„Prävention ist das wichtigste Asset“

Atemwegsinfekte im Winter: Infektiologen mit Prognose zurückhaltend

Von Dr. Thomas MeißnerDr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Virale Atemwegsinfekte: Wie wird die kommende Herbst/Winter-Saison verlaufen?

Virale Atemwegsinfekte: Wie wird die kommende Herbst/Winter-Saison verlaufen?

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Berlin. Experten sind unsicher, wie die kommende Influenza-Saison sowie die Ausbreitung anderer Atemwegsinfektionen im kommenden Herbst und Winter aussehen wird. Professor Lothar Wieler vom Robert Koch-Institut (RKI) wies beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM), der als virtueller Kongress am Sonntag begonnen hat, darauf hin, dass das weltweite Influenza-Surveillance-System im Zuge der Coronapandemie in manchen Ländern der Südhalbkugel zusammengebrochen sei. „Es fehlen Informationen, die wir für eine valide Einschätzung benötigen“, erklärte Wieler auf Nachfrage der „Ärzte Zeitung“. Daher sei auch die Datenbasis, auf deren Grundlage die aktuellen Influenza-Impfstoffe entwickelt worden sind, dünner als in den Vorjahren. Damit ist unklar, wie gut der aktuelle Impfstoff schützen wird, wenngleich dies immer schwer vorherzusagen sei.

Gleichwohl empfahl Wieler die Influenza-Impfung gemäß den RKI-Empfehlungen und sprach sich zugleich dafür aus, während der Pandemie eingeübte Basismaßnahmen zur Vermeidung respiratorischer Infektionen mindestens bis zum Frühjahr kommenden Jahres aufrecht zu erhalten. Dazu gehöre zum Beispiel das Tragen von Masken im öffentlichen Nahverkehr.

„Immunsystem braucht regelmäßig subschwellige Trigger“

Die Influenza-Saison 2020/21 war sehr milde verlaufen. Fehlt damit ein immunologischer Trigger? Eine US-amerikanische Arbeitsgruppe hat historische Daten modelliert und festgestellt, dass Saisons mit sehr niedrigen Influenza- und RSV (Respiratory Syncytial Virus)-Infektionszahlen die Vulnerabilität der Bevölkerung in den nachfolgen Saison deutlich erhöhen können. Der Jenaer Infektiologe Professor Mathias Pletz hatte beim diesjährigen Pneumologie-Kongress mit Verweis auf diese Daten vor einer womöglich schweren Influenza- und RSV-Epidemie 2021/22 gewarnt. Professor Andreas Diefenbach, Infektionsimmunologe an der Charité Berlin, wies beim DGHM-Kongress darauf hin, dass man andererseits annehmen könne, dass das unspezifische Immunsystem durch die SARS-CoV-2-Ausbreitung gut trainiert worden sei. Richtig sei aber, dass das Immunsystem regelmäßig subschwellige Trigger benötige.

Andere Viren, die das Atemsystem befallen, waren in der vergangenen Herbst/Winter-Saison fast vollständig verschwunden, zum Beispiel RSV, so Diefenbach. RSV habe sich gerade unter Kindern im Zuge der Coronapandemie und der Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen nicht verbreitet. „In diesem Extrem haben wir das in unserer Gesellschaft noch nie gesehen.“ Laut RKI ist derzeit ein Anstieg der RSV-Virusinfektionen zu beobachten. Eine Prognose lässt sich daraus offenbar noch nicht ableiten.

Wieler und das RKI rechnen jedenfalls mit vermehrten Atemwegsinfektionen, parallel zur vierten Coronawelle. „Das dürfte zu einer starken Krankheitslast in Krankenhäusern und Praxen führen. Wir sollten möglichst vorsichtig sein. Prävention ist nach wie vor das wichtigste Asset.“

„Es gibt sehr viele Lehren zu ziehen“

Der Präsident des RKI sieht im Umgang mit Infektionskrankheiten wie Corona deutlichen Nachbesserungsbedarf für Deutschland. „Es gibt sehr viele Lehren zu ziehen“, sagte Wieler. In der laufenden Pandemie habe man „gnadenlos Defizite kennengelernt“.

So gebe es in Deutschland ein Manko beim Erstellen klinischer Studien. Ein weiteres Thema mit Nachbesserungsbedarf sei die Datentransparenz. Sie zu schaffen, sei „ein dickes Brett“. Oftmals seien Daten im Prinzip schon da, aber gut versteckt und nicht frei verfügbar. Zu den positiven Lerneffekten zählt der RKI-Präsident, dass Entscheidern in Politik und Wirtschaft die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Infektionskrankheiten stärker klar geworden sei.

In der Bevölkerung sei zudem das Verständnis für Hygiene gewachsen, bei vielen Infektionskrankheiten hätten sich im Zuge dessen die Fallzahlen reduziert. Das könne womöglich ein nachhaltiger Effekt sein. (mit dpa)

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