Ärzte Zeitung, 18.11.2011

Patienten fordern Gespräche auf Augenhöhe

Viele Ärzte unterschätzen die Bedeutung des ArztPatienten-Gesprächs. Sie nehmen sich oft zu wenig Zeit oder hören nicht richtig zu. Vor allem Diabetes-Patienten fordern mehr Einfühlungsvermögen, ergab eine Diskussion in Dresden.

Von Thomas Trappe

Patienten fordern Gespräche auf Augenhöhe

Ein gut geführtes Arzt-Patienten-Gespräch kann einen wichtigen Beitrag zum Genesungsprozess leisten.

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DRESDEN. Die größten Defizite bei Ärzten gibt es bei der Kommunikation mit den Patienten.

Zu diesem Schluss kamen Ärzte- und Patientenvertreter bei der jüngst von der Sächsischen Landesärztekammer veranstalteten Podiums- und Lehrveranstaltung "Das Risiko der Kommunikation", bei der es unter anderem um die Frage ging, welchen Beitrag ein Arzt-Patienten-Gespräch zum Genesungsprozess leistet.

Einen großen, darin waren sich alle Diskutanten einig. Einigkeit herrschte aber auch darüber, dass eine schlechte Kommunikation das Gegenteil bewirken kann.

Dr. Maria Eberlein-Gonska, Leiterin des Zentralbereichs Qualitäts- und Medizinisches Risikomanagement am Dresdner Uniklinikum, verwies auf Zahlen der Landesärztekammer.

Haftpflichtstreitigkeiten: Die Zahl steigt

So seien bei der Gutachterstelle für Arzthaftungsfragen der Kammer in den vergangenen Jahren immer mehr Anträge zur außergerichtlichen Beilegung von Haftpflichtstreitigkeiten zwischen Ärzten und Patienten eingereicht worden - und die Zahl steige weiter.

Diese Entwicklung zeige, dass die "Patienten heute aufgeklärter sind, mehr Erwartungen an den Arzt haben als früher". Vor allem erwarten sie Transparenz und eine Kommunikation auf Augenhöhe.

Zunehmende Leistungsverdichtung erschwert offenbar Patientengespräche

Dem stehe eine dem Patientenwunsch entgegenwirkender Trend im Arztberuf entgegen, so Eberlein-Gonska. Die "zunehmende Leistungsverdichtung" lasse es dem Arzt immer schwerer erscheinen, ausführliche und professionelle Patientengespräche zu führen.

"Das darf aber nicht sein. Wenn die Zeit nicht da ist, muss man eben die Prioritäten ändern und das Gespräch steht da ganz oben." Viele Ärzte lehnten das auch mit der Begründung ab, die Kommunikation werde schließlich nicht vergütet.

In der Medizinerausbildung spiele der Austausch mit dem Patienten kaum, und wenn doch, meist eine viel zu geringe Rolle, beklagte Eberlein-Gonska.

Zuwendung, Begleitung und Führung in Fragen eines gesunden Lebensstiles

"Ärzte werden an der Universität vor allem auf das rein Technische und naturwissenschaftlich Begründbare ihres Fachs getrimmt", sagte sie. Auch wenn es erste Ansätze gebe, bestehe hier noch großer Handlungsbedarf.

"Vom Arzt erwartet der Patient heute nicht nur den raschen und oft lebensrettenden Eingriff in einer akuten Notlage, sondern auch das Eingehen auf die persönlichen wie sozialen Krisenfelder." Das umfasse auch "eine Zuwendung, Begleitung und Führung in Fragen eines gesunden Lebensstiles".

Der Patientenvertreter in der Runde Dr. Rainer König vom Sächsischen Diabetikerbund konnte die Eindrücke Eberlein-Gonskas bestätigen. Viele seiner Diabetes-Patienten hätten ihm genau diese Probleme geschildert.

Arzt sollte aktive Rolle bei Kommunikation einnehmen

Vor allem bei dieser Patientengruppe zeigten manche Ärzte eine geradezu fatale Kommunikationsstrategie, da sie ihr Urteil, der Gegenüber trage selbst Schuld an seiner Erkrankung, kaum versuchten zu verbergen.

Laut König gelte es für alle Ärzte, in Patientengesprächen ein Dilemma zu lösen. Zwar gebe es keine Gleichberechtigung in der Kommunikation, da der Arzt eine aktive Rolle einnehmen müsse. "Aber er muss trotzdem das Gefühl eben dieser Gleichberechtigung vermitteln."

Das schließe aus, dass "man nebenbei andere Tätigkeiten verrichtet, auf den Computer schaut oder in den Karteikarten kramt". Auch sollte man den Patienten nicht unterbrechen, wenn er seine Beschwerden schildert. König lobte, dass bei der Kammerveranstaltung auch Studenten aus Leipzig teilnahmen und aktiv mitdiskutierten.

Er habe den Eindruck, dass das Thema mehr Bedeutung in der Ausbildung bekomme. Ebenso wie Maria Eberlein-Gonska hält er das allerdings für ausbaufähig

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