichen Krankenkassen angebotenen Früherkennungsmaßnahmen Abtasten und Mammographie können nur einen Teil der Frauen vor dem Tod durch Brustkrebs bewahren, selbst wenn alle Frauen die Angebote regelmäßig wahrnehmen würden. Deshalb werden von Frauenärzten weitere Maßnahmen als IGeL zur Früherkennung angeboten, wie etwa der Ultraschall der Brust. Er kostet in der Regel zwischen 35 und 75 Euro. Diese IGeL-Bewertung gilt nicht für Frauen, deren besonders hohe Brustdichte eine Früherkennungs-Mammographie erschwert. Wir konnten keine Studien finden, die untersucht haben, ob Ultraschall der Brust Frauen vor dem Tod durch Brustkrebs bewahren kann. Studien an Frauen mit dichter Brust zeigen jedoch, dass zusätzlicher Ultraschall in Einzelfällen Brustkrebs findet, den Mammographie und Tastuntersuchung übersehen haben Aus diesen Studien ziehen wir Schlüsse auch für Frauen ohne bekannte Brustdichte und zwar für folgende Szenarien: für Frauen vor oder nach dem Alter, in dem ihnen die Mammographie als Kassenleistung angeboten wird (im Alter von 50 bis 69 Jahren) sowie für Frauen in dieser Altersspanne, die ihre Brust mit Ultraschall zusätzlich zwischen zwei Mammographieterminen untersuchen lassen. Außerdem gehen wir davon aus, dass moderne Ultraschallgeräte kleinere Knoten finden können, als das Abtasten. Insgesamt sehen wir daher schwache Hinweise auf einen geringen Nutzen. Ultraschall an sich ist unschädlich. Aber die Studien lassen den Schluss zu, dass zusätzlich erkannte Knoten auch zu unnötigen weiteren Untersuchungen führen und schlimmstenfalls auch Tumore aufspüren können, die etwa wegen ihres langsamen Wachstums nicht entdeckt und behandelt hätten werden müssen. Wir sehen daher auch Hinweise auf geringe Schäden." (Quelle: IGeL-Monitor, einschließlich "Steckbriefe" für die einzelnen Arztgruppen)

Grundtenor des IGeL-Monitors ist, Angst, Schrecken, Panik und Erschütterung bei den Rat und Hilfe suchenden Frauen zu verbreiten. Gleich zu Anfang wird mit 17.000 Brustkrebs-Toten jährlich gedroht. Selbst der relative Schutz vor frühem Tod durch effektivere Früherkennung und adäquate Therapie wird verneint. Dann das übliche Larifari, "gilt nicht für Frauen (mit) besonders hohe(r) Brustdichte", aber zugleich angeblich generell negative Studienlage für die Sonografie bei harten Endpunkten.
Mit wirren Sätzen versucht dann der IGeL-Monitor, sich aus der GKV- Verantwortung zur regulären Kostenübernahme und Kassen-Leistungspflicht bei Intervall-Sonografie und besonders hoher Brustdrüsen-Dichte herauszuwinden. Dann wiederum die typische Angstmache: Überdiagnose, Übertherapie, Fehlbehandlung. Und die Ammen-Mär vom kleinen, harmlosen, langsam wachsenden Brustkrebsknoten, der nur deshalb todbringend entartete, weil böse Ärztinnen und Ärzte "L u f t" an ihn herankommen ließen.
Vgl.
http://www.springermedizin.de/igel-monitor-offener-brief-an-baek-und-kbv/4212314.html
und
http://www.springermedizin.de/mamma-sonografie-igel-monitor-und-das-mittelalter/4326298.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gegen Husten taugen Medikamente wenig

Abwarten und Tee trinken, mehr wollen US-Experten gegen erkältungsbedingten Husten nicht empfehlen. Allenfalls etwas Honig bei Kindern halten sie noch für geeignet. mehr »

Erst krebskrank, dann Hypertoniker

Überlebende von Krebserkrankungen in der Kindheit tragen ein erhöhtes Hypertonierisiko: Im Alter von 50 Jahren sind 70 Prozent betroffen. mehr »

Macht das Stadtleben krank?

Stadtluft kann Schizophrenie begünstigen, glauben Wissenschaftler. Ein Chefarzt der Charité fordert deshalb eine Public-Mental-Health-Strategie für urbane Räume. mehr »