Kinder und Jugendliche

Extreme Adipositas: Normalgewicht ist nicht das Therapieziel

Es gibt viele Projekte und Initiativen gegen Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Bisher fehlen jedoch geeignete Strategien für die breite Versorgung bei extremer Ausprägung der Krankheit. Hoffnungen werden in ein „DMP Adipositas“ gesetzt.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel Veröffentlicht:
Immer noch viel zu viele Kilos! Die Betreuung von Minderjährigen mit Übergewicht, Adipositas oder sogar extremer Adipositas muss besser werden.

Immer noch viel zu viele Kilos! Die Betreuung von Minderjährigen mit Übergewicht, Adipositas oder sogar extremer Adipositas muss besser werden.

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Stuttgart. Für extrem adipöse Kinder und Jugendliche gibt es in Deutschland wenig Hilfe. Es ist mittlerweile unstrittig, dass es sich dabei um eine schwere Krankheit mit schlechter Prognose handelt. Betroffene leiden vor allem unter der Stigmatisierung und haben daher auch ein hohes Risiko für psychische Folgekrankheiten, betont Professor Martin Wabitsch vom Uniklinikum Ulm.

Bei einer Podiumsdiskussion während der JA-PED-Tagung in Stuttgart bezifferte er das Ausmaß von extremer Adipositas bei Minderjährigen: Danach haben in Deutschland etwa 2,5 Prozent der Heranwachsenden, und zwar besonders Jugendliche, ein Gewicht oberhalb der Perzentile von 99,5 Prozent. Die Zahl der Betroffenen wird auf etwa 250.000 geschätzt.

Wabitsch stellte dazu zwei typische Betroffene aus seiner Ambulanz vor, wie er sie jede Woche sieht:

  • Ein vierjähriges Mädchen hat bereits ein Gewicht von 43 kg und kann sich nicht fortbewegen. Die Eltern sind verzweifelt: „Was wird aus dem Kind?“
  • Ein 14-Jähriger wiegt 140 kg, es gibt keinerlei Anzeichen, dass bei ihm die Pubertät einsetzt. Sein Penis ist vergraben in Fettgewebe. Er hat eine Fettleber und Hypertonie. Wegen einer Schlafapnoe ist er tagsüber müde, auch deshalb geht er ungern zur Schule. Er isst viel vor dem Computer.

Nur wenig wird bisher der Brisanz des Problems gerecht

Wie kann solchen Kindern geholfen werden? Was wird getan, dass extreme Adipositas bei Kindern vermieden wird? Und wie will man in Deutschland künftig das Problem stärker eindämmen? Bei der Podiumsdiskussion haben sich hierzu Vertreter aus einem Gesundheitsamt, von einer Krankenkasse, aus der Ernährungsberatung und von der bariatrischen Chirurgie geäußert. Unisono entsteht das Bild, dass es erstaunlich viele Initiativen und Projekte gibt, dass aber bisher nur wenig der Brisanz des Problems gerecht wird.

So wies Professor Stefan Ehehalt vom Gesundheitsamt Stuttgart auf die Schlüsselrolle der Behörde hin beim Einfluss etwa in Kommunen, Schulen und Kitas oder auch bei der regionalen Gesundheitsberichterstattung. Dies lasse sich auch zu Adipositas-Prävention und Beratung sowie Unterstützung Betroffener nutzen.

Als Beispiel führte er unter anderen ein Projekt zur Schulgesundheitspflege an, mit Fachkräften vor Ort, die sich nicht nur um chronisch kranke Kinder, sondern auch generell um Gesundheitsförderung in Schulen bemühen. Generell sieht Ehehalt die Gesellschaft in der Verantwortung: Auch adipöse Kinder brauchten Raum, wo sie sich ohne Stigma normal entwickeln könnten und wo sie Hilfe bekommen.

„Jeder Therapeut hat heute einen anderen Tipp“. Eine gemeinsame Haltung gegenüber Adipositas als multifaktorielle Erkrankung sowie Strukturen für Hilfe seien nötig. Bisher würde das Problem Betroffener oft nur auf das Körpergewicht reduziert, interdisziplinäre Ansätze seien nötig.

