Meinungsverschiedenheit unter Ärzten

Absetzen von Herzmedikamenten bei begrenzter Lebenserwartung?

Ob die Herz-Kreislauf-Medikation reduziert werden soll, wenn andere lebensbegrenzende Erkrankungen hinzukommen, wird von Ärzten je nach Fachrichtung unterschiedlich beurteilt.

Von Dr. Beate Schumacher Veröffentlicht: 08.10.2019, 14:41 Uhr
Absetzen von Herzmedikamenten bei begrenzter Lebenserwartung?

Mit zunehmendem Alter des Patienten kann das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer kardiovaskulären Medikation ungünstiger werden.

© Steve Debenport / Getty Images / iStock

New York. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer kardiovaskulären Medikation kann mit fortschreitendem Alter der Patienten ungünstiger werden, insbesondere wenn eine andere schwere Erkrankung die Lebensspanne verkürzt. Ob Ärzte in einer solchen Situation in Betracht ziehen, eines oder mehrere dieser Medikamente aus dem Therapieplan herauszunehmen, scheint auch von ihrer Fachrichtung abzuhängen. Nach einer US-Studie sind Geriater am ehesten und Kardiologen am wenigsten dazu geneigt (J Am Ger Soc 2019; online 12. September).

In der Studie hatten 453 zufällig ausgewählte Ärzte der Fachrichtungen Geriatrie, Innere und Kardiologie Auskunft über das Deprescribing von Herz-Kreislauf-Medikamenten in ihrer Praxis gegeben. Danach hatten im letzten Monat in jeder Disziplin mehr als 80 Prozent der Ärzte einmal ein Absetzen in Betracht gezogen. Der durchgängig häufigste Grund dafür waren Nebenwirkungen.

Barrieren für Deprescribing

  • Die Sorge, Therapiepläne anderer Ärzte zu durchkreuzen und
  • Ablehnung durch die Patienten selbst

Von den Geriatern wurde oft auch eine begrenzte Lebenserwartung genannt (73 Prozent), bei Internisten und Kardiologen war das deutlich seltener der Fall (37 Prozent und 14 Prozent). Als Barrieren für das Deprescribing wurden übereinstimmend die Sorge, die Therapiepläne anderer Ärzte zu durchkreuzen, und die Ablehnung durch die Patienten angeführt.

Alle beurteilten gleiches Szenario

Weil davon auszugehen ist, dass die Ergebnisse zum Teil die unterschiedliche Patientenklientel der drei Arztgruppen widerspiegeln, wurden allen Ärzten außerdem dieselben hypothetischen Szenarien zur Beurteilung vorgelegt. Alle betrafen eine 79-Jährige mit mehreren chronischen Erkrankungen und vier kardiovaskulären Medikamenten.

Beim Auftreten potenzieller Nebenwirkungen wie Schwindel mit Stürzen hätten in jeder Disziplin über 90 Prozent mindestens ein Herz-Kreislauf-Mittel abgesetzt. Dagegen hätten beim Rezidiv eines metastasierten Mammakarzinoms deutlich mehr Geriater (84 Prozent) als Internisten (68 Prozent) oder Kardiologen (45 Prozent) ein Deprescribing in Betracht gezogen; auch bei der Aufnahme in ein Pflegeheim wegen eines Morbus Alzheimer hätten von den Kardiologen die wenigsten auf eines der Medikamente verzichten wollen (59 Prozent vs. 92 Prozent der Geriater und 81 Prozent der Internisten).

Für die Studienautoren um Dr. Parag Goyal (Weill Cornell Medicine, New York) sind die Ergebnisse ein Hinweis, dass „Ärzte noch mehr für die Bedeutung des Deprescribing sensibilisiert werden müssen, damit sich die Verordnungspraxis bei alten Menschen verbessert“.

Es gebe immer mehr Evidenz dafür, dass bei Medikamenten, die etwa aufgrund kurzer Lebenserwartung, körperlicher Einschränkungen oder geänderter Behandlungsziele mehr Schaden als Nutzen erwarten ließen, das gezielte Absetzen sicher sei, Polypharmazie reduziere und möglicherweise sogar die Mortalität senke.

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