Nach Höhlenrettung

Mediziner suchen Erklärung für das "Wunder"

Die Rettung des Höhlenforschers Johann Westhauser im Sommer gibt Rätsel auf: Tagelang harrte er mit schwerem Schädel-Hirntrauma in 1000 Meter Tiefe aus - und hat trotzdem keine bleibenden Schäden zurückbehalten.

Veröffentlicht:

MURNAU. Der Fall des nach einem tagelang unbehandelten Schädel-Hirn-Trauma völlig genesenen Höhlenforschers Johann Westhauser gibt Medizinern Rätsel auf. Nach dem Unfall in der Riesending-Höhle im Juni hatte ein Arzt den 54-Jährigen erst nach knapp vier Tagen erreicht.

Erst nach elf Tagen kam er in die Klinik. Normalerweise hätte der Patient sofort auf eine Intensivstation gemusst. Dennoch hat Westhauser keine bleibenden Schäden davongetragen - schon nach zwei Monaten kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück.

Gerade die Verzögerung bei der Rettung könnte in diesem Einzelfall zuträglich gewesen sein. "Es gibt die Vermutung, dass es für ihn in dieser ganz speziellen Situation positiv war, dass er nicht transportiert worden ist, sondern gelegen hat", sagt der Ärztliche Direktor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau, Volker Bühren, wo Westhauser nach seiner Rettung behandelt wurde.

Patient hatte sich stabilisiert

Westhausers Transport begann erst fünf Tage nach dem Unfall. "Glücklicherweise traf dieser Zeitpunkt mit dem optimalen Transportstart aus medizinischer Sicht zusammen, denn der Patient hatte sich deutlich stabilisiert", schrieb der Höhlennotarzt Thomas-Michael Schneider im "Bayerischen Ärzteblatt" (Oktober 2014: 558).

Jede Erschütterung und jede Bewegung kann bei einer Gehirnblutung die Lage verschlechtern. Als erstaunlich werten Mediziner deshalb auch, wie Westhauser den folgenden sechstägigen Transport über 1000 Höhenmeter überstand. Er wurde teils senkrecht, teils waagrecht oder gar kopfüber getragen.

"Der Patient erholte sich während des Transportes und erreichte die Oberfläche in einem besseren Zustand als er den Unfallort verlassen hatte", sagt der am Einsatz beteiligte Neurochirurg Michael Petermeyer.

Er glaubt zudem, dass gerade der Flüssigkeitsverlust mangels Infusionen an den ersten Tagen die Hirnschwellung eindämmte. "Wir gehen davon aus, dass die negative Flüssigkeitsbilanz einen günstigen Einfluss hatte."

In den ersten drei bis vier Tagen ist die Gefahr der Gehirnschwellung am größten. In welche Richtung es dann ohne intensivmedizinische Behandlung weitergeht, ist kaum vorhersagbar.

Im besseren Fall geht die Schwellung zurück und die Blutung stoppt durch die Gerinnung. "Bei diesen Schädel-Hirn-Traumata gibt es immer Fälle, die deutlich besser ausgehen als man denkt - und Fälle, die schlechter ausgehen. Tatsache ist, dass über lange Zeit keine klassische Therapie möglich war. Dafür hat er sich extrem gut erholt", sagt Bühren.

Die Ärzte beeindruckt auch, wie Westhauser den Unfall psychisch weggesteckt hat. Gerade in einem solchen Fall wäre eine posttraumatische Belastungsstörung mit schweren Beeinträchtigungen wie Ängsten eine wahrscheinliche Folge gewesen, meint Bühren.

"Er ist ein extrem stabiler Mensch, der sich dieses Risiko, was da unten passieren kann, genau vergegenwärtigt hatte." (dpa)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Strukturelle Ursachen ausschließen!

Das sind die Red Flags bei Nackenschmerzen

Systematisches Review mit Metaanalyse

Psychische Probleme wohl mit akutem Koronarsyndrom assoziiert

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

© Vink Fan / stock.adobe.com

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg

ADHS im Erwachsenenalter

Wechseljahre und ADHS: Einfluss hormoneller Veränderungen auf Symptomatik und Diagnose

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Iserlohn
Neue Ansätze zur Behandlung seltener Krankheitsbilder

© Dr_Microbe / stock.adobe.com

Entwicklungen in der Therapie neuromuskulärer Erkrankungen

Neue Ansätze zur Behandlung seltener Krankheitsbilder

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Strukturelle Ursachen ausschließen!

Das sind die Red Flags bei Nackenschmerzen

Herzinsuffizienz

HFrEF-Therapie: So sieht die optimale Therapie (derzeit) aus

Lesetipps
Eine Frau hält eine Lupe über die Abbildung einer Gebärmutter.

© Gambar / stock.adobe.com

Humane Papillomviren

Nach Impfung: HPV-Screening nur zwei- bis dreimal im Leben?

Ein einbandagierter Fuß

© Patrick Bonnor / stock.adobe.com

Wundheilung

Ulcus cruris venosum: Was für die Kompressionstherapie wichtig ist

Rita Süssmuth steht in ihrem Büro im Deutschen Bundestag.

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Nachruf

Rita Süssmuth: Kämpferin gegen Diskriminierung