Direkt zum Inhaltsbereich

Nikotinabusus

Bei E-Zigaretten „Dual Use unbedingt vermeiden“

Experten plädieren dafür, dass E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung mehr Aufmerksamkeit erhalten. Entscheidend sei allerdings, klar zu kommunizieren, dass nur ein kompletter Umstieg gesundheitliche Vorteile bringt.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Zunehmend unstrittig ist, dass E-Zigaretten, richtig eingesetzt, ein Hilfsmittel bei der Entwöhnung von bereits tabaksüchtigen Menschen sein können.

Zunehmend unstrittig ist, dass E-Zigaretten, richtig eingesetzt, ein Hilfsmittel bei der Entwöhnung von bereits tabaksüchtigen Menschen sein können.

© M.Dörr & M.Frommherz / stock.adobe.com

Frankfurt. An E-Zigaretten scheiden sich die Geister. Zumindest in den USA sprechen Public Health Experten mittlerweile von einer „Vaping-Epidemie“ bei jungen Menschen. Über 27 Prozent der High School Schüler rauchten dort 2019 E-Zigaretten, nach nur rund zwei Prozent im Jahr 2011. Im gleichen Zeitraum ging der Anteil der Schüler, die konventionelle Zigaretten rauchten, von rund 16 auf rund sechs Prozent zurück. (N Engl J Med 2020; 382:689-91)

Zunehmend unstrittig ist, dass E-Zigaretten, richtig eingesetzt, ein Hilfsmittel bei der Entwöhnung von bereits tabaksüchtigen Menschen sein können. Denn konventionelle Tabakprodukte seien gerade in Deutschland weiterhin ein großes Problem, erläuterte Professor Heino Stöver vom Institut für Suchtforschung, Frankfurt University of Applied Sciences.

Die Prävalenz der erwachsenen Tabakraucher in Deutschland liege aktuell bei 27,5 Prozent und damit deutlich höher als in anderen europäischen Ländern. Deutschland ist europaweit allerdings auch bei den Tabakkontrollmaßnahmen das absolute Schlusslicht, wie zuletzt die Tabakkontrollskala 2019 der Europäischen Krebsligen (ECL) erneut gezeigt hat.

Nikotinersatz kommt nicht gut an

Aus Sicht eines Lungenfacharztes sei die E-Zigarette eine relevante Facette der Tabakentwöhnung, sagte Dr. Thomas Hering aus Berlin bei einem Webinar des Instituts für Suchtforschung. Es sei nicht wegzudiskutieren, dass die Nutzerquoten bei den in den Leitlinien verankerten Entwöhnungs-Tools eher gering seien: „Unsere Zielgruppe mag den Nikotinersatz nicht. Der Appeal der E-Zigarette ist dagegen ähnlich gut wie beim Tabak. Letztlich muss der Köder dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“

Der Pneumologe zeigte sich überzeugt, dass die Toxizität von E-Zigaretten deutlich geringer ist als die konventioneller Zigaretten. So hätten Experten vom College of Global Public Health der New York University die Toxizität in einem vor zwei Jahren publizierten Review ähnlich jener von Nikotinersatzprodukten gewertet (Ann Rev Public Health 2018; 39:193-213).

Dieser Einschätzung schloss sich auch Professor Martin Storck von der Thoraxchirurgie am Klinikum Karlsruhe an. Er wies darauf hin, dass besonders im Zusammenhang mit der Atherosklerose-Entstehung Vorteile von E-Zigaretten bestünden, weil es nicht so sehr das Nikotin, sondern die zahlreichen anderen Bestandteile des Tabakrauchs seien, die die Entstehung atherosklerotischer Plaques begünstigten. Dies werde von Gesundheitsbehörden auch zunehmend erkannt.

So hebe etwa Public Health England, eine Behörde des britischen Gesundheitsministeriums, hervor, dass E-Zigaretten wesentlich risikoärmer als Zigaretten seien und dass Rauchern daher empfohlen werden könne, komplett auf das Dampfen zu wechseln.

Ziel muss kompletter Verzicht auf Tabak sein

Die Crux an dieser und ähnlichen Empfehlungen ist das Wörtchen „komplett“. Das betonte auch Hering: „Ziel bei der Entwöhnung muss es ganz klar sein, nach einer überschaubaren Übergangsphase den Konsum von Tabak vollständig sein zu lassen. Ein ‚Dual Use‘ muss unbedingt vermieden werden, weil schon eine nur geringe Nutzung von Tabak ein hohes Risiko darstellt.“

Illustrieren lässt sich das anhand einer schon etwas älteren Untersuchung, die klar zeigte, dass das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen nicht linear mit der Zahl der Zigaretten pro Tag ansteigt. Vielmehr wird ein erheblicher Teil des Risikos schon bei wenigen Zigaretten pro Tag erreicht (Circulation 2009; 120:941-8). Ähnliches gilt für die Lungenrisiken des Zigarettenrauchens.

Hering nutzt diese Daten bei Patienten, die auf E-Zigaretten umsteigen wollen, unmittelbar in der Beratung: „Ich sage ihnen deutlich, dass sie schon bei drei bis fünf Zigaretten 80 Prozent des Risikos haben, das sie mit der E-Zigarette eigentlich vermeiden wollen. Das wird auch verstanden.“ Hilfreich sei es auch, den „Beikonsum“ anhand des CO-Hb immer wieder zu überprüfen. Generell bleibe die Entscheidung über die richtige Entwöhnungsstrategie sehr individuell, so der Pneumologe. Suchtgrad, Bildungsgrad, Einkommen und nicht zuletzt die Motivation spielten tragende Rollen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

DEGAM-Kongress

Wie viele KHK-Patienten rauchen?

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Geldschein, teilweise bedeckt von Stethoskop

© photocrew / stock.adobe.com

Kostenstrukturanalyse

Privatanteil an den Einnahmen geht leicht zurück

Logo VasioCore

© InMediq

inmediQ

VasioCore: Patientenspezifischer Cardiovascular Twin

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Logo Cardisio

© Lilly

Lilly

Adipositassprechstunde systematisch umsetzen

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Neurologin gibt Tipps

So gehen Sie bei Schwindel richtig vor

Heute Preisverleihung

Galenus-von-Pergamon-Preis: Das sind die Kandidaten

Lesetipps
Frau in der Arztpraxis hält sich den Kopf fest

© CineLens / peopleimages.com / Stock.adobe.com

„Rettungskiste“ für die Praxis

Chronische Schmerzen: 5 Tipps fürs Patientengespräch

Porträt von Professor Helmut Schatz

© airborne77 / stock.adobe.com

Spurenelemente

Zink und Testosteron: Wann ist eine Substitution sinnvoll?