Studie aus Dänemark

Harninkontinenz – viele Frauen leiden still

Niemand spricht gern über die eigene Blasenschwäche, mit Nahestehenden nicht und schon gar nicht mit Fremden. Eine Folge dieses Schweigens ist der Verzicht auf medizinische Hilfe.

Von Robert Bublak Veröffentlicht: 23.09.2019, 18:45 Uhr
Harninkontinenz – viele Frauen leiden still

Scham oder Skepsis bringen bei Problemen mit der Kontinenz nicht weiter. (Symbolbild mit Fotomodellen)

© tibanna79/stock.adobe.com

ODENSE. Schätzungen, die auf weltweiten populationsbasierten Untersuchungen basieren, beziffern die mediane Prävalenz der Harninkontinenz unter Frauen auf knapp 28 Prozent. Die Spannbreite reicht dabei von rund 5 bis zu 58 Prozent. Unbehandelt beeinträchtigt das Leiden erheblich die Lebensqualität.

Dabei gäbe es für viele betroffene Frauen durchaus Abhilfe; die Optionen reichen von Lebensstiländerungen, Beckenboden- und Blasentraining über medikamentöse Therapie (Anticholinergika bei Dranginkontinenz) und Injektionen von Botulinumtoxin bis zur Verwendung von Pessaren (Stressinkontinenz) und chirurgischen Interventionen.

Studie mit mehr als 50.000 Frauen

Um medizinische Hilfe zu finden, müssten Frauen mit Inkontinenz allerdings bereit sein, über ihre Probleme zu sprechen. Genau davon aber nehmen viele Abstand. Wissenschaftler einer Forschungseinheit zur medizinischen Primärversorgung um Isabella Raasth¢j von der Universität von Süddänemark in Odense haben mehr als 50.000 Frauen ab einem Alter von 20 Jahren eingeladen, an einer webbasierten Querschnittsstudie teilzunehmen (Int Urogynecol J 2019; 30: 1565–1574). Mehr als 26.000 Frauen beantworteten die Fragen.

Fast 6000 Teilnehmerinnen (22,1 Prozent) berichteten von Inkontinenzsymptomen in den vorangegangenen vier Wochen (Stress-, Dranginkontinenz oder unwillkürlicher Urinabgang ohne Belastung oder Drang). Dabei stieg der Anteil mit dem Alter, er lag für die 20- bis 39-Jährigen bei 12,2 Prozent und bei 41,5 Prozent in der Gruppe der Frauen über 80.

71,4 Prozent der Betroffenen gaben an, keine professionelle Hilfe gesucht zu haben. 45,0 Prozent sagten, sie hätten auch mit keinen nahestehenden Personen über ihre Schwierigkeiten gesprochen. 38,8 Prozent der Studienteilnehmerinnen hatten niemanden – weder Nahestehende noch Mediziner – ins Vertrauen gezogen.

Gespräche mit Nahestehenden

Sofern sich die Frauen ihrem persönlichen Umfeld öffneten, waren es vor allem ihre (Ehe-)Partner, Freunde oder Kinder, mit denen sie ihre Probleme besprachen. Solche Gespräche spielen offenbar eine wichtige Rolle dabei, Barrieren beiseite zu räumen. Denn Frauen, die über ihre Inkontinenz im engsten Kreis reden konnten, suchten auch drei- bis fünfmal so häufig professionelle Hilfe wie Frauen, die auch gegenüber nahestehenden Menschen schwiegen.

Unterschiede taten sich in einzelnen Untergruppen auf. So erhöhte sich der Anteil derer, die sich in medizinische Hände begaben, wenn mehr als ein Inkontinenztyp vorlag, wenn die Besorgnis stieg, die Symptome länger als ein halbes Jahr anhielten oder das Alltagsleben stärker beeinträchtigt war. Generell neigten Frauen über 60 eher dazu, ihre Inkontinenz nicht zu verschweigen und sich helfen zu lassen.

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