Nach Fukushima-Katastrophe

Mehr Kinder mit Schilddrüsenkrebs als erwartet

Beunruhigende Ergebnisse vier Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima: In den betroffenen Gebieten ist die Rate von Kindern und Jugendlichen mit Schilddrüsenkarzinom viel stärker gestiegen als bislang gedacht.

Von Robert BublakRobert Bublak Veröffentlicht:
Bewohner von Fukushima, die zum Zeitpunkt des Reaktorunglücks jünger als 18 Jahre waren, durften sich sonografisch untersuchen lassen.

Bewohner von Fukushima, die zum Zeitpunkt des Reaktorunglücks jünger als 18 Jahre waren, durften sich sonografisch untersuchen lassen.

© zilli / iStock.com

OKAYAMA. Bei dem Unglück im japanischen Kernkraftwerk Fukushima, bei dem 2011 nach einem Erdbeben und einem Tsunami die Kerne in drei Reaktorblöcken schmolzen, wurde radioaktives Material mit einer Aktivität von schätzungsweise 900 Petabecquerel freigesetzt, überwiegend in Form von Jod-131.

Die Strahlung entspricht etwa einem Sechstel jener, die beim Super-GAU von Tschernobyl frei wurde. Der Unfall von Fukushima wurde auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse in die höchste Kategorie eingeordnet.

Screening für alle, die damals jünger als 18 waren

Nach der Katastrophe legte die japanische Regierung ein Screeningprogramm auf Schilddrüsenkrebs auf. Alle Bewohner der Präfektur Fukushima, die zum Zeitpunkt der Reaktorhavarie jünger als 18 Jahre waren, konnten daran teilnehmen und ihre Schilddrüse sonografisch untersuchen lassen.

Wissenschaftler der Universität Okayama, geführt von Toshihide Tsuda, haben die Daten ausgewertet (Epidemiology 2015; online 5. Oktober).

Knapp 300.000 Screenings wurden vorgenommen, etwa 81 Prozent der Berechtigten beteiligten sich. Verdächtige Ergebnisse fanden sich in 2251 Fällen. Betroffene konnten sich ein zweites Mal untersuchen lassen, 92 Prozent von ihnen machten von diesem Angebot Gebrauch. 110 Schilddrüsenkarzinome wurden diagnostiziert, wie die Forscher berichten.

Je nachdem, wie nahe der Wohnort der Untersuchten zum Zeitpunkt des Unfalls am Kernkraftwerk gelegen hatte, stiegen die Inzidenzen von Schilddrüsenkarzinomen und lagen bis zu 50-mal höher als im japanischen Mittel (drei Fälle pro eine Million Einwohner und Jahr).

"Die Inzidenz ist rascher gestiegen, als es die Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation erwarten ließen", schreiben die japanischen Forscher. Die Strahlenbelastung für die Schilddrüse habe in der Präfektur Fukushima möglicherweise beträchtlich höher gelegen als vermutet. Mit mehr Fällen in den kommenden Jahren sei zu rechnen.

Auch Lymphknoten befallen

Dem Einwand, die Steigerung der Inzidenz sei mit einem Screeningeffekt erklärbar, widersprechen Tsuda und Kollegen. Dafür ist ihrer Meinung nach die Steigerung der Inzidenz zu groß. In 74 Prozent der in der Universitätsklinik von Fukushima operierten Karzinome seien zudem die Lymphknoten befallen gewesen.

Das spreche dagegen, dass beim Screening Tumoren in besonders frühem Stadium entdeckt worden seien. Das Aufdecken solcher Frühstadien ist typisch für Maßnahmen zur Reihenuntersuchung.

Inzwischen hat eine zweite Screeningrunde begonnen, und erneut ist eine Inzidenzerhöhung um mehr als das 13-Fache festzustellen. Das widerspricht ebenfalls der Annahme, die zunehmende Entdeckung von Schilddrüsenkarzinomen sei auf das Screening zurückzuführen.

 Wäre dem so, hätte es in der ersten Runde einen Ernteeffekt bei okkulten Karzinomen gegeben. Eine weitere Steigerung in Runde zwei wäre dann nicht zu erwarten.

Auch über die Situation in Weißrussland nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl liegen neue Daten vor. Sie betreffen das Risiko von Kindern und Jugendlichen, follikuläre Adenome der Schilddrüse zu entwickeln (Am J Epidemiol 2015, online 5. Oktober).

Am anfälligsten dafür, durch freigesetztes Jod-131 ein solches Adenom zu entwickeln, sind demnach Kinder, die der Radioaktivität in einem Alter unter zwei Jahren ausgesetzt waren. Mit zunehmendem Alter nimmt die Gefahr ab.

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