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Längsschnittliche Kohortenstudie

Ist zu wenig Social Media auch nicht gut für Kinder und Jugendliche?

Die Ergebnisse einer australischen Befragung von Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 4 bis 12 legen nahe, dass nicht nur eine hohe Social-Media-Nutzung das Wohlbefinden trüben kann – unter bestimmten Umständen ging auch eine vollständige Abstinenz mit Nachteilen einher.

Von Moritz Borchers Veröffentlicht:
Nahaufnahme eines Smartphone-Bildschirmes mit den Icons verschiedener Social-Media-Apps.

Die Autorinnen und Autoren resümieren, dass sowohl Abstinenz als auch intensive Nutzung von sozialen Medien problematisch sein können und dass die Auswirkungen sozialer Medien vom Alter und Geschlecht abhängen.

© Viktor / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie hängt bei Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 4 bis 12 die Nutzung von sozialen Medien nach der Schule (Montag bis Freitag; 15 bis 18 Uhr) mit dem Wohlbefinden zusammen?

Ergebnisse: In einer großen australischen Kohortenstudie, in der quer- und längsschnittliche Ansätze zum Einsatz kamen, ergaben sich komplexe, nichtlineare Zusammenhänge zwischen der wöchentlichen Nutzungsdauer und dem Wohlergehen, die geschlechts- und klassenstufenabhängig variierten. Während eine exzessive Nutzung stets mit Nachteilen einherging, war auch eine komplette Nichtnutzung bei älteren Schülerinnen und Schülern mit einem schlechteren Wohlbefinden assoziiert, gerade bei Jungen. Mädchen waren insgesamt anfälliger für nachteilige Effekte der Social-Media-Nutzung.

Bedeutung: Empfehlungen für die öffentliche Gesundheit sollten laut Studienteam über einfache zeitbasierte Grenzwerte hinausgehen und eher eine ausgewogene und zielgerichtete digitale Nutzung als Teil einer umfassenderen Strategie zur Förderung des Wohlbefindens Jugendlicher unterstützen.

Einschränkung: Potenzielle Störgrößen (psychische Gesundheit zur Baseline, Familienkonstellationen, schulische Belastung etc.) ließen sich nicht kontrollieren. Die Social-Media-Nutzung am Wochenende wurde nicht analysiert, genauso wenig wie Art und Inhalt der konsumierten Medien.

Adelaide. „Diese längsschnittliche Kohortenstudie liefert überzeugende Belege dafür, dass eine hohe Nutzung sozialer Medien durchgängig mit einem schlechteren Wohlbefinden verbunden war, während die günstigsten Social-Media-Effekte vom Entwicklungsstadium und vom Geschlecht abhingen.“

So fassen Forscherinnen und Forscher um Ben Singh von der University of South Australia in Adelaide die Ergebnisse einer Befragung (n ≥ 100.000) von Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 4 bis 12 zu ihrem Social-Media-Konsum unter der Woche (Montag bis Freitag; 15 bis 18 Uhr) zusammen (JAMA Pediatr 2026; online 12. Januar).

Bemerkenswert ist, dass bei älteren Schülerinnen und Schülern auch eine komplette Social-Media-Abstinenz mit einem ähnlich schlechten (oder gar schlechteren) Wohlbefinden assoziiert war wie ein hoher Konsum.

Komplexes Studiendesign

Das Team um Singh hatte ein komplexes Studiendesign gewählt (siehe unten), das Elemente von Längs- und Querschnittsstudien vereint. Zudem hatten die Forschenden jeweils nach Geschlecht und Klassenstufe differenziert und sich bei ihren Auswertungen von der Annahme leiten lassen, dass Social-Media-Konsum und Wohlbefinden auch nicht linear sein verbunden sein könnten (also etwa, dass eine u-förmige Beziehung den Zusammenhang am besten beschreibt – wofür sie dann schlussendlich auch Anhaltspunkte gefunden haben).

All das sorgt jedoch dafür, dass sich die Ergebnisse nur bedingt „verdichten“ lassen. Interessierte sollten daher in jedem Fall die Originalpublikation für Detailergebnisse konsultieren. Verkürzt ergab sich aber folgendes Bild:

  • Bei jüngeren Mädchen (Klassenstufen 4–6) fiel das Wohlbefinden am größten aus, wenn diese Social Media gar nicht nutzten. Ab der mittleren Adoleszenz (Klassenstufen 7–9) war dagegen eine moderate Nutzung (> 0 bis 12,5 h pro Woche) mit Blick auf das Wohlbefinden am besten (was sich in den Klassenstufen 10–12 fortsetzte). Ein hoher Konsum (mehr als 12,5 h pro Woche) ging durchgängig mit einem geringeren Wohlbefinden einher.
  • Unter Jungen war das Wohlbefinden in den Klassenstufen 4 und 5 am besten, wenn sie Social Media gar nicht oder moderat nutzten. „Ab der mittleren Adoleszenz war eine Nichtnutzung zunehmend mit ungünstigeren Ergebnissen verbunden und übertraf bis zum späten Jugendalter sogar das Risiko einer hohen Nutzung“, wie Singh et al. berichten. Insgesamt war ein hoher Konsum auch bei Jungen durchgehend mit ungünstigen Auswirkungen auf das Wohlergehen verbunden.

„Diese Zusammenhänge verdeutlichen, dass sowohl Abstinenz als auch intensive Nutzung problematisch sein können und dass die Auswirkungen sozialer Medien vom Alter und Geschlecht abhängen“, bilanzieren Singh und seine Kolleginnen und Kollegen.

„Empfehlungen für die öffentliche Gesundheit sollten daher über einfache zeitbasierte Grenzwerte hinausgehen und eine gesunde, ausgewogene und zielgerichtete digitale Nutzung als Teil einer umfassenderen Strategie zur Förderung des Wohlbefindens Jugendlicher unterstützen.“

Warum sollte Abstinenz ein Problem sein?

