Direkt zum Inhaltsbereich

HINTERGRUND

Freuds Psychoanalyse ist in der Medizin noch immer von Bedeutung

Von Matthias Lukasczik Veröffentlicht:

Kontroverse Ideen hinterlassen oft einen nachhaltigen Eindruck. Bei der Psychoanalyse ist das nicht anders - in vielerlei Hinsicht hat sie die Geistes- und Kulturgeschichte einer ganzen Epoche geprägt.

Auf vielfältige Weise hat die Psychoanalyse das wissenschaftliche Denken bis in die heutige Zeit beeinflußt: Das Konzept unbewußter Prozesse hat Eingang in die moderne Neuro- und Kognitionswissenschaft gefunden.

Freuds Gedanken zur Bedeutung lebensgeschichtlicher Erfahrungen für die Persönlichkeit und den Umgang mit Belastungen haben das Verständnis für menschliche Entwicklung erweitert. Und Freud ist es auch gewesen, der auf die Bedeutung seelischer Konflikte für die psychische Gesundheit hingewiesen hat.

Viele neue Verfahren basieren auf der Psychoanalyse

Es gibt zwar viel Kritik, doch von Bedeutung für die heutige Medizin und Psychologie ist die Psychoanalyse allemal. Sie ist eine wesentliche Säule in der ambulanten wie der stationären psychotherapeutischen Versorgung. Aber: Allein schon von "der" Psychoanalyse zu sprechen, führt in die Irre.

Es gibt heute eine große Vielfalt psychodynamisch orientierter Therapieverfahren. Dazu zählt die klassische Langzeitanalyse ebenso wie die tiefenpsychologisch fundierte Therapie nach C. G. Jung. Auch neue Formen der psychodynamischen Kurzzeittherapie gehören dazu.

    Pychoanalyse und andere Therapien ergänzen sich.
   

Und die Bewährung als Therapieform? In der Psychotherapieforschung haben analytische Behandlungsansätze häufig weniger gut abgeschnitten als andere Methoden. Besonders für die hochfrequente Langzeit-Psychoanalyse sind kaum gesicherte Erfolge dokumentiert.

Das ist ein zentraler Kritikpunkt vieler Freud-Skeptiker: Es sei sträflich vernachlässigt worden, die Wirksamkeit der Psychoanalyse als Heilmethode nach wissenschaftlichen Kriterien unter Beweis zu stellen. Psychotherapeutische Interventionen würden auf der Basis unzureichend abgesicherter Theorien erfolgen.

Bei Persönlichkeitsstörungen ist Psychoanalyse wirksam

In der jüngsten Zeit hat sich das Bild indes etwas gewandelt. Neue Studien haben frühere Befunde der Psychotherapieforschung relativiert, es hat sich gezeigt: Unterschiede in der Effektivität verschiedener therapeutischer Ausrichtungen reduzieren sich, wenn man berücksichtigt, welcher theoretischen Orientierung sich der Forschende verpflichtet fühlt. Auch gibt es Belege für die Wirksamkeit kürzerer Formen der psychoanalytischen Therapie.

Zum Beispiel in der Behandlung von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen: Eine psychodynamische Therapie hat sich in Studien von Falk Leichsenring von der Uni Göttingen als effektiv für die Therapie von Menschen mit Persönlichkeitsstörung erwiesen (American Journal of Psychiatry, 160, Juli 2003). Genauso gut wie die Verhaltenstherapie schneidet die psychodynamische Therapie auch bei Depressionen ab (Clinical Psychology Review, 21, 2001).

In der Psychiatrie und der Psychotherapie kommt eine analytisch orientierte Psychotherapie zudem bei Zwangsstörungen oder psychosomatischen Erkrankungen zum Einsatz. Generelle Voraussetzung für diese Form der Behandlung ist ein hohes Maß an Introspektionsfähigkeit der Patienten - ist doch die Psychoanalyse ein Verfahren, das auf die Einsicht der Patienten in die eigene Psychodynamik setzt.

Und die aktuelle Situation? Derzeit ist die therapeutische Psychoanalyse im Wandel. Man will sich (überzeugt oder gezwungenermaßen) der empirischen Absicherung stellen. Das geschieht zum Beispiel in Form einer stärkeren Standardisierung des Vorgehens und der Verwendung von Manualen, aber auch in einer präziseren Beschreibung therapeutischer Verfahren. Dazu zählt etwa die sogenannte "Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik".

Erkennbar ist auch der Trend, sich anderen therapeutischen Richtungen zu öffnen. So integriert beispielsweise die Interpersonelle Therapie, die gute Erfolge bei depressiven Patienten zeigt, Elemente aus anderen Therapieschulen. Neue psychodynamische Ansätze bei Angststörungen beziehen verhaltenstherapeutisch orientierte Elemente mit ein. Auch in der Behandlung bei sexuellen Funktionsstörungen scheint ein Miteinander verhaltenstherapeutischer und psychodynamischer Techniken das Mittel der Wahl.

Allerdings: Unumstritten ist all das in der psychoanalytischen Zunft sicher nicht, und mancher orthodoxe Analytiker wird den Neuerungen skeptisch gegenüberstehen. Aber vielleicht lassen sich diese eigenwillige Wissenschaft und die Anforderungen der modernen Empirie am Ende doch in Einklang bringen.

Der Diplom-Psychologe Matthias Lukasczik ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Uni Würzburg.

Lesen Sie dazu auch: "Verständnis ist spärlich, Lob nur wie Almosen" Freuds Couch - Synonym für die Psychoanalyse Jeder zweite glaubt nicht ans Unbewußte



STICHWORT

Psychodynamische Psychotherapie

Psychodynamische oder tiefenpsychologische Therapie basiert auf der Psychoanalyse. Freuds Konzepte von Unterbewußtsein, Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung werden beachtet, sind aber nicht Schwerpunkt. Der Patient liegt auch nicht auf einer Couch. Psychodynamische Verfahren werden als Einzel- und Gruppentherapie angewendet. (eb)

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Geldschein, teilweise bedeckt von Stethoskop

© photocrew / stock.adobe.com

Kostenstrukturanalyse

Privatanteil an den Einnahmen geht leicht zurück

Logo Beyond Imaging

© Beyond

Beyond Imaging

KI-gestützte Prostata- und Kopf-MRT

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Logo Diagnostic Results

© Diagnostic Results

Bioeksen

Molekulare PCR-Diagnostik am PoC

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

© APOGEPHA Arzneimittel GmbH | Generated by AI

Überaktive Blase

Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APOGEPHA Arzneimittel GmbH, Dresden
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

„ÄrzteTag“-Podcast

Wie können Ärzte Einsamkeit erkennen und ansprechen, Professor Adli?

Lesetipps
Rote Beete Wurzel, rote Beete Würfel, rote Beete Scheiben und rote Beete Saft.

© Daniel Vincek / stock.adobe.com

Fallbericht

Eine fast fatale Gemüse-Überdosis

Ausgestreckte Hand gegenüber einer Impfspritze.

© anyaivanova / Getty Images / iStock

Überprüft

5 Mythen übers Impfen im Faktencheck