Pneumologen-Kongress

Fluch und Segen der E-Zigaretten

Bei ihrem heute beginnenden Jahreskongress will die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) ein Positionspapier zu E-Zigaretten präsentieren. Als eine große Hilfe sehen die Ärzte den Tabak-Ersatz nicht an.

Von Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 18.03.2015, 05:03 Uhr
Fluch und Segen der E-Zigaretten

E-Zigarette: neues Suchtmittel oder ein weiteres Nikotinersatzprodukt für die Entwöhnung?

© Brandt / dpa

BERLIN. "Elektronische Zigaretten - Segen oder Fluch?", heißt es am Donnerstag im Berliner CityCube. Dort halten die Pneumologen vom 18. bis 21. März ihren Jahreskongress ab.

Unter anderem werden bei der Veranstaltung Kritiker der E-Zigarette auf Pragmatiker treffen. Und die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) will mit einem Positionspapier zur E-Zigarette an die Öffentlichkeit gehen.

Das kündigte Privatdozent Tobias Raupach an, einer der Autoren des Papiers und Leiter der Tabakentwöhnungsambulanz am Herzzentrum Göttingen. Segenszeichen wird man darin wohl kaum finden.

Die Diskussion um E-Zigaretten wird teils emotional geführt, es wird mit unbewiesenen Vermutungen hantiert, während der E-Zigarettenmarkt weiter rasant wächst.

Es sind entwöhnungswillige Raucher, die Rat suchen und mit ihrem Verhalten Handlungsdruck aufbauen, damit Entscheider sich positionieren.

Über E-Zigarette ganz vom Rauchen loskommen

Viele Raucher sehen in E-Zigaretten ein willkommenes Hilfsmittel, um vom Rauchen loszukommen. Ein Mittel mit einem Potenzial, das bisherige Programme, Medikamente oder Nikotinersatzprodukte - scheinbar - nicht bieten.

Was also spricht dagegen, angesichts der in der Praxis begrenzten Erfolgsraten der Raucherentwöhnung einen Trend aufzunehmen, um die multiplen Schadwirkungen des Tabakrauchens einzudämmen?

Die Strategie der Schadensminimierung wird in der Suchtmedizin schließlich seit langem erfolgreich praktiziert.

Geraucht werde primär wegen des Nikotins, gestorben vor allem wegen des Teers, argumentieren Professor Robert West und Dr. Jamie Brown vom University College London in Großbritannien.

Es seien besonders Raucher, die aus gesundheitlichen Gründen auf die E-Zigarette umsteigen würden, so die britischen Gesundheitspsychologen auf der Grundlage monatlich in England erhobener Daten - Brown wird in Berlin die neuesten Erkenntnisse von der Insel vorstellen (Infos: www.smokinginengland.info).

Andere kritisieren, wie leichtfertig in Großbritannien die E-Zigarette als harmlose Ausstiegshilfe angepriesen werde. "Wir wollen nicht schon wieder ein neues Suchtmittel", meint Dr. Martina Pötschke-Langer von der Stabsstelle Prävention am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg.

Unterschiedliche Blickwinkel

Um die Argumente einzuordnen, sei es hilfreich, sie nach zwei Perspektiven zu sortieren, sagt der Göttinger Kardiologe Raupach: dem individuellen und dem Public-Health-Blickwinkel.

Kritiker der E-Zigarette argumentieren von der individuellen Seite her: Es sei unbekannt, welche Auswirkungen das Dampfen langfristig auf den Körper habe; E-Dampfer könnten auch ihre Umgebung schädigen; die E-Zigarette würde als Einstiegsdroge für Jugendliche fungieren.

West und Brown vertreten die Public-Health-Perspektive: Nach ihren Berechnungen können pro einer Million Raucher, die komplett von Tabak auf E-Zigaretten umsteigen, über 6000 tabakbedingte Todesfälle vermieden werden, selbst wenn in Einzelfällen Schäden aufträten.

Die Zahl jener, die die E-Zigarette als Einstiegsdroge nutzten, ist nach den Daten aus England zu vernachlässigen. Die E-Zigaretten-Nutzung hat dort ein niedriges Plateau erreicht und die Raucherprävalenz nimmt nicht zu, im Gegenteil.

Nun fragt sich, was E-Zigaretten als Ausstiegshilfe bislang gebracht haben. So betrachtet wären sie ja nichts anderes als ein weiteres Nikotinersatzprodukt. Die Antwort fällt, bei magerer Datenlage, nicht berauschend aus.

Zwar gibt es einen Entwöhnungseffekt, doch zum einen sind die Ergebnisse widersprüchlich, zum anderen sind vor zwei, drei Jahren erschienene Studien heute bereits veraltet, weil völlig andere E-Zigaretten auf dem Markt sind.

Wildwuchs von Produkten

Insgesamt sind die Schadstoffkonzentrationen im Dampf einer E-Zigarette, je nach Studie und betrachtetem Stoff, um den Faktor 100 bis 1000 niedriger als in Tabakzigaretten, sagt Raupach mit Verweis auf Studien. Denn bei der Verbrennung von Tabak entstehen hochreaktive Verbindungen, die bei Erwärmung des Liquids in E-Zigaretten nicht entstehen.

Aber: "Der Wildwuchs, den wir im Moment sehen - ohne Kennzeichnungspflicht, mit allenfalls lückenhaften Angaben der Inhaltsstoffe, fehlenden Standardverfahren zur Messung der ausgestoßenen Substanzen - führt dazu, dass E-Zigaretten eine sehr heterogene Gruppe von Produkten sind."

Im Gegensatz dazu seien die seit Jahrzehnten in der Tabakentwöhnung erprobten Nikotinersatzprodukte nicht nur unschädlich, sondern auch sehr wirksam. Nur würden sie oft nicht richtig, zu kurz oder falsch dosiert angewendet und könnten daher ihre eigentliche Wirksamkeit nicht entfalten.

Fazit: Ein Wundermittel zum Ausstieg ist die E-Zigarette nicht. Potenzielle Langzeitrisiken wird man frühestens in zehn Jahren kennen.

Mit dem Beheben struktureller Versorgungsdefizite in der Raucherentwöhnung dagegen stünde Deutschland vielleicht irgendwann mal dort, wo sich England schon heute befindet: bei einer Raucherprävalenz von weniger als 17 Prozent; 30 Prozent sind es bei uns.

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