Ärzte Zeitung, 10.11.2016
 

Marktanalyse

Gibt's Gesundheits-Apps bald vom Arzt?

Gesundheits-Apps sind im Aufwind. Die Anbieter setzen neben App-Stores aber auch auf Versicherer und Ärzte, um ihre Produkte in den Markt zu bringen, so eine Branchenanalyse.

Von Matthias Wallenfels

Gibt's die Gesundheits-App bald in der Praxis?

Derzeit seien in den großen App-Stores rund 259.000 Gesundheits-Apps abrufbar.

©Prykhodov / Getty Images / iStock

BERLIN. Wird es weltweit bald Standard sein, dass Krankenversicherungen ihren Kunden vergünstigte Tarife einräumen, wenn diese bereit sind, via mobiler App-Anwendungen ihre Gesundheitsdaten preiszugeben? Zumindest die Anbieter mobiler Gesundheitsanwendungen (mHealth) sind rund um den Globus von diesem Szenario überzeugt.

Wie aus der jetzt veröffentlichten Marktanalyse "mHealth App Developer Economics 2016 - The current status and trends of the mHealth app market" des Berliner Marktforschungsinstituts Research2Guidance (R2G) hervorgeht, gehen 85 Prozent der mHealth-Anbieter davon aus, dass dieser Daten-Prämien-Deal bei Kunden Gefallen finden wird.

Beteiligt haben sich laut R2G für die Marktanalyse mehr als 2600 Unternehmen, die zusammen rund 7900 Gesundheits-Apps auf den Markt gebracht haben.

Derzeit seien in den großen App-Stores rund 259.000 Gesundheits-Apps abrufbar – rund 100 000 mehr als vor zwei Jahren. Im selben Zeitraum seien 13.000 zusätzliche Anbieter von Gesundheits-Apps auf den Markt gekommen, damit seien es derzeit rund 58.000. Insgesamt werde erwartet, dass bis Ende dieses Jahres weltweit 3,2 Milliarden mHealth-Apps heruntergeladen werden – eine Steigerung gegenüber Vorjahr um sieben Prozent.

Schwindender Altruismus

Aus Sicht der Marktforscher deutet die Tatsache, dass der "Garagentyp" der Neuanbieter mit ein bis zwei Gründern binnen Jahresfrist von acht auf 13 Prozent gestiegen ist, darauf hin, dass viele Start-ups noch immer altruistische Gründe mit ihren mHealth-Anwendungen verfolgten. Wie die Befragung ergab, wird aber mehrheitlich der wirtschaftliche Aspekt als Motivation für das mHealth-Engagement angeführt.

Die Lizenz zum Gelddrucken ist das Geschäft mit Gesundheits-Apps aber anscheinend nicht. Denn 79 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, im vergangenen Jahr mit ihren mHealth-Lösungen weniger als 100.000 US-Dollar umgesetzt zu haben – 2014 sagten dies noch 84 Prozent. Immerhin drei Prozent gaben an, 2015 mit Gesundheits-Apps mehr als fünf Millionen US-Dollar umgesetzt zu haben.

In puncto Zahlungsbereitschaft für eine mHealth-Dienstleistung wie eine Gesundheits-App oder eine appgestützte Gesundheitsberatung gehen die meisten Branchenvertreter von einer Schmerzgrenze bei Anwendern von insgesamt maximal zehn US-Dollar je Monat aus.

15 Prozent jährliche Wachstumsrate

R2G prognostiziert – basierend auf den fünf vorausgegangenen Marktbeobachtungen – für den Markt mit Gesundheits-Apps bis zum Jahr 2020 eine jährliche Wachstumsrate von 15 Prozent auf dann weltweit 31 Milliarden US-Dollar. 2,6 Milliarden Menschen sollen bis dahin mindestens einmal eine Gesundheits-App heruntergeladen haben – 551 Millionen Menschen werden als aktive mHealth-Nutzer vorhergesagt.

Mit Blick auf die Betätigungsfelder mit den besten Marktpotenzialen für Gesundheits-Apps in den nächsten fünf Jahren stehen mit 32 Prozent Lösungen für das Telemonitoring auf Platz eins, dicht gefolgt mit 31 Prozent von der Diagnostik vor dem Krankheitsmanagement mit 30 Prozent, der Telekonsultation mit 29 Prozent und der Patientenakte mit 28 Prozent.

Diabetes nimmt bei den Therapiefeldern, die für die nächsten fünf Jahre das beste Marktpotenzial versprechen, die Position des Spitzenreiters ein. 73 Prozent der befragten Unternehmen sehen hier Potenzial. Mit 40 Prozent weit abgeschlagen folgt die Adipositas vor Bluthochdruck mit 29 Prozent und Depressionen mit 27 Prozent. Auf dem fünften Platz finden sich mit 16 Prozent chronische Herzerkrankungen.

Gefragt nach den Hauptzielgruppen, auf die sich die Anbieter mit ihren mHealth-Lösungen fokussieren, nannten in der Spitze mit 56 Prozent chronisch kranke Patienten. Mit 33 Prozent folgen Anwendungen für Menschen, die sich für Gesundheit und Fitness interessieren, 32 Prozent wollen gezielt Ärzte ansprechen, 26 Prozent Krankenhäuser.

Eltern und Verwandte nennen 18 Prozent als Zielgruppe für ihre Gesundheits-Apps, 17 Prozent Krankenversicherer.

Was die Vertriebskanäle mit dem meisten Potenzial für die nächsten fünf Jahre angeht, so führen mit 62 Prozent der Nennungen von Seiten der Branchenvertreter selbstredend die App-Stores.

Mit 49 Prozent rangieren aber die Krankenversicherer – sie bekommen Rückenwind durch das eingangs erwähnte Modell Daten für niedrige Prämien – an zweiter Stelle vor den Ärzten mit 44 Prozent und Krankenhäusern mit 38 Prozent. Weit abgeschlagen folgen mit je 25 Prozent Apotheken und Gesundheits-Websites.

Wie R2G prognostiziert, bleibt der mHealth-Markt auch in Zukunft verbraucher- und patientengetrieben. Die Branchenvertreter sind fest davon überzeugt, dass mHealth-Lösungen einen Beitrag zu sinkenden Kosten der Gesundheitsversorgung leisten können.

So gehen 63 Prozent der Umfrageteilnehmer davon aus, dass Gesundheits-Apps die Kosten im Zuge erneuter Krankenhauseinweisungen und der Dauer des Klinikaufenthaltes senken helfen. 61 Prozent sehen dies bei den Kosten infolge von fehlender Adhärenz.

44 Prozent prognostizieren reduzierte Kosten im Zusammenhang mit Arztbesuchen, 38 Prozent sind sich sicher, dass die Lösungen zu niedrigeren Präventionskosten führen können.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. mehr »

Spielt Krebs eine Rolle beim plötzlichen Kindstod?

Ein plötzlicher Kindstod bei einer unbekannten neoplastischen Erkrankung ist selten, aber kommt vor. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie. mehr »

Patienten sollen Verdacht auf Nebenwirkung melden

Alle europäischen Arzneimittelbehörden fordern in einer gemeinsamen Kampagne Patienten auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. mehr »