Krämpfe - aber keine Epilepsie

JENA. Kleinkinder, die im Schlaf plötzlich rhythmisch den Kopf aufs Kissen schlagen, Jugendliche, die ihre Beine minutenlang nicht mehr unter Kontrolle haben: Solche paroxysmalen Ereignisse sind bei Kindern nicht selten. Auch wenn die Anfälle spektakulär aussehen - eine schwerwiegende neurologische Erkrankung steckt selten dahinter.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Bei Krampfanfällen führt ein EEG differenzialdiagnostisch weiter.

Bei Krampfanfällen führt ein EEG differenzialdiagnostisch weiter.

© Foto: Epilepsiezentrum Bethel

Bei Kindern mit Anfällen fällt schnell der Verdacht auf eine Epilepsie. Doch bei 10 bis 20 Prozent der Kinder, bei denen zunächst eine Epilepsie diagnostiziert wird, haben die Anfälle andere Ursachen. Dafür sprechen etwa Daten zweier Studien mit zusammen über 1000 Kindern.

Am häufigsten hatten Kinder mit einer solchen Fehldiagnose Migräne, Synkopen oder psychische Störungen, hat Professor Gerhard Kurlemann vom Zentrum für Jugendmedizin der Universität Münster berichtet. Oft genüge bei Kindern mit paroxysmalen Ereignissen schon eine gründliche klinische Untersuchung, um auf die richtige Spur zu kommen. Beim Neuropädiatrie-Kongress in Jena gab Kurlemann einige Tipps zur Differenzialdiagnose bei paroxysmalen Ereignissen:

  • Schlagen Säuglinge und Kleinkinder etwa rhythmisch und stereotyp mit ihrem Kopf aufs Bett oder wackeln sie mit ihrem Oberkörper, kann es sich um eine etwas heftigere Form des nächtlichen Kopfrollens (Jactatio capitis nocturna) handeln. Sie tritt praktisch nur beim Übergang vom Wachen in den Schlaf auf. Am häufigsten sind hierbei jedoch nur wenig gefährliche Rollbewegungen von Kopf und Nacken. Die Anfälle können wenige Sekunden bis zu 30 Minuten dauern. Meist treten sie innerhalb des ersten Lebensjahres auf, ganz selten nur dauern sie bis zum fünften Jahr, so Kurlemann. Die beste Therapie: Das Bett so polstern, dass sich die Kinder nicht verletzten können und warten, bis sich die Anfälle auswachsen.
  • Plötzliche Schreianfälle mit kurzen Kloni sowie Krämpfe der Rückenmuskulatur (Opisthotoni) und Zyanose - dies mag bei Kleinkindern und Säuglingen ebenfalls dramatisch aussehen, ist in der Regel aber ebenfalls keine Epilepsie, sondern ein Affektkrampf (breath holding spell). Im Gegensatz zu tonisch-klonischen Anfällen kommen solche Affektkrämpfe nicht im Schlaf vor. Auslöser sind oft Wut, Schmerz oder ein plötzlicher, unerwarteter Reiz. Die Kinder können dabei das Bewusstsein verlieren, die Anfälle verschwinden, wenn die Kinder älter werden. Ein wichtiges Unterscheidungskriterium: Das interiktale EEG ist bei Affektkrämpfen stets normal.
  • Wenn Kleinkinder plötzlich beginnen, rhythmisch mit dem Kopf zu nicken und ein Nystagmus oder Torticollis deutlich wird, kann das ebenfalls eine selbstlimitierende Störung sein - ein Spasmus nutans. Die genannten Symptome treten bei einem Anfall jedoch nicht immer zugleich auf. Das konstanteste Symptom dabei ist der Nystagmus, sagte Kurlemann bei einem von Janssen-Cilag unterstützten Symposium. Wichtig hierbei: Tumoren der Sehbahn sowie eine Retinitis pigmentosa müssen ausgeschlossen werden.
  • Sehr stark an einen epileptischen Anfall erinnern auch Krämpfe und Bewusstseinsverlust nach einem Schädeltrauma. Beginnen die Krämpfe unmittelbar nach einem Trauma, etwa nach einem Zusammenstoß beim Fußballspielen, deutet dies jedoch auf eine konkussive Konvulsion. Innerhalb weniger Sekunden nach dem Trauma kommt es dabei zu einer generalisierten Tonuserhöhung. Es folgen myoklonische Zuckungen, häufig asynchron und fazial. Der Zustand dauert jedoch nie länger als zwei bis drei Minuten, die Betroffenen sind anschließend meist sofort wieder fit und entwickeln später keine Epilepsie.
  • Auf den ersten Blick lassen auch abrupt beginnende, völlig unkontrolliert wirkende Arm- und Beinbewegungen bei Jugendlichen an eine Epilepsie denken. Doch gerade wenn das Bewegungsmuster sehr bizarr ist, wenn Amplitude und Frequenz während eines Anfalls variieren und die Betroffenen dabei ansprechbar sind, deutet vieles auf psychische Ursachen. Bei psychogenen Anfällen nehmen die Bewegungen oft zu, wenn die Patienten beachtet werden, werden sie von der Umgebung ignoriert, flauen sie dagegen ab. Die Anfälle treten in der Regel nie nachts auf, die Augen sind dabei oft geschlossen - bei Epilepsie meist offen. Typische Epilepsie-Zeichen wie Zungenbiss und Zyanose fehlen fast immer, dagegen sprechen die Patienten auf Placebo oder eine psychosomatische Therapie an. Auch hier kann ein interiktales EEG Klarheit schaffen: Die Signale sind bei psychogenen Anfällen normal. Wichtig dabei: Oft geht den Anfällen ein psychisches Trauma voraus.
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