„Hier ist noch gewaltig Luft nach oben“

Was dazu nötig wäre, erläuterte Siegrid Räkel-Rehner, Diätassistentin an der Uniklinik Ulm. Nach ihrer Erfahrung ist für realistische Erfolge eine Langzeitbetreuung durch Ernährungs-, Bewegungs-, Verhaltens- und Psychotherapeuten nötig, die die ganze Familie des Betroffenen mit einbezieht. Ein großes Problem sei es, dies wohnortnah und flächendeckend anbieten zu können. „Hier ist noch gewaltig Luft nach oben“, sagte sie dazu.

In Einzelfällen könnte auch eine bariatrische Operation weiterhelfen, wie Dr. Tobias Meile von der Adipositaschirurgie am Krankenhaus Bad Cannstatt in Stuttgart berichtet hat. Das Team um Meile operiert Minderjährige in Ausnahmen. Methode der Wahl ist meist die Verkleinerung des Magens (Schlauchmagen; Sleeve Gastrektomie) auf ein Volumen von 200 ml. In einer Fallserie an seiner Klinken von 29 Betroffenen im Alter von 15 bis 21 reduzierte sich das Gewicht dadurch im Schnitt von 160 auf 114 kg (oder von BMI 55 auf 39).

Lebenslange Nachsorge nötig

Mit dieser Maßnahme sei den Jugendlichen vor allem auch ein Einstieg in das Arbeitsleben ermöglicht worden, berichtet der Chirurg. Er betont, dass nach einem solchen Eingriff eine lebenslange Nachsorge nötig ist. Und: Die Chirurgie könne immer nur ein Baustein bei der Versorgung von Menschen mit extremer Adipositas sein.

Dr. Hans-Peter Zipp, Pädiater bei der AOK Baden-Württemberg, wies auf das Problem der fehlenden Evidenz zur Wirksamkeit vieler Maßnahmen gegen Adipositas hin. Seine Kasse unterstützt zum Beispiel das durch den Innovationsfonds geförderte STARKIDS-Programm für eine gesunde Gewichtsentwicklung bei Kindern, Jugendlichen und Familien.

Ein innovatives Programm für den digitalen und praktischen Unterricht zur Reduktion des Zuckerkonsums bei Jugendlichen sei zum Beispiel der Zuckerkompass der AOK Nordwest. Große Defizite sieht Zipp bei der Therapie Betroffener: Ambulante qualitätsgeprüfte Programme fehlen bisher, ebenso Langzeitdaten zur Vorsorge, Therapie und Nachsorge.

Gefragt: Interdisziplinäre Behandlungsansätze

Und: Als Hilfe für Betroffene müsste extreme Adipositas zunächst erst einmal als Krankheit anerkannt werden. Der Kinderdiabetologe und Endokrinologe Wabitsch setzt hier viel Hoffnung in das angekündigte „DMP Adipositas“. Für dessen Ausgestaltung seien nun auch die pädiatrischen Fachgesellschaften aufgerufen. Gebraucht werden dazu interdisziplinäre Behandlungsansätze und formulierte Therapieziele.

Aber was heißt das konkret? Für seine vierjährige Patientin wünscht sich Wabitsch, dass sie nicht immer nur gesagt bekommt, sie solle weniger essen. Ihre Familie müsse instruiert werden, was zu ihrer Gewichtsregulation getan werden kann. Wichtig sei, ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Erforderlich sei auch ein Programm in Kita und Schule, bei dem sie mitmachen kann. Dazu gehört etwa auch ein spezieller Sportunterricht. Deutlich abnehmen werde sie nicht, und das sei auch nicht das Ziel der Therapie.

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Auch bei dem 14-Jährigen ist Normalgewicht keine realistische Perspektive. Sein Therapiebedarf ist trotzdem deutlich größer: Er braucht eine antihypertensive Behandlung sowie eine Lebensstil-Intervention gegen Schlafapnoe. Zu erwägen sei in den nächsten Jahren auch eine bariatrische Chirurgie. Wabitsch setzt bei ihm auch große Hoffnung in künftige Antiadiposita. Schon jetzt empfiehlt er bei ihm eine Behandlung mit Liraglutid und Metformin.

Und damit solche Therapien nicht nur an der Uniklinik Ulm, sondern beim Kinderarzt vor Ort gemacht werden können, „dafür brauchen wir das DMP Adipositas “, betonte Wabitsch abschließend.

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