Zu den Gründen, warum auch eine Nichtnutzung von Social Media ggf. Nachteile haben kann, schreibt das Studienteam: Während in der frühen Adoleszenz soziale Bedürfnisse wahrscheinlich ausreichend durch Offline-Interaktionen gestillt werden könnten, würden soziale Medien ab der mittleren Adoleszenz „zu einem zentralen Ort, um Beziehungen zu Gleichaltrigen aufrechtzuerhalten, Identität auszudrücken und Zugehörigkeit zu erleben“.

In dieser Phase könne ein moderater Konsum Verbundenheit und soziale Unterstützung fördern, während sowohl die hohe als auch die vollständige Nichtnutzung die Vulnerabilität erhöhten – entweder durch soziale Vergleiche oder durch soziale Isolation, so die Vermutungen von Singh et al.

„Im späten Jugendalter, wenn Selbstidentität und emotionale Regulation weiter ausgereift sind, können die Risiken einer hohen Nutzung etwas abnehmen, während Abstinenz zunehmend die Möglichkeiten sozialer Teilhabe und Zugehörigkeit zu Peers einschränken kann.“

Dass Mädchen für negative Social-Media-Auswirkungen insgesamt anfälliger waren, passe zu Erkenntnissen anderer Studien, so die australischen Forscherinnen und Forscher. Als Erklärung infrage komme, dass Jungen soziale Medien eventuell stärker für gemeinsame Aktivitäten wie Gaming nutzten, während bei Mädchen möglicherweise eher Inhalte im Vordergrund stünden, in denen es um Aussehen, soziale Vergleiche und Feedback ginge.

Methodisches in aller Kürze

Der gewählte Studienansatz bestand in einem längsschnittlichen, sequenziellen Kohortendesign. Während in einer reinen Längsschnittstudie (überwiegend) dieselben Individuen der Zielpopulation wiederholt befragt werden, werden bei einer sequenziellen Kohortenstudie verschiedene querschnittliche Messungen der Zielpopulation kombiniert.

Konkret hatte das Team Messungen aus den Jahren 2020 bis 2022 herangezogen, wobei in jedem der drei Jahre (2020, 2021, 2022) alle Klassenstufen befragt worden waren. Daraus folgt, dass je Individuum maximal drei wiederholte Messungen erfolgt sein konnten (während es bei einer reinen Längsschnittstudie mit jährlicher Befragung wenigstens neun Messungen gewesen wären).

Die Daten stammten aus der sogenannten Wellbeing and Engagement Collection (WEC), ein „jährlicher Zensus“ aller Jahrgänge staatlicher Schulen in Südaustralien. Die Befragung erfolgt stets online unter Aufsicht von Lehrkräften im Klassenraum.

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Wohlbefinden wurde im Anschluss an andere WEC-Studien in acht Domänen durch bereits in diesem Kontext etablierte fünfstufige Skalen erfasst (Glücklichkeit [„happiness“], Optimismus, Lebenszufriedenheit, Besorgnis, Traurigkeit, Beharrlichkeit [„perseverance“], Emotionsregulation und kognitive Stimulation [„cognitive engagement“]). Für die meisten Analysen wurden die Werte zu einem Score verrechnet, wobei ein Score von unter 3 Punkten als Indikator für niedriges Wohlbefinden galt.

Die zeitlichen Grenzen für die Social-Media-Nutzungszeiten (keine Nutzung/moderat/hoch) wurden vorab festgelegt, wobei es das Ziel war, dass diese „bedeutsame Nutzungsmuster reflektieren“. Der Grenzwert von mehr als 12,5 Stunden pro Woche (hohe Nutzung) entsprach einer Dauer von etwa zwei oder mehr Stunden Social-Media-Konsum an Wochentagen nach der Schule, wie die Forscherinnen und Forscher erklären.

Ein Wort zu Limitationen

Trotz der aufwendigen Methodik mit längsschnittlichen Anteilen und der Kontrolle bestimmter Störgrößen, bleiben prinzipiell gewisse Fragen zur Kausalität der gefundenen Zusammenhänge.

Unterschiede in der Social-Media-Nutzung könnten ja – zumindest in der Theorie – auch eher „Symptome“ von anderen, vielleicht noch bedeutsameren positiven wie negativen Wohlbefindensfaktoren sein, darunter außerschulische Aktivitätsoptionen, das Fehlen oder Vorhandensein von Offline-Freunden, psychische Probleme, bestimmte Familienkonstellationen oder auch schulische Fähigkeiten und Belastungen.

Zudem stellt sich die Frage, wie die Ergebnisse ausgefallen wären, wenn anstelle der a priori festgelegten Nutzungszeitgrenzen in den einzelnen Altersklassen verteilungsbasierte Definitionen zugrunde gelegt worden wären (zum Beispiel: hoher Konsum = Nutzungszeit, die oberhalb einer bestimmten Perzentile liegt).

Denn während in den Klassenstufen 4–6 gemäß der starren Definition nur 11 Prozent auf die Kategorie „hoher Konsum“ entfielen, waren es in den Klassen 7–9 schon 36 Prozent und bei den Klassenstufen 10–12 gut die Hälfte (47 Prozent).

Auch, dass die Social-Media-Nutzung am Wochenende ausgeklammert war und sich nicht nach einzelnen Social-Media-Inhalten differenzieren ließ, sind potenzielle Limitationen der Untersuchung.

Zu ihren Stärken zählen dagegen die sehr große Stichprobe, die längsschnittliche Komponente von immerhin drei Jahren und die Berücksichtigung nichtlinearer Zusammenhänge.

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