Interview

Krebspreisträger Peter Friedl: Vom Arzt zum Forscher

Professor Peter Friedl, Träger des Deutschen Krebspreises 2008, forscht als Zellbiologe sehr erfolgreich sowohl an der Radboud University in Nijmegen, Niederlande, als auch am MD Anderson Cancer Center in Houston, Texas. Beim Jungen Forum auf dem DKK 2022 beschreibt er, wie er als Arzt zur Forschung kam und an welchen Themen er gerade arbeitet.

Ein Interview von Dr. Katrin Mugele Veröffentlicht:
Professor Peter Friedl erreicht am Multiphotonenmikroskop tiefere Gewebeschichten. Er hat früh gemerkt: „Zellen beobachten und aufnehmen ist genau mein Ding“

Professor Peter Friedl erreicht am Multiphotonenmikroskop tiefere Gewebeschichten. Er hat früh gemerkt: „Zellen beobachten und aufnehmen ist genau mein Ding“

© Radboud University, Nijmegen

Herr Professor Friedl, was brachte Sie zur Zellbiologie?

Als angehender Arzt hatte ich meine medizinische Doktorarbeit über ein immunologisches Thema geschrieben. Da spürte ich zum ersten Mal diese Begeisterung für Forschung. Ich beschloss, die Praxisphase am Ende des Medizinstudiums am Institut für Immunologie der Universität Witten-Herdecke zu absolvieren.

Professor Peter Friedl forscht an der Radboud University in Nijmegen und am MD Anderson Cancer Center in Houston, Texas.

Professor Peter Friedl forscht an der Radboud University in Nijmegen und am MD Anderson Cancer Center in Houston, Texas.

© Privat

In meinem Projekt ging es darum, wie es T-Zellen schaffen, einen Tumor zu attackieren, und wie der Tumor diese Attacken abwehrt. Dazu muss man zunächst die Position einer T-Zelle im Gewebe bestimmen können. Ich sollte also lernen, wie man die Zellen filmt, und zwar bei einem Forschungsaufenthalt in Montreal.

Dort merkte ich sofort: Zellen beobachten und aufnehmen ist genau mein Ding. Das Projekt lief gut und war ausbaufähig – man bot mir in Montreal eine PhD-Stelle an, die ich annahm.

Wie lange dauerte diese PhD-Zeit?

Insgesamt drei Jahre. Nach meinem ersten Aufenthalt verbrachte ich noch einmal ein Jahr in Kanada und absolvierte dort alle für einen PhD in Immunologie und Zellbiologie nötigen Kurse. Einen Teil der Experimente für meine Doktorarbeit konnte ich in Witten durchführen. Ein vergleichbarer PhD in Deutschland hätte damals ein komplettes Biologie-Studium vorausgesetzt.

Wie ging es danach weiter?

Ich stürzte mich in die Facharztausbildung in Dermatologie und Allergologie an der Uni Würzburg. Glücklicherweise war ich in den ersten beiden Jahren jeweils drei Monate freigestellt, um Forschungsanträge und Publikationen zu schreiben. Außerdem erhielt ich ein halbes Jahr Forschungszeit im Rahmen des IZKF-Programms der Uni Würzburg zur Förderung der wissenschaftlichen Karriere junger forschungsbegeisterter Mediziner*innen. Ohne diese Förderung wäre Forschung und Klinik nicht vereinbar gewesen.

Professor Peter Friedl

  • Preisträger des Deutschen Krebspreises von 2008
  • Forscher an der Radbound University in Nijmegen und am MD Anderson Cancer Center in Houston
  • Engagement für die Wissenschaftskommunikation: Er veröffentlicht in Erklärvidoes Aufnahmen von Zellen auf Youtube.

Sie haben sich dann endgültig für die Forschung entschieden. Wie muss man sich Ihr Labor vorstellen?

In Nijmegen forschen derzeit 15 Mitarbeiter*innen, in Houston weitere 3. Natürlich ist die Mikroskopie unser Hauptwerkzeug. Neben konventionellen Geräten nutzen wir u.a. Multiphotonenmikroskope, um tiefere Gewebeschichten zu erreichen, und ein Intravitalmikroskop für Aufnahmen am lebenden Organismus. Dazu kommt viel Know-how über Zell- und Gewebekulturen und biochemische Methoden zur Durchführung funktioneller Analysen.

Das Erklärvideo, das Sie beim DKK 2022 zeigen, demonstriert eindrucksvoll, was man damit sichtbar machen kann. Worum geht es genau?

Das Video fasst die Inhalte einer Publikation zusammen, die 2021 in Nature Communications erschien. Wir beschreiben dort, dass es mehrere Verletzungen, durchschnittlich drei Hits, durch zytotoxische T-Zellen braucht, um eine Tumorzelle zu zerstören.

Inzwischen sind wir einen Schritt weiter: Tumoren sind metabolisch hochaktiv. Sie setzen Adenosin frei, das die T-Zellen quasi an den Krebszellen abrutschen lässt. Glücklicherweise gibt es einen entsprechenden Antagonisten, der den entsprechenden Adenosin-Rezeptor auf der T-Zelloberfläche blockieren kann.

Wie Immunzellen den Krebs zerstören (Videomikroskopie)

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Wenn wir diesen Antagonisten in unserem Modell zusetzen, dann stabilisiert sich der Kontakt zwischen T-Zelle und Tumorzelle und die T-Zellen können die Tumorzellen wieder deutlich besser abtöten. Das könnte tatsächlich ein Ansatzpunkt für neue Therapien sein, der derzeit auch verfolgt wird. Dieser Mechanismus scheint vor allem gut am Tumorrand zu funktionieren.

Welche Themen bearbeiten Sie darüber hinaus?

Zellmigration ist ein zentrales Thema unserer Forschung. Das Zentrum eines Tumors ist zum Beispiel für T-Zellen nicht so gut zugänglich und wir interessieren uns dafür, woran das liegt. Ein anderes Thema ist die Tumorinvasion. Der Tumor frisst sich ins gesunde Gewebe, erreicht Blutgefäße, die Tumorzellen werden vom Blut weggetragen und finden einen neuen Ort, um anzuheften. So entstehen metastatische Kolonien in anderen Organen, zum Beispiel der Lunge. Wir wissen nicht genau, wann diese Schritte passieren. Wann wächst ein Tumor weiter, wann geht er in einen schlafenden Zustand über?

Wer forscht, sollte allerdings auch ein Interesse daran haben, Erkenntnisse verständlich aufzubereiten und mit anderen zu teilen.

Professor Peter Friedl, Träger des Deutschen Krebspreises 2008, Radbound University in Nijmegen und MD Anderson Cancer Center in Houston

Was erhoffen Sie sich vom Jungen Forum auf dem DKK?

Zunächst möchte ich forschungsbegeisterte Medizinstudierende und junge Ärzt*innen ermutigen, ihren Forschungsinteressen nachzugehen. Es gibt Förderprogramme, die dabei helfen, Forschung und klinische Tätigkeit zu integrieren.

Wer forscht, sollte allerdings auch ein Interesse daran haben, Erkenntnisse verständlich aufzubereiten und mit anderen zu teilen. Mit unseren Werkzeugen können wir räumliche und zeitliche Zusammenhänge der Tumorbiologie sichtbar machen.

Das ist für andere Disziplinen und auch für die Arzneimittelforschung inspirierend. Deshalb wollen wir im nächsten Jahr auch gemeinsam mit der Deutschen Krebsgesellschaft weitere Erklärvideos produzieren und uns u.a. das Thema Tumorinvasion vornehmen.